SynästhesieWenn Musik nach frischer Pfefferminze klingt

Johanna Weckesser erlebt ihr Musikstudium anders als ihre Kommilitonen. Sie ist Synästhetikerin und nimmt Töne auch als Farben und Formen wahr. von Lara Sogorski

Johanna Weckesser

Johanna Weckesser  |  © Rebekka Weckesser

Die Zahl vier ist für Johanna Weckesser sauer, die Aura ihrer Schwester empfindet sie wie den Geschmack einer Melone und wenn sie den Klang eines Cembalos hört, taucht in ihrem Kopf ein Bild ähnlich wie beim Geruch von frischer Pfefferminze auf. Doch Johanna Weckesser hat keine Halluzinationen. Die 24-jährige Musikstudentin aus Berlin lebt mit Synästhesie, umgangssprachlich Sinnesvermischung. Das bedeutet, ein einzelner Sinnesreiz löst bei ihr zugleich mehrere Wahrnehmungen aus.

"Töne und Geräusche zum Beispiel kann ich nicht nur hören, sondern nehme sie auch als Formen und Farben wahr", sagt Weckesser. So sieht sie das Surren ihres Kühlschranks als dünne weiße Fäden vorbeiziehen. Auch der Anblick eines Menschen löst bei ihr eine synästhetische Wahrnehmung aus. "Die Realität nehme ich so wahr, wie jeder andere auch. Aber gleichzeitig ist da ein Raum vor meinem inneren Auge, in dem sich alles abspielt."

Anzeige

Forscher erklären Synästhesie damit, dass jeweils zwei unterschiedliche Sinneswahrnehmungen im Gehirn miteinander verknüpft sind. Normalerweise sind die Gehirnzentren für die fünf Sinne Hören, Sehen, Riechen, Schmecken und Fühlen voneinander getrennt. Schätzungsweise fünf Prozent aller Menschen sind Synästhetiker, wobei mehr Frauen als Männer die besondere Fähigkeit besitzen.

In der Regel wird sie über Vererbung weitergegeben. Eine Theorie besagt außerdem, dass Säuglinge in den ersten Monaten ebenfalls über die nötigen Verbindungen im Gehirn für eine synästhetische Wahrnehmung verfügen. Diese würden dann mit der Zeit verkümmern. Bei Synästhetikern blieben sie erhalten.

Erst mit 17 Jahren hat Johanna Weckesser ihre außergewöhnliche Wahrnehmungsfähigkeit bewusst wahrgenommen. In ihrem Studium macht sie sich diese sogar zunutze. Seit 2009 lernt sie Jazz-Gitarre am Berliner Jazz-Institut, das zur Universität der Künste Berlin und zur Hochschule für Musik Hanns-Eißler gehört. "In der Musik ist Synästhesie wie ein zweites Gehör für mich." So kann sie jedem Instrument, ob es laut oder leise spielt, den unterschiedlichen Akkorden und Melodien automatisch ein ganz bestimmtes Form- und Farbmuster zuordnen.

Stellt der Lehrer zum Beispiel die Aufgabe, für ein Stück alle Akkorde bloß nach Gehör aufzuschreiben, orientiert sich Weckesser vor allem an den Mustern in ihrem Kopf. "Es gibt so viele Regeln in der Musiktheorie, an die man sich halten muss. Lieber arbeite ich intuitiv. Dabei hilft mir dann meine Synästhesie, und ich kann die Aufgaben genauso gut lösen."

Ein besonderer Effekt entsteht, wenn sie sich ein komplettes Musikstück anhört und der letzte Ton verklungen ist. Dann blickt Weckesser vor ihrem inneren Auge auf ein komplettes Bild mit all den Formen und Farben, die sie den einzelnen Instrumenten und Melodien während des Zuhörens zugeordnet hat. "Wie das funktioniert, kann ich mir nicht erklären. Eigentlich ist das ja total irrational, weil wir nur im Zeitverlauf hören. Und trotzdem kann ich am Ende alles auf einen Blick sehen."

Leserkommentare
  1. und aufschlußreich! Ich glaube,daß diese Fähigkeit im Grunde jeder Mensch mehr oder weniger besitzt! Ich kann mich selbst mit meiner Wahrnehmung in diesem Bericht auch ein bisschen wiederfinden(Sinnesüberflutung). Daß alle sinnlichen Wahrnehmungen miteinander verknüpft sind, erkennt man auch daran, daß durch Gerüche z.B. Erinnerungen und damit Gemütsbewegungen oder Gedankengänge plötzlich heraufbeschworen werden können.Das kennt ja wohl fast jeder.
    Oder z.B. so etwas wie eine "innere Schau". Ich habe z.B. in den ersten Tagen von "Tschenobyl" nach dem Genuß von ziemlich viel frischen Kirschen abstrakte Bildformationen in unangenehmen Farben und Formen "gefühlt", bzw. "gesehen". Ich war mir dabei instinktiv im Klaren,daß diese Farb-und Form-Kombinationen etwas völlig fremdes, nicht zu meinem Organismus passendes waren. Später, gar nicht lange her, habe ich so etwas in der Art mehrfach wieder erlebt.Da waren es z.B. unangenehm anorganische Formen, meist Vierecke. Ich bin mir ziemlich sicher, daß ich alle möglichen Arten von Strahlung auf diese Art wahrnehmen kann.Vielleicht hat man dadurch auch die Möglichkeit, z.B. Schädliches besser, weil bewußter, abwehren zu können.

  2. Ich bin kein Menschenforscher aber 5% ist ganz schön viel dafür, dass ich es nicht mal kannte.
    Aber es klingt sehr interessant.

    Wie stelle ich mir dann ein Stück von Strawinsky oder Schönberg vor?

    Millionen Kisten mit jeweils vier Ecken, aber 12 Kanten.
    In einem Raum mit 12 Wänden, die alle senkrecht aufeinander Stehen? Kann ich das mal testen?

  3. Bislang kenne ich das nur vom kanadischen Musiker und Produzenten Devin Townsend. Laut Wikipedia hat er (neben einer bipolaren Störung) ebenfalls Synästhesie. Das wiederum hat mir im Nachhinein vieles in den Stücken seiner damaligen Trash-Metal-Band "Strapping Young Lad" erklärt (das und die Tatsache, dass er in der Zeit alle erdenklichen Drogen konsumiert und die Musik der Band als Ventil für seine Aggressionen nutzte).

    Prinzipiell finde ich ja die Beschreibung unterschiedlicher Wahrnehmungen sehr spannend. Denn unsere Wahrnehmung ist letztendlich unsere persönliche Interpretation unserer Umwelt. Ich z.B. habe mit 30 erst bewusst entdeckt, dass ich nur mit einem Auge und damit nur zweidimensional sehe. Gut, das hatte ich vermutet, aber meine Erkenntnis war: Alle anderen (gesunden) Menschen haben mit ihrer dreidimensionalen Sicht eine völlig andere Wahrnehmung als ich. Für mich bis heute nicht vorstellbar was ein 3Dler sehen kann.

    In dem Zusammenhang frage ich mich gerade, wie wir auf einen Synästhesisten wirken müssen... blind? Taub? Beides ein bisschen?

    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    Ich wollte nur noch anfügen, dass ich Devin Townsend Musik kenne und bei ihm die Veranlagung in der Musik zu erkennen ist bzw. an den Ambient Passagen von Terria und The Hummer in denen er Atmosphären und Geräusche verwendet. Bei dieser Gelegenheit poste ich gerade in eigener Sache mein Klangstück und hoffe, dass die Synästhesien herüberkommen "Walk on the desertside" http://www.youtube.com/watch?v=no2D9jFUTEY

    "Bislang kenne ich das nur vom kanadischen Musiker und Produzenten Devin Townsend."
    Hendrix war auch einer.

  4. Mit 23 Jahren habe ich festgestellt, dass ich Synästhetiker bin. Ein Freund spielte mir Musik der Gruppe Dead Can Dance vor und wies mich an, dass ich doch etwas vor meinem geistigen Auge sehen solle. Es hat direkt funktioniert und auch mit anderer Musik wie Gustav Mahler hat es daraufhin immer wieder funktioniert. Entweder laufen mir Filme rhythmische Farbenspiele oder Animationen vor Augen ab. Die Melodien entscheiden dabei über das Bild und der Takt über die Bewegung. Ich habe immer wieder vesucht es anderen Menschen zu zeigen, aber ich traf nur wenige Menschen die auf "Musik sehen" ansprachen. Es ist bei mir nicht auf Musik beschränkt, denn schon als Kind konnte ich gut, ohne zu sehen was das Geräusch verursacht, ein Bild davon bekommen. Auch habe ich, wenn im Treppenhaus eine bekannte Person geht, bildlich vor Augen welche Person es ist. Falls ich die Person nicht kenne habe ich eine Phantombild der Person vor Augen und kann mir deren Bewegung vorstellen. Andere Synästhesien gelinge mir nur mit längerer Übung. Synästhesien gibt es in der Literatur z.B. bei Thomas Manns Tod in Venedig, wo der Tagtraum über den "mephitischen Odem" eine Assoziation zu Venedigs stinkenden Kanälen darstellt oder ds Madelaine-Gebäck bei Prousts "Suche nach der verlorenen Zeit". Auch Lautmalerei ist eine synästhetisches Stilmittel. Überdies haben Metaffern und Allegorien mitunter synästhetische Komponenten oder basieren ganz darauf und es ist wie "wenn Musik nach frischer Pfefferminze klingt".

  5. Ich wollte nur noch anfügen, dass ich Devin Townsend Musik kenne und bei ihm die Veranlagung in der Musik zu erkennen ist bzw. an den Ambient Passagen von Terria und The Hummer in denen er Atmosphären und Geräusche verwendet. Bei dieser Gelegenheit poste ich gerade in eigener Sache mein Klangstück und hoffe, dass die Synästhesien herüberkommen "Walk on the desertside" http://www.youtube.com/watch?v=no2D9jFUTEY

  6. Ich denke sogar, dass noch viel mehr Menschen (natürlich deutlich geringer ausgeprägt) gewisse Tendenzen haben, jeder seine eigene. Der ein oder andere würde es sogar den 6. Sinn nennen, dabei sind es nur verschmolzene, vermischte Sinneswahrnehmungen.

  7. schon lange einerseits mit Mathematik und andererseits mit bildlicher Wahrnehmung, also mit Malerei, in Verbindung gebracht. Ich denke wirklich, daß die sog. Synästhetik eigentlich etwas ganz natürliches und auch nicht nur menschliches ist. Genauso, wie auch die Telepathie. Das ist ein Bereich, der durch diese widernatürliche Zivilisation stark verkümmert ist. In gleichem Maße, wie der Mensch sich der Natur wieder zuwendete und sie aufleben ließe,würden diese Fähigkeiten sich auch wieder mehr entfalten. Davon bin ich überzeugt.

    • Varech
    • 21. Dezember 2011 11:58 Uhr

    ... ist sehr schön; als röche es nach frischem Heu, das am Abend von der Sonne noch warm ist. Gehört habe ich nichts.

    Pardon! Was sich alte Männer so denken?!

Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren

  • Artikel Auf einer Seite lesen
  • Quelle ZEIT ONLINE
  • Schlagworte Cembalo | Alltag | Gehirn | Berlin
Service