Finanzielle Förderung : Stipendienplan der Bildungsministerin geht nicht auf

Annette Schavan erreicht ihr Ziel, 10.000 Deutschlandstipendien zu vergeben, allenfalls knapp. Denn zu wenige Unternehmen sind bereit zu zahlen.

"Werden Sie Förderer. Junge Talente brauchen Unterstützung", barmt die Freie Universität um Spender für das Deutschlandstipendium . Mit 1.800 Euro pro Jahr ließe sich ein Studierender bei der Ausbildung unterstützen, ist zu lesen. "Nehmen Sie Kontakt zu uns auf, wir freuen uns auf Sie!" – bei solcher Bettelei fällt einem unwillkürlich Erich Kästners Pünktchen ein. Knicksend und mit zittriger Stimme ruft sie: "Streichhölzer, kaufen Sie Streichhölzer, meine Herrschaften. Haben Sie doch Mitleid mit uns armen Leuten."

Glücklicherweise spielt Pünktchen nur Theater. Ihr Vater, Direktor Pogge, ist gut situiert, Pünktchen bettelt in Pogges riesiger Wohnung vor einer silbern tapezierten Wand. Auch bei der FU und ihrer Werbung um Sponsoren spielt echte Bedürftigkeit zum Glück keine Rolle: wie gesagt, es geht um das Deutschlandstipendium.

Das Deutschlandstipendium, das Bundesbildungsministerin Annette Schavan (CDU) in diesem Jahr zum Leben erweckte , verfolgt keineswegs wie das Bafög den Zweck, Kindern aus finanzschwachen Familien das Studium zu ermöglichen. Vielmehr soll es Studierende mit sehr guten Noten belohnen, ehrenamtliches Engagement ist erwünscht, dann winken monatlich 300 Euro. Schavan will damit eine neue "Stipendienkultur" etablieren, nämlich Private in die Bildungsfinanzierung einbeziehen: Der Staat ist bereit, sich an dem Stipendium zu beteiligen, wenn ein Unternehmen sich ebenfalls beteiligt. Weil das Stipendium steuerlich absetzbar ist, zahlt der Staat allerdings nicht nur die Hälfte, sondern zwei Drittel.

Das Konzept ist nicht zeitgemäß

Trotzdem springen den Unternehmen ihre Portemonnaies nicht auf. Schavan kann ihr Stipendienziel für dieses Jahr bestenfalls knapp erreichen. Dabei schien es nicht einmal besonders ehrgeizig. Von den 2,2 Millionen Studierenden sollen 0,45 Prozent, etwa 10.000, ein Stipendium bekommen. Das noch so junge Deutschlandstipendium scheint ohnehin aus einer anderen Epoche zu stammen. Die Erwartung, Unternehmen würden Studierenden bald massenhaft finanziell unter die Arme greifen, stammt aus der Zeit um 2005. Deutschland diskutierte intensiv über Studiengebühren, das Verfassungsgericht kippte das Verbot. Politiker versprachen damals, die Gebühren würden durch Stipendien "abgefedert". Wie sich zeigte, hatte die Wirtschaft aber kein Interesse. Das hätte Schavan zu denken geben können.

So ist es um die Versuche, die Bildungsfinanzierung in Deutschland zunehmend zu privatisieren, nicht gut bestellt. Neben dem Deutschlandstipendium dümpeln die Studiengebühren in nur noch zwei Ländern vor sich hin, und das im Koalitionsvertrag der Bundesregierung angekündigte staatlich unterstützte private Bildungssparen lässt auf sich warten. Deutschland lässt sich nicht zu den USA machen, die ihre Infrastruktur von den Launen reicher Wohltäter abhängig machen. Darum müssen deutsche Unis auch nicht um Stipendien betteln. Zum Glück.

Erschienen im Tagesspiegel

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Kommentare

37 Kommentare Seite 1 von 3 Kommentieren

Kleine Zahlen

//Von den 2,2 Millionen Studierenden sollen 0,45 Prozent, etwa 10.000, ein Stipendium bekommen//

Das klingt nach wenig, aber die Stipendiatenquote liegt deutschlandweit bei ca. 2%. Da sind knapp 0,5% Aufstockung ein spürbarer Fortschritt, zumal ein Großteil der Stipendien im Grundstudium "nur" aus ~80€ Büchergeld im Monat besteht und nicht aus 300€.

//Darum müssen deutsche Unis auch nicht um Stipendien betteln. Zum Glück//

Im Endeffekt müssen die Studenten um Stipendien betteln - und nur 2% sind erfolgreich. Weshalb Frau Kühne das bejubelt, erschließt sich mir nicht.

Die CDU/CSU und der Schock von 1968

Im Jahre 2005 ging es nicht darum, möglichst viele junge Menschen zu einem Hochschulstudium zu bewegen, sondern vielmehr darum, sie davon ABZUSCHRECKEN. Man darf nämlich nicht vergessen, dass die Union damals noch ganz unter dem Eindruck des Leipziger Parteitags von 2004 stand - und damals die "Abrechnung mit den Alt-68ern" im Raum stand.

Letztenendes war auch der Stipendienplan von Frau Schavan nichts weiter, als unausgegorenes ideologisches Gewäsch - zumal ein Großteil der Unternehmen schon damals billige Fachkräfte aus dem Nicht-EU-Ausland nachfragten und an deutschen Hoch- und Fachhochschulabsolventen nicht interessiert waren. Die stellen nämlich dumme Fragen und treten - das ist ein gerne nicht nur hinter vorgehaltener Hand geäußertes Vorurteil - als erstes in die Gewerkschaft ein.

Bafög reicht

Es erschließt sich mir nicht,warum man diese Stipendien braucht.
Sichergestellt werden muss, dass jeder , der den grundsätzlichen Nachweis der Eignung für ein Studium erbracht hat, auch studieren kann.
Im Klartext : Es darf nicht am Geld scheitern .
Dafür haben wir Bafög ,was finanziell so ausgestattet sein muss, dass obiges Ziel erreicht wird.
Im und nach dem Studium zeigt es sich dann , wer zu mehr befähigt ist. Und da findet sich schon jemand , der , und wenn es aus selbstsüchtigen Motiven heraus geschieht , dieses Talent fördert.

Planwirtschaft

Das Denken der uns Beherrschende bekommt mehr und mehr lanwiotrtschaftliche Züge, die zewangsläufig mhr und mehr von der Wirklichkeit abweichen, deren phatasmagorischer Charakter aber von uns zu bezahlen ist:

1. Luxus-Stipendien, von denen man nicht leben kann, als Zuschuss für eine Studentenschaft, die diese mehrheitlich nicht will, finanziert hälftig aus Steuermitteln (!) und vorab schon einmal eingeplanten Firmenspenden.

2. Vorab eingeplanter bzw. vorgegebener Verbrauch einer bestimmten Benzinsorte (E 10).

3. Staatlich erwünschte Beschäftigungspolitik per staatlich vorgegebener Quote (Anteil behinderter Arbeitnehmer, Frauenquote)

4. Nicht einmal technisch wirklich abgesicherte Planvorgaben im Energiesektor von einem Tag auf den nächsten

5. In den Schulen Prozentvorgaben für die Bewertung von Schülerleistungen - jede Klasse bekommt am Ende ungefähr denselben Schnitt, Leistung wird nicht mehr bewertet, sondern per Plan zugeteilt

etc.

In diese Reihe gehört auch die unsägliche Wahltaktik der asymmetrischen Demobilisierung: Man berechnet selbsterzeugte Unzufriedenheit im Voraus und setzt sie taktisch ein: Der Wähler wird nicht mehr inhaltlich befragt, sondern behandelt durch Dosierung des ihm Zugemuteten.

Wie oft und wie lange kann sowas gutgehen?