BezahlstudiumStreit um Wirkung von Studiengebühren

Schrecken sie ab oder ist sogar das Gegenteil der Fall? Experten streiten über die Wirkung des Bezahlstudiums. Unis ohne Studiengebühren klagen über Geldmangel.

Schrecken Studiengebühren ab? Um diese Frage ist ein Deutungskampf zwischen dem Wissenschaftszentrum Berlin (WZB) und dem Hochschulinformationssystem (HIS) ausgebrochen. WZB-Forscher hatten im Herbst die Debatte mit einer Studie befeuert, nach der die Einführung der Gebühren keineswegs Abiturienten vom Studium abgehalten habe. Selbst für Jugendliche aus nicht-akademischen Elternhäusern gewinne ein Studium mit Gebühren an Wert. Die Berliner hatten sich dabei auf Daten des HIS bezogen. Das schlug jetzt am Mittwoch zurück.

"Handwerkliche Fehler" hätten die Berliner gemacht, kritisierte Christoph Heine vom HIS bei einem Fachgespräch im Bundestag. Er sei bei der Auswertung seiner Daten zu ganz anderen Ergebnissen gekommen. Die Studierbereitschaft sei nach der Einführung der Gebühren "signifikant gesunken". Die Gebühren hätten zu einem "länderübergreifenden Verunsicherungseffekt" geführt.

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Die Beteiligten kämpfen in einem ideologisch verminten Gelände. Gegner argumentieren, Gebühren führten zu sozialer Ungleichheit. Befürworter freuten sich deshalb über die WZB-Analyse. Doch das Fachgespräch im Bundestag machte klar: Auf die eine große Studie mit einer eindeutigen Antwort werden beide Seiten weiter warten müssen.

So sind WZB und HIS mit demselben Datensatz zu einem entgegengesetzten Befund gekommen. Beide berufen sich auf das HIS-"Studienberechtigtenpanel". Das befragte 1999 bis 2008 sechs Jahrgänge nach ihrer "Studierneigung", die sich daran bemisst, wie viele Abiturienten ein halbes Jahr nach dem Schulabschluss studieren oder zum Studium entschlossen sind.

Das WZB verglich zwei Durchschnittswerte bei der Studierneigung: Den Schnitt der Jahrgänge zwischen 1999 und 2005 sowie zwischen 2006 und 2008. 2006 war das Jahr, in dem die ersten Länder Gebühren einführten. Das Resultat: Nach 2006 stieg die Studierneigung an, in Gebührenländern (plus 2,7 Prozent) sogar stärker als in Nicht-Gebührenländern (plus 0,8 Prozent). Diesen Ansatz verteidigte Coautor Marcel Helbig. Nachberechnungen hätten das Ergebnis bestätigt.

Lässt sich der Einfluss der Gebühren auf die Studienwahl bestimmen?

HIS-Autor Christoph Heine entgegnet, solche Durchschnittswerte würden das Ergebnis verzerren. Vor allem das Jahr 1999 dürfe nicht mitgerechnet werden, da es zeitlich zu weit entfernt sei. Für die Vorgebührenzeit würde es den Schnitt aber entscheidend runterziehen, da sich damals deutlich weniger Abiturienten für ein Studium entschieden als etwa 2002.

Heine hält es für angemessener, die Werte für die Jahrgänge 2002, 2004, 2006 und 2008 separat zu vergleichen. Da zeigt die Kurve auf einmal nach unten. 2002 und 2004 lag die Studierneigung in den späteren Gebührenländern bei 79 Prozent. 2006 fällt sie auf 75 Prozent, 2008 auf 74 Prozent. Ähnlich sei die Entwicklung in Nichtgebührenländern; das belege einen bundesweit abschreckenden Effekt von Studiengebühren.

Kann man überhaupt eindeutig bestimmen, welche Rolle Studiengebühren bei der Studienwahl spielen? Schließlich spielen viele Faktoren wie die Diskussion um den Fachkräftemangel eine Rolle. Die vorliegenden Datensätzen seien "viel zu grob", um eindeutige Aussagen zu treffen, sagte der Elitenforscher Michael Hartmann (TU Darmstadt). Er verwies auf Zahlen aus Österreich, wo Frauen aus Arbeiterfamilien nach der Einführung von Gebühren deutlich seltener ein Studium aufnahmen.  Solche Subgruppen bildeten die HIS-Daten nicht ab. Der grüne Bundestagsabgeordnete Kai Gehring forderte die Bundesregierung auf, eine umfassende Studie in Auftrag zu geben.

Leserkommentare
  1. Das Nachlesen haben Sie ja anscheinend nicht zur Genüge gemacht. Dieses Regelung gibt es erst seit 2001.

    Antwort auf "Maximalbetrag"
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    Ich habe tatsächlich weit mehr als 10000 Euro zurückgezahlt. Ich empfinde das aber nicht als Zumutung, sondern gebe auf diese Weise der Gesellschaft etwas zurück.

    Ich habe tatsächlich weit mehr als 10000 Euro zurückgezahlt. Ich empfinde das aber nicht als Zumutung, sondern gebe auf diese Weise der Gesellschaft etwas zurück.

  2. 50. ......

    Für das zusätzliche (!) Darlehen werden Zinsen genommen. Ich hatte da was von ~4% Nominalzins gelesen.

    Als ärmerer oder bildungsferner Mensch würde das abschrecken, außerdem ist das Benachteiligung. Während die Bonzen sagen: "Ach, meine Eltern bezahlen das!", sitzen jene Menschen dort und zweifeln an sich, da sie weder ökonomisch mithalten können, noch aus einem bildungsnäherem Milieu stammen. Das führt dazu, dass jener Mensch es sich zwei oder drei Mal überlegt, ob er studierte - und es ist nicht minder wahrscheinlich, dass er es nicht täte.

    Ich muss aber sagen: würden die Studiengebühren gestaffelt, also wäre Ratenzahlung möglich, wäre es nicht so schlimm; man zahle also jeden Monat des Semesters einen bestimmten Betrag; 133 Euro jeden Monat klingt nicht so hart wie 800 Euro am Anfang des Semesters.

    Zu guter letzt ist es in höchstem Maße absurd, von Leuten, die schon Bafög beziehen, weitere Forderungen zu stellen, obschon dort festgestellt wurde, dass sie ein Recht auf Sozialleistung haben.

  3. 51. yxzyxz

    Studiengebühren werden nicht auf Rate gezahlt, sondern ganz aufeinmal am Anfang des Semesters. Das ist das Problem.
    Ratenzahlung wäre nur mit Kredit machbar, wobei man dort Zinsen zahlt. Man muss also neben den Bafögschulden noch einen Kredit tilgen, welcher durch Zinsen anwächst.

    Antwort auf "Rechnung?"
  4. Ich habe tatsächlich weit mehr als 10000 Euro zurückgezahlt. Ich empfinde das aber nicht als Zumutung, sondern gebe auf diese Weise der Gesellschaft etwas zurück.

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    • Rudi01
    • 28.01.2012 um 9:17 Uhr

    Es ist schön, dass Sie gern "der Gesellschaft etwas zurückzahlen". Das wäre auch möglich -- und zwar ohne jeden Extra-Aufwand und ohne jede Benachteiligung von finanziell schlecht gestellten Menschen, -- wenn die Kosten Ihres Studiums von Ihren Steuern bestritten werden.

    Das hätte darüber hinaus den Vorteil, dass Sie viel zahlen, wenn Sie durch Ihr Studium einen hohen Einkommensvorteil erzielt haben, und wenig, wenn das nicht der Fall ist. Es studieren nicht alle Medizin, und nicht alle BWLer sind nach dem Studium Vorstandsmitglieder oder Staranwälte.

    Ausserdem: wenn Sie Ihr Studium erfolgreich abgeschlossen haben, dann war das in Sinne und zum Vorteil der Allgemeinheit, exakt genau so, wie das mit Ihrer Schulbildung auch der Fall war.

    Kurz gesagt: Allgemeine Steuern sind der einfachste und gerechteste Weg der Hochschulfinanzierung. So etwas gehört zu einem kulturell hochstehenden Land. Genau so, wie Sie ja auch keine Gebühren für die Bundeswehr oder die Polizei bezahlen.

    • Rudi01
    • 28.01.2012 um 9:17 Uhr

    Es ist schön, dass Sie gern "der Gesellschaft etwas zurückzahlen". Das wäre auch möglich -- und zwar ohne jeden Extra-Aufwand und ohne jede Benachteiligung von finanziell schlecht gestellten Menschen, -- wenn die Kosten Ihres Studiums von Ihren Steuern bestritten werden.

    Das hätte darüber hinaus den Vorteil, dass Sie viel zahlen, wenn Sie durch Ihr Studium einen hohen Einkommensvorteil erzielt haben, und wenig, wenn das nicht der Fall ist. Es studieren nicht alle Medizin, und nicht alle BWLer sind nach dem Studium Vorstandsmitglieder oder Staranwälte.

    Ausserdem: wenn Sie Ihr Studium erfolgreich abgeschlossen haben, dann war das in Sinne und zum Vorteil der Allgemeinheit, exakt genau so, wie das mit Ihrer Schulbildung auch der Fall war.

    Kurz gesagt: Allgemeine Steuern sind der einfachste und gerechteste Weg der Hochschulfinanzierung. So etwas gehört zu einem kulturell hochstehenden Land. Genau so, wie Sie ja auch keine Gebühren für die Bundeswehr oder die Polizei bezahlen.

    • Rudi01
    • 28.01.2012 um 9:17 Uhr

    Es ist schön, dass Sie gern "der Gesellschaft etwas zurückzahlen". Das wäre auch möglich -- und zwar ohne jeden Extra-Aufwand und ohne jede Benachteiligung von finanziell schlecht gestellten Menschen, -- wenn die Kosten Ihres Studiums von Ihren Steuern bestritten werden.

    Das hätte darüber hinaus den Vorteil, dass Sie viel zahlen, wenn Sie durch Ihr Studium einen hohen Einkommensvorteil erzielt haben, und wenig, wenn das nicht der Fall ist. Es studieren nicht alle Medizin, und nicht alle BWLer sind nach dem Studium Vorstandsmitglieder oder Staranwälte.

    Ausserdem: wenn Sie Ihr Studium erfolgreich abgeschlossen haben, dann war das in Sinne und zum Vorteil der Allgemeinheit, exakt genau so, wie das mit Ihrer Schulbildung auch der Fall war.

    Kurz gesagt: Allgemeine Steuern sind der einfachste und gerechteste Weg der Hochschulfinanzierung. So etwas gehört zu einem kulturell hochstehenden Land. Genau so, wie Sie ja auch keine Gebühren für die Bundeswehr oder die Polizei bezahlen.

    Eine Leserempfehlung
    Antwort auf "War auch mein Gedanke"
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    Natuerlich muessen Bundeswehr und Polizei aus Steuern finanziert werden, beide Institutionen erfuellen schliesslich hoheitliche Aufgaben und beide Institutionen dienen ausschliesslich dem Gemeinwohl.

    Im Gegensatz dazu bedient eine akademische Ausbildung in aller erster Linie Individualinteressen und deshalb kann die Finanzierung nicht ausschliesslich ueber die Allgemeinheit geleistet werden.

    Nichtakademische Ausbildungswege werden in der Regel nicht von der Allgemeinheit finanziert. Wie erklaeren Sie denn einen Maurerlehrling, dass fuer ihn andere Regeln gelten?

    Natuerlich muessen Bundeswehr und Polizei aus Steuern finanziert werden, beide Institutionen erfuellen schliesslich hoheitliche Aufgaben und beide Institutionen dienen ausschliesslich dem Gemeinwohl.

    Im Gegensatz dazu bedient eine akademische Ausbildung in aller erster Linie Individualinteressen und deshalb kann die Finanzierung nicht ausschliesslich ueber die Allgemeinheit geleistet werden.

    Nichtakademische Ausbildungswege werden in der Regel nicht von der Allgemeinheit finanziert. Wie erklaeren Sie denn einen Maurerlehrling, dass fuer ihn andere Regeln gelten?

  5. Also wer mir wirklich erzählen will, dass Studiengebühren vom Studium abschrecken der hat nicht nachgedacht. Es ist schonmal so, dass aufgrund paradoxer Paragraphen viele Studenten gar keine Gebühren zahlen müssen. Warum zahlen denn nicht alle Studenten einfach 250 € pro Semester? Das macht insgesamt 2500 € für ein fünfjähriges Studium. Das sollte doch wohl wirklich möglich sein, sei es finanziert durch einen Kredit, zurück zu zahlen. Wenn dadurch dann auch tatsächlich Bücher angeschafft, Labore ausgestattet und zusätzliche Seminare, Tutorien gehalten werden können, fände ich das spitze. Denn die einzelnen Länder scheinen ja einfach nicht bereit zu sein genügend Geld an die Universitäten auszuschütten um die Lehre zu verbessern.

  6. Natuerlich muessen Bundeswehr und Polizei aus Steuern finanziert werden, beide Institutionen erfuellen schliesslich hoheitliche Aufgaben und beide Institutionen dienen ausschliesslich dem Gemeinwohl.

    Im Gegensatz dazu bedient eine akademische Ausbildung in aller erster Linie Individualinteressen und deshalb kann die Finanzierung nicht ausschliesslich ueber die Allgemeinheit geleistet werden.

    Nichtakademische Ausbildungswege werden in der Regel nicht von der Allgemeinheit finanziert. Wie erklaeren Sie denn einen Maurerlehrling, dass fuer ihn andere Regeln gelten?

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    • Rudi01
    • 28.01.2012 um 14:23 Uhr

    Nach meinem Kenntnisstand ist es so, dass Auszubildende nicht etwa Ausbildungsgebühren entrichten, sondern eine (wenn auch geringe) Ausbildungsvergütung erhalten.

    • Rudi01
    • 28.01.2012 um 14:32 Uhr

    Aus Ihrer Sicht ist es also so, dass die Schule bis incl. Abitur vor allem den Interessen der Allgemeinheit dient, und die Hochschulausbildung dann ganz plötzlich vor allem die Individualinteressen bedient?

    Also ist es (wenn ich Ihner Argumentation folge) so, dass es das Lebensmodell, das der Gesellschaft am ehesten dient, darin besteht, eine Schule abzuschliessen, und dann einen Beruf zu ergreifen, der keine Hochschulausbildung voraussetzt?

    • Rudi01
    • 28.01.2012 um 14:23 Uhr

    Nach meinem Kenntnisstand ist es so, dass Auszubildende nicht etwa Ausbildungsgebühren entrichten, sondern eine (wenn auch geringe) Ausbildungsvergütung erhalten.

    • Rudi01
    • 28.01.2012 um 14:32 Uhr

    Aus Ihrer Sicht ist es also so, dass die Schule bis incl. Abitur vor allem den Interessen der Allgemeinheit dient, und die Hochschulausbildung dann ganz plötzlich vor allem die Individualinteressen bedient?

    Also ist es (wenn ich Ihner Argumentation folge) so, dass es das Lebensmodell, das der Gesellschaft am ehesten dient, darin besteht, eine Schule abzuschliessen, und dann einen Beruf zu ergreifen, der keine Hochschulausbildung voraussetzt?

  7. Muss natuerlich 'einem Maurerlehrling' heissen - alles nicht so einfach.

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