RusslandMoskau baut Superuni mit Hilfe aus Berlin

In Russland entsteht eine riesige Wissenschaftsstadt. Kooperationen mit der TU Berlin und den Wissenschaftsparks in Adlershof und Buch sind schon verabredet. von Anja Kühne und

Dmitri Medwedew spricht bei einer Veranstaltung mit Wissenschaftlern und Unternehmern in Skolkovo im Oktober 2011

Dmitri Medwedew spricht bei einer Veranstaltung mit Wissenschaftlern und Unternehmern in Skolkovo im Oktober 2011.

Russland baut eine Superuni. In nur wenigen Jahren, bis 2015, soll gleichsam aus dem Nichts eine Wissenschaftsstadt vor den Toren Moskaus entstehen: "Skolkovo". Zwischen 20.000 und 30.000 Menschen sollen hier arbeiten und leben, darunter Master-Studierende und Doktoranden. Der Staat will dafür jährlich 1,5 Milliarden US-Dollar ausgeben, in den kommenden drei Jahren zusätzlich fast zwei Milliarden Dollar für die Infrastruktur.

Ein Schwimmbad gehört dazu, genau wie eine S-Bahn-Anbindung. Das erste Gebäude soll bereits in diesem Jahr stehen. Unternehmen aus der ganzen Welt werden mit Steueranreizen dazu bewegt, sich in Skolkovo anzusiedeln und aus Forschungsergebnissen Hightech-Produkte für den Weltmarkt zu entwickeln. Bereits 400 Firmen haben Kooperationsverträge unterschrieben, darunter SAP und Siemens. Forscher sollen mit Gehältern gelockt werden, die mit denen an amerikanischen Spitzenunis mithalten. Skolkovo soll eine eigene Welt werden, eine Welt, in der die Gesetze der schwerfälligen russischen Wissenschaft und der russischen Bürokratie außer Kraft gesetzt sind.

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Skolkovo ist die Idee des noch amtierenden russischen Präsidenten Dimitri Medwedew, der selbst den Aufsichtsrat der "Skolkovo Foundation" leitet, über die die Mittel fließen. An der Modellstadt will Medwedew neue Wege in Wissenschaft und Wirtschaft erproben. Bald könnte es auch ein Skolkovo in Nowosibirsk oder Jekaterinburg geben: "Russlands Rohstoffe gehen irgendwann zur Neige. Die Regierung verfolgt mit Skolkovo ein strategisches Ziel", sagt Dieter Bimberg, Direktor des Zentrums für NanoPhotonik der TU Berlin und Mitglied des "Scientific Advisory Councils" von Skolkovo.

Revolution für die russische Wissenschaft?

Wie ernst es den Russen damit ist, zeigt schon die hochrangige Besetzung des Councils. Die Vorsitzenden sind zwei Nobelpreisträger: Roger Kornberg, Chemieprofessor in Stanford, und der Physiker Zhores I. Alferov, jetzt Vizepräsident der russischen Akademie der Wissenschaften. Sie traten am vergangenen Freitag gemeinsam mit Bimberg an der TU vor die Presse: "Die Wissenschaftsstadt wird die Hochtechnologie und die Spitzenwissenschaft in Russland wiederauferstehen lassen", sagte Alferov. Russland müsse jetzt aufholen, was es in den vergangenen 25 Jahren verpasst hat. Kornberg sprach sogar von einer "Revolution" für die russische Wissenschaft. Auch der ehemalige Charité-Chef Detlev Ganten und Siegfried Dais von der Robert Bosch GmbH gehören dem Council an.

In Berlin verabredeten die Vertreter Skolkovos Kooperationen mit der TU und den Wissenschaftsparks in Adlershof und Buch. Konkrete gemeinsame Projekte würden derzeit erarbeitet, sagte TU-Präsident Jörg Steinbach. Die Russen sollen von dem TU-Zentrum für Entrepreneurship profitieren. Dort weiß man, wie aus wissenschaftlichen Entdeckungen schnell Geschäfte werden: im Bereich der Energie, der Informationstechnologie, der Raumfahrt und der Biomedizin. Skolkovo soll zudem die friedliche Nutzung der Nukleartechnik stärken. Dabei will die TU aber nicht mitmachen.

Als Präsident Medwedew im Jahr 2009 Russlands Bedarf nach einer großen Wissenschaftsstadt in einer Grundsatzrede formulierte, nannte er das kalifornische Silicon Valley als Beispiel, sprach aber auch von anderen ähnlichen Zentren der Wissenschaft. Die 35-köpfige Skolkovo-Delegation, die jetzt Berlin besuchte, – laut Bimberg die "Crème de la Crème" der russischen Wissenschaft – sieht nun anregende Vorbilder auch in den Wissenschaftsparks Adlershof und Buch. Die Russen sind keineswegs auf die USA fixiert, sagt Bimberg. Vermutlich sei Berlin schon deshalb das bessere Beispiel, weil der Staat hier in Wirtschaft und Spitzenforschung eine noch größere Rolle spiele. Bimberg selbst hat die Kooperation mit den Russen eingefädelt, er kooperiert wissenschaftlich seit fast 40 Jahren mit Russland, ist Mitglied der russischen Akademie der Wissenschaften. Hardy Schmitz vom Campus Adlershof sagte, unter den Forschern seines Wissenschaftsparks würden viele Russisch sprechen, was die Zusammenarbeit vereinfache: "Vielen ist es eine Herzensangelegenheit, die Verbindungen nach Russland zu stärken."

Deutsche halten sich mit politischer Bewertung zurück

Russland ist nicht das einzige Land, das massiv in die Wissenschaft investiert. China und die Emirate Arabiens stampfen Forschungsparks in ähnlichen Dimensionen aus dem Boden. Alexei Beltyukov, der Vizepräsident der Stiftung, sagte, er sei sich der weltweiten Konkurrenz durchaus bewusst. Für Moskau spreche nicht nur die hervorragende Ausstattung, die Wissenschaftlern geboten würde. Internationale Partner würden auch angelockt, weil sie über Skolkovo einen Zugang zum riesigen russischen Markt vor allem im Energiebereich bekämen.

Was geschieht mit Medwedews Wissenschaftsstadt, wenn einmal eine andere Partei regieren sollte? "Wir sind nicht davon abhängig, wer Präsident wird", sagt Nobelpreisträger Alferov. Die deutsche Seite hält sich mit politischen Bewertungen zurück. Etwa bei der Frage, ob es in Russland ein anderes Verständnis von Wissenschaftsfreiheit geben könnte als hierzulande. Es stehe ihm nicht zu, andere Länder politisch zu belehren, sagt Dieter Bimberg. Er empfehle, nach dem Motto der deutschen Ostpolitik in den siebziger und achtziger Jahren zu handeln: "Wandel durch Annäherung".

Erschienen im Tagesspiegel

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Leserkommentare
    • HLWT
    • 05. März 2012 14:04 Uhr

    Entfernt. Bitte verzichten Sie auf Unterstellungen. Danke, die Redaktion/au.

    Eine Leserempfehlung
    • Gyros
    • 05. März 2012 14:29 Uhr

    Und für Deutschland ist es eben genauso sehr gut :)
    so werden schon bei den russischen Studenten wichtige Wirtschafts-Kontakte zwischen Deutschland und Russland geknüpft (und so zukünftig für alle gute Geschäfte)

    Ich bin auf jeden Fall happy für Russland,
    dass sie ihre Zukunft/Putin gewählt haben
    und wir so einen stabilen wirtschaftlich und politischen PARTNER bekommen :)

    Eine Leserempfehlung
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    ... aber bei vielen chinesischen Studenten sehe ich an deutschen Unis keinerlei Kontaktknüpfung. Vielmehr schottet man sich stark ab, bleibt unter sich, zieht sein Studium durch und entschwindet dann auf Nimmerwiedersehen nach China.

    Das so zu machen ist legitim, aber die Benefits, die sich für Deutschland daraus ergeben, schätze ich bis auf den einen oder anderen Ausnahmefall nur gering ein.

    Mal sehen, wie es bei einer solchen deutsch-russischen Kooperation sein wird. Die Chancen sind zumindest auf Basis der sehr viel größeren kulturellen Nähe deutlich besser. Insbesondere auch, weil die Sprachbarriere viel niedriger ist und man sich hinsichtlich der Mentalität trotz gewisser Unterschiede doch recht nah ist.

  1. Die Exzellenzinitiative gibt statt 1.5 Milliarden Dollar pro Jahr 0.5 Milliarden Dollar pro Jahr aus um das deutsche Wissenschaftssystem zu revolutionieren: fuer u.a. 9 Eliteunis und nicht fuer eine.

    Das Jahresbudget der neuen russischen Uni wird dreimal so hoch sein wie das der Elite-FU-Berlin. Wahrscheinlich muessen sich deutsche Politiker in einigen Jahren Moskau als Vorbild nehmen (oder die ETH Zuerich)...

    2 Leserempfehlungen
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    ... schauen Sie doch mal nach Aachen. Dort werden in den nächsten Jahren ca. 2 Mrd. € investiert, um mehrere tausend neuer Arbeitsplätze in der Forschung zu schaffen. Es entsteht dafür ein ganz neuer Stadtteil. Erstmal informieren schadet machmal nicht.

    Und außerdem ist Deutschland doch in seiner Breite recht gut aufgestellt. Es wäre Unsinn bei der polyzentrischen Ausrichtung von Deutschland alles in einem Punkt zu konzentrieren. Wohingegen in Rußland sich fast alles (Kapital) auf Moskau und dann noch auf St.Petersburg konzentriert.

    Schauen Sie sich doch mal die Resultate an, die die deutsche Wirtschaft auf Basis der Menschen erzielt, die an deutschen Unis studiert haben. Und dann schauen Sie sich mal in der Welt um, wo es das noch gibt. Sie werden eine solche industrielle Kompetenz in derart vielen verschiedenen Branchen nur sehr selten finden.

  2. Bitte verzichten Sie auf provokante Vergleiche. Die Redaktion/vn

  3. ... aber bei vielen chinesischen Studenten sehe ich an deutschen Unis keinerlei Kontaktknüpfung. Vielmehr schottet man sich stark ab, bleibt unter sich, zieht sein Studium durch und entschwindet dann auf Nimmerwiedersehen nach China.

    Das so zu machen ist legitim, aber die Benefits, die sich für Deutschland daraus ergeben, schätze ich bis auf den einen oder anderen Ausnahmefall nur gering ein.

    Mal sehen, wie es bei einer solchen deutsch-russischen Kooperation sein wird. Die Chancen sind zumindest auf Basis der sehr viel größeren kulturellen Nähe deutlich besser. Insbesondere auch, weil die Sprachbarriere viel niedriger ist und man sich hinsichtlich der Mentalität trotz gewisser Unterschiede doch recht nah ist.

  4. ... schauen Sie doch mal nach Aachen. Dort werden in den nächsten Jahren ca. 2 Mrd. € investiert, um mehrere tausend neuer Arbeitsplätze in der Forschung zu schaffen. Es entsteht dafür ein ganz neuer Stadtteil. Erstmal informieren schadet machmal nicht.

    Und außerdem ist Deutschland doch in seiner Breite recht gut aufgestellt. Es wäre Unsinn bei der polyzentrischen Ausrichtung von Deutschland alles in einem Punkt zu konzentrieren. Wohingegen in Rußland sich fast alles (Kapital) auf Moskau und dann noch auf St.Petersburg konzentriert.

    Schauen Sie sich doch mal die Resultate an, die die deutsche Wirtschaft auf Basis der Menschen erzielt, die an deutschen Unis studiert haben. Und dann schauen Sie sich mal in der Welt um, wo es das noch gibt. Sie werden eine solche industrielle Kompetenz in derart vielen verschiedenen Branchen nur sehr selten finden.

    Eine Leserempfehlung
    Antwort auf "Zum Vergleich"
    • Gyros
    • 05. März 2012 17:04 Uhr

    Ja bei Chinesen habe ich auch dieses Gefühl,
    aber jeder Chinese der in Deutschland deutsch lernt und studiert, naja wollen wir hoffen, dass der, wenn er mal in der chinesischen Wirtschaft arbeitet auch eher deutsche Auslandsfirmen favorisiert (alleine weil der die Sprache kennt) ... naja was kann man sonst sagen/vermuten

    Bei Russen sehe ich auch die sehr verwandte Nähe als Vorteil,
    Deutschland hat große wirtschaftliche Interessen in Russland,
    und da kann jeder deutsch-angehauchte russische Geschäftsmann vom Vorteil sein *gg*

    Ich zumindest habe schon von vielen Deutschen gehört, die in Russland gute Geschäfte machen, z.B. unsere professionellen Fenster dorthin verkaufen, oder VW, die in Russland den größten Absatzmarkt der Welt letztes Jahr hatten usw

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    ... die die Sprache lernen, aber aus den Ingenieurstudiengängen kenne ich viele Beipiele, wo das eben gerade nicht der Fall ist. Wenn man eh nur Rechnen muß, dann reichen absolut rudimentäre Sprachkenntnisse aus, um durchs Studium zu kommen.

    Ich habe Leute kennengelernt, die noch kurz vor dem Studienabschluß kaum ein Wort Deutsch sprechen konnten. Vielleicht tue ich denen ja auch Unrecht, aber wie viel Verbundenheit dabei übrig bleibt lasse ich mal dahingestellt.

    Wenn man im Studentenwohnheim keine Kontakte knüpft, dann frage ich mich schon, wo denn sonst?

    • Rudi01
    • 06. März 2012 19:25 Uhr

    ... aus Selbstüberschätzung des deutschen Wissen(schafts)vorsprungs und gleichzeitiger Naivität gegenüber den (absolut verständlichen!) Zielen des chinesischen/russischen/indischen Staates.

    Unsere Wirtschaftsführer und Politiker faseln von Globalisierung und weltweitem Wettbewerb und sind dabei, mit voller Kraft einen deutschen Technologievorsprung durch Verlagerung der Produktion ins Ausland und durch deutsche Hochschulen als Durchlauferhitzer für z.B. chinesische und indische Studenten zu verspielen.

    Gute Leute hierherholen und hierhalten: super. Aber sie wieder mit Druck "nach Hause" schicken -- das Maximum an Dummheit.

    Nochmals in aller Deutlichkeit: das sind Beispiele für Staaten, die in der Industriepolitik und Bildungspolitik zukunftsbewusst und äußerst klug agieren -- ganz im Gegenteil zu uns in good old Germany (und ebenso den USA und GB).

    Aber wir sind so dumm, dieses Spiel mitzuspielen. Verkauf von Autos der Marke D, V und B nur noch, wenn im Abnehmerland produziert wird. Warum wohl? In fünf, maximal 10 Jahren bauen die Jungs dort billiger bessere Wagen.

    Schon vergessen, wie das mit der deutschen Fotoindustrie ging? Der Unterhaltungselektronik-Industrie? Mobilkommunikation? ... Jetzt fehlt die Fortsetzung noch in der Chemie und in der Autoindustrie, und dann geht hierzulande das Licht aus.

  5. ... die die Sprache lernen, aber aus den Ingenieurstudiengängen kenne ich viele Beipiele, wo das eben gerade nicht der Fall ist. Wenn man eh nur Rechnen muß, dann reichen absolut rudimentäre Sprachkenntnisse aus, um durchs Studium zu kommen.

    Ich habe Leute kennengelernt, die noch kurz vor dem Studienabschluß kaum ein Wort Deutsch sprechen konnten. Vielleicht tue ich denen ja auch Unrecht, aber wie viel Verbundenheit dabei übrig bleibt lasse ich mal dahingestellt.

    Wenn man im Studentenwohnheim keine Kontakte knüpft, dann frage ich mich schon, wo denn sonst?

    Antwort auf "@Hummingbird"

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