StudienfinanzierungStudierende weltweit vor Hürden

In vielen Ländern steigen Unigebühren, während Stipendien gekürzt werden. von 

Im November 2011 protestierten Studenten in London gegen die Erhöhung der Studiengebühren

Im November 2011 protestierten Studenten in London gegen die Erhöhung der Studiengebühren.  |  © Peter Macdiarmid/Getty Images

Zu Zehntausenden demonstrierten sie vor wenigen Tagen in Montreal : Kanadische Studierende, die gegen die Erhöhung der Studiengebühren in der Provinz Quebec auf die Straße gingen. "Wir wollen uns bilden, nicht verschulden!", "Bildung ruhe sanft", hieß es auf Plakaten. Die Demonstration war der vorläufige Höhepunkt der Proteste. Seit Februar boykottieren Studierende bereits ihre Vorlesungen, fast täglich gibt es Kundgebungen.

Die Regierung der kanadischen Provinz will die Gebühren binnen der nächsten fünf Jahre um 75 Prozent anheben. Statt wie bisher 1.700 Euro im Jahr müssen Studierende dann knapp 3.000 Euro im Jahr zahlen. Anders bekomme der Staat seine Schulden nicht in den Griff, argumentiert die Provinzregierung. Ihre Pläne stehen für einen weltweiten Trend. Denn in den Zeiten der Finanzkrise wollen viele Staaten Studiengebühren anheben – ohne dass Stipendien im gleichen Maß erhöht werden.

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Das zeigt eine neue Studie der "Higher Education Strategy Associates" (Hesa) , einer auf Wissenschaftsrecherche spezialisierten Firma aus Kanada , die die Entwicklung der Studiengebühren in wichtigen Staaten untersucht hat. In vielen Ländern sei langsam ein Limit erreicht, lautet das Fazit der Studie: "Studierende werden sich ein Studium nur noch mit Schwierigkeiten leisten können."

Am gravierendsten ist den Autoren zufolge die Lage in den USA . Dort stiegen die Studiengebühren im vergangenen Jahr im Schnitt um mehr als acht Prozent – also weit über die Inflationsrate. Gleichzeitig wurden staatliche Zuschüsse für die Darlehen von Masterstudenten und Doktoranden gestrichen, 1,5 Millionen Studierende müssen dafür nun mehr zahlen. Ende 2011 beschlossen Senat und Repräsentantenhaus auch Kürzungen bei den "Pell Grants", mit denen Bachelorstudierende aus bedürftigen Familien unterstützt werden.

Besonders stark stiegen die Gebühren im Jahr 2011 auch in Südafrika (plus 12,5 Prozent), Nigeria (plus 6,8 Prozent), den Philippinen und Chile (jeweils plus fünf Prozent). Auch einige der um ihre Haushalte kämpfenden Staaten Europas lassen ihre Studierenden mehr zahlen.  Die britische Regierung hob bekanntermaßen die Studiengebühren auf bis zu 9.000 Pfund (knapp 11.000 Euro) an, immer wieder gingen im vergangenen Jahr deswegen Studierende in England auf die Straße. Neben Spanien ist Irland ein weiteres Beispiel. Die Iren vervierfachten die "Einschreibegebühren" von 500 auf 2.000 Euro.

Wie sehr Bildungsfinanzierung weltweit immer mehr zur Privatsache wird, ist daran abzulesen, dass gleichzeitig die staatlichen Subventionen für Universitäten in vielen dieser Länder sanken. Neben den USA und Großbritannien strichen Japan, Südkorea und die Niederlande ihre Bildungs- und Wissenschaftsetats zusammen. "Drastisch" waren die Kürzungen der Studie zufolge auch in Brasilien , Italien , Pakistan und der Ukraine . Unis würden so unter Druck geraten, "immer mehr Umsatz mit Studierenden zu generieren", heißt es.

Gerade für Hochschulsysteme, wie in Europa, die sich traditionell vor allem durch die Zuschüsse des Staates finanzieren, sei die "Herausforderung für die Zukunft groß", warnte am Mittwoch auch die europäischen Hochschulvereinigung (EUA) in einer Mitteilung. Trotz sinkender Zuschüsse stiegen die Ansprüche an die Unis immer weiter. In den meisten Staaten Europas drängten wie in Deutschland derzeit geburtenstarke Jahrgänge an die Unis, die Lehre müsste verbessert werden. In der Forschung nehme der weltweite Wettbewerb immer mehr zu.

Es gibt allerdings auch Ausnahmen. Nicht alle Staaten belasten Studierende mit immer höheren Gebühren. Als Vorbilder werden in der kanadischen Studie Frankreich, Schweden und Deutschland genannt. Deutschland wird vor allem für die Erhöhung des Bafögs im Jahr 2010 gelobt .

Erschienen im Tagesspiegel

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Leserkommentare
  1. Quebec geht das Geld aus und wo holt man's sich? Bei den Studis? Weil die ja auch so ein hohes Einkommen haben, näch.
    Aber eine Reichensteuer, die wäre sozial wahrscheinlich unverträglich, pfff...

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    • dmtude
    • 29. März 2012 9:12 Uhr

    aber da fehlt dem Autor wahrscheinlich auch die Kenntnis des kanadischen Marktes. Und Quebecois sind und sehen sich nicht als Teil Canadas, würde der Autor wissen, wenn er mal dort war.

    Quebec hatte bei Abstand die niedrigsten Studiengebühren für Quebecois, die Studenten aus den restlichen Provinzen und aus dem Ausland mussten dort schon immer bedeutend mehr (2,5 -4 fache) zahlen.
    Und die Studiengebühren im Rest des Landes lagen schon immer um das 3 - 5 fache höher als in Quebec.

    Dafür bekommen die Studeka dort auch Leistung der Unis, von denen dt.Studenten nur träumen können. Angefangen bei der Presenz der Prof. bis zur Ausstattung.

    Auch muss dort jedes Department jedem von ihm angenommen MSc und PhD Studenten 15K CAD im Jahr an Gehalt garantieren. Gibt es das irgendwo in D.

    Also nicht schimpfen sondern erst informieren.

    Grüße aus den
    Prairies

  2. gar keine studiengebühren (noch!)

    • paul12
    • 28. März 2012 12:43 Uhr

    Den deutschen Studenten geht es hervorragend. Sie genießen eine Ausbildung auf höchstem Niveau, Preis/Leistung ist TOP!

  3. Ich habe mich in der Vergangenheit häufig darüber gewundert wie die Einführung der (sehr geringen) Studiengebühren in manchen Teilen Deutschlands dazu führte, dass man das Studium als Sozial ungerecht zu teuer, etc. betitelte.

    Da ich vor allem England gut kenne war mir immer bewusst welche außergewöhnlich gute Rahmenbedingungen deutsche Studenten haben. Wer Bekannte hat die tausende pfund jährlich ausgeben damit eines der Kinder die Uni besuchen kann versteht auf welchem Niveau bei uns manchmal geklagt wurde/wird.
    Nur damit klar ist, ich bin kein Freund hoher Studiengebühren... man sollte nicht extreme Schulden für eine Ausbildung auf sich nehmen müsse. Ich denke, dass dem in Deutschland nicht so ist und, wie hier schon kommentiert wurde, dass die Unis in Dtl. meist sehr gut sind.

    Ginge der Artikel darüber was am deutschen Bildungssystem schlecht ist wären hier schon hunderte Kommentare. Leider liegt es häufig in unserem Wesen das Gute in unserem Land einfach hinzunehmen und Negatives hochzuhalten.

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    • Nibbla
    • 28. März 2012 14:24 Uhr

    Deutschland ist in allen Belangen die mir wichtig sind (Gleichberechtigung, Meinungsfreiheit, Schwulenrechte, Umweltschutz, etc...) Welten besser als zB. Uganda (oder Deutschland vor 60 Jahren), aber das heisst nicht, dass ich zufrieden bin mit den Zuständen hier.
    Und es gibt Gründe warum es die großen sozialen Unruhen hier noch nicht gibt und in Uk schon.

    Zudem wär ich froh nicht jedes Semester die 550 Gold zusammenkratzen zu müssen. Damit könnt ich mir einmal Arbeiten die Woche sparen.

    • Nibbla
    • 28. März 2012 14:24 Uhr

    Deutschland ist in allen Belangen die mir wichtig sind (Gleichberechtigung, Meinungsfreiheit, Schwulenrechte, Umweltschutz, etc...) Welten besser als zB. Uganda (oder Deutschland vor 60 Jahren), aber das heisst nicht, dass ich zufrieden bin mit den Zuständen hier.
    Und es gibt Gründe warum es die großen sozialen Unruhen hier noch nicht gibt und in Uk schon.

    Zudem wär ich froh nicht jedes Semester die 550 Gold zusammenkratzen zu müssen. Damit könnt ich mir einmal Arbeiten die Woche sparen.

    Antwort auf "Eine gute Meldung ..."
    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen
    • Vöbeo
    • 29. März 2012 6:15 Uhr

    "Man findet immer was schlechteres...
    Deutschland ist in allen Belangen die mir wichtig sind (Gleichberechtigung, Meinungsfreiheit, Schwulenrechte, Umweltschutz, etc...) Welten besser als zB. Uganda (oder Deutschland vor 60 Jahren), aber das heisst nicht, dass ich zufrieden bin mit den Zuständen hier."

    Da musste ich lachen: Bis zu "Uganda" Kopfnicken meinerseits, aber dann erwarte ich natürlich auch ein Land genannt, wo die Dinge - ihre Dinge - besser laufen als in Deutschland. Zumindest eines der genannten Dinge.

    Ich kann ihnen was sagen: Sie werden nie zufrieden sein. Das Paradies hockt immer noch irgendwo hinter'm Horizont. Wobei dieses Paradies auch nicht unbedingt paradiesisch wär, sondern eher eine Verarbeitung der eigenen Neurosen und Psychosen, weil es immer noch radikaler gänge, an der schlussendlich der Wunsch nach der Ausrottung der Menschheit steht. Den Weg sind schon viele Utopisten gegangen, Vorsicht.

    • Ranjit
    • 29. März 2012 12:02 Uhr

    Ich kann ihr Arguemtn sehr gut nachvollziehen. Es ist in der Tat ein Problem in unserer Zeit der Benchmarks und Ranglisten, dass übersehen wird dass eine relativ gute Leistung noch lange nicht eine akzeptable Leistung ist.

    Betrachten wir dass Mittelalter. Einige Länder hatten sicherlich eine höhere Lebenserwartung als andere. Sie waren also relativ gesehen im Vorteil. Also kein Grund für Innovation in den Ländern die es besser machen. Aus der Ranglisten Sicht wären wir somit immer noch im Mittelalter.

  4. Nachdem es nicht mehr ausreicht, die Menschen über eine unüberschaubare Vielfalt an Steuern und sonstigen Abgaben zu bzw. über das allgegenwärtige "Konsumcredo" zu schröpfen, blutet man jetzt sogar die zukünftigen (!) Cash Flows aus, die aus dem Erwerb von Bildung resultieren.

    Das ist schon fast mit einer Erpressungstaktik vergleichbar: "wenn du keinen Kredit aufnimmst, kannst du dir kein besseres Leben erarbeiten. Aber wenn du das tust, dann schöpfe ich einen nicht unwesentlichen Teil des Mehrwerts deiner Ausbildung über Jahrzehnte wieder ab."

    Es ist ja nicht wie beim Fernseher, den ich bar zahlen oder eben finanzieren kann. Ich MUSS mich verschulden, wenn ich Bildung erwerben will, mir aber die Mittel dazu fehlen. (Oder nebenher arbeiten, was aber nach der grandiosen Bologna-Studienreform nichts weniger als ein Ding der Unmöglichkeit ist, wenn man nicht 4 Semester oder mehr opfern will).

  5. In England wurden die Studiengebühren massiv erhöht. Die Folge ist ein Rückgang der Studienanfänger um ca. 45000. Im 19. Jahrhundert wurden Bücher zum Medium Nummer 1 im deutschen Sprachraum. Dieses hat sich positive auf die Bildung breiter Bevölkerungsschichten ausgewirkt und damit indirekt auch eine unheimlich kreative Jahrhundertwende eingeleitet mit bahnbrechenden Erfindungen in Wissenschaft und Technik. Auch das Wirtschaftswachstum wurde dadurch beflügelt. In Englang dagegen gab es ein sehr restriktives Urheberrecht, dass die Verbreitung von Wissen verhindert hat. Scheinbar wiederholt sich die Geschichte ...

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  • Schlagworte Bafög | Darlehen | Euro | Finanzkrise | Gebühr | Provinz
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