Rap-Duo Feishang Fresh sind "Born in Berlin, Big in Bejing" © Jaques-Willi Wecke

Es ist kurz vor Mitternacht in der chinesischen Provinz Hunan und ich muss gähnen. Ich sitze im Studio von Hunan TV, dem beliebtesten Entertainment-Sender unter Chinas Jugendlichen und Studenten. Gleich werde ich mit meiner Band Feichang Fresh im chinesischen Fernsehen auftreten.

Zusammen mit anderen Austauschstudenten in Peking hatten einige Freunde und ich Ende Oktober 2010 die Idee, Musikvideos zu drehen. Wir kombinierten sie mit selbst verfassten chinesischen Texten und stellten sie ins Internet: auf YouTube und das chinesisches Pendant Youku. Das Konzept ging sofort auf. Lachende und singende Laowai gelten in der chinesischen Unterhaltungsindustrie als witzige Ergänzung. Laowai ist die umgangssprachliche Bezeichnung für Ausländer. Der Begriff wird mal herablassend, mal liebevoll gebraucht. Ich bekomme ihn oft zu hören.

Drei erfolgreiche Musikclips in zwei Monaten waren unsere Eintrittskarte ins Fernsehen. Hunan TV lud uns ein, neben anderen exotischen Künstlern in der Sendung Geili Xingqitian aufzutreten, was so viel wie "Geiler Sonntag" heißt. Der Kontakt zum Sender kam über einen Lehrer meiner Universität in Peking zustande. Er sagte, wenn wir Lust haben, könnten wir in das südchinesische Changsha fahren, um in der Show aufzutreten. Wir waren motiviert und sagten zu, obwohl unsere amerikanischen Bandkollegen schon nicht mehr im Land waren. Kein Problem, wir sollten sie mit anderen Weißen ersetzen, sagte man uns. Den Unterschied würde niemand bemerken.

Kurz vor unserem Auftritt geht auf der anderen Seite des Fernsehstudios ein Koch ein letztes Mal mit geschlossenen Augen seine Choreographie durch. Er wird in wenigen Minuten in einem Dutzend Woks zeitgleich Reis, Huhn und Glutamat braten. Zuvor spielt noch eine Band, die iPads als Instrumente verwendet. Neben mir unterhält sich Arseny, unser Bandleader aus Berlin, mit einem Doppelgänger des Action-Schauspielers Chow Yun-Fat, der später einige Zaubertricks vorführen wird.

Auch Arseny muss gähnen. In einer chinesischen Unterhaltungsshow aufzutreten ist eine Grenzerfahrung, die jeden Laowai an den Rand der Erschöpfung treiben kann. Wir sind seit zehn Uhr morgens im Studio, seit elf Uhr geschminkt und seit zwölf Uhr haben wir nichts gegessen. Am Nachmittag hatte das Studio einen Choreographen zu uns geschickt. Denn noch besser als lachende und singende Laowai sind tanzende Laowai. Seit dem frühen Abend dürfen wir das Gebäude nicht mehr verlassen, weil der Sender Angst hatte, dass wir nicht mehr wiederkommen könnten.

Es ist nach Mitternacht und inzwischen hat der Show-Koch seinen gebratenen Reis zubereitet. Als wir endlich aufgerufen werden, geht alles sehr schnell. Ich gehe auf die Bühne, mir wird ein Mikrofon in die Hand gedrückt und ich setze mein breitestes Grinsen auf. Der Regisseur teilt uns noch schnell mit, dass unser Song gekürzt wurde und wir Playback singen. Auf sein Zeichen beginnen wir zu tanzen. Drei Minuten lang geben wir alles, dann dürfen wir gehen.

Hat sich der Aufwand gelohnt? Definitiv. Ich hatte einen geilen Sonntag.