Leserartikel

AuslandsstudiumDrei Minuten Ruhm in China

Als Austauschstudent in China hat Leser Jacques-Willi Wecke mit deutschen und amerikanischen Kommilitonen eine Band gegründet – und es bis ins Fernsehen geschafft. von 

Rap-Duo Feishang Fresh sind "Born in Berlin, Big in Bejing"

Rap-Duo Feishang Fresh sind "Born in Berlin, Big in Bejing"  |  © Jaques-Willi Wecke

Es ist kurz vor Mitternacht in der chinesischen Provinz Hunan und ich muss gähnen. Ich sitze im Studio von Hunan TV, dem beliebtesten Entertainment-Sender unter Chinas Jugendlichen und Studenten. Gleich werde ich mit meiner Band Feichang Fresh im chinesischen Fernsehen auftreten.

Zusammen mit anderen Austauschstudenten in Peking hatten einige Freunde und ich Ende Oktober 2010 die Idee, Musikvideos zu drehen. Wir kombinierten sie mit selbst verfassten chinesischen Texten und stellten sie ins Internet: auf YouTube und das chinesisches Pendant Youku. Das Konzept ging sofort auf. Lachende und singende Laowai gelten in der chinesischen Unterhaltungsindustrie als witzige Ergänzung. Laowai ist die umgangssprachliche Bezeichnung für Ausländer. Der Begriff wird mal herablassend, mal liebevoll gebraucht. Ich bekomme ihn oft zu hören.

Anzeige
Warum Leserartikel?

Text- und Bildbeiträge unserer Leser bereichern unsere Inhalte um zusätzliche Sichtweisen, Erfahrungsberichte und Meinungen. Sie sind von Menschen, die wissen, wovon sie sprechen, weil sie es selbst erlebt haben oder unmittelbar betroffen sind. Oder weil sie sich in einem bestimmten Thema sehr gut auskennen. Erzählen Sie unseren Lesern die Geschichten, die wir nicht erzählen können. Und zeigen Sie ihnen die Fotos und Videos, die sie sehen sollten. Zur Artikeleingabe

Leserartikel schreiben

Grundsätzlich ist jedes Thema für einen Leserartikel geeignet, solange Sie aus Ihrer eigenen Erfahrung und einem persönlichen Blickwinkel darüber berichten und keine Rechte Dritter verletzen. In unseren Leserartikel-FAQ finden Sie Hinweise für das Verfassen Ihres Artikels für ZEIT ONLINE. Bitte senden Sie uns Ihren Artikel bzw. Links zu Fotos und Videos über unser Leserartikel-Formular.

Der ZEIT-ONLINE-Wald

© BeneA / photocase.com

Als Dankeschön schenken wir Ihnen für jeden veröffentlichten Leserartikel einen Baum. Seit 2011 haben wir in Zusammenarbeit mit iplantatree.org knapp 1.500 Bäume gepflanzt und geben diese nach und nach an unsere Leserartikelautoren ab. So wächst in Berlin Friedrichshagen ein ZEIT ONLINE-Wald heran, genährt von unseren schreibenden Lesern. Aktuell rangiert das "Team ZEIT ONLINE" auf Platz 19 der aktivsten Baumpflanzer des Projektes. Dafür danken wir Ihnen.

Drei erfolgreiche Musikclips in zwei Monaten waren unsere Eintrittskarte ins Fernsehen. Hunan TV lud uns ein, neben anderen exotischen Künstlern in der Sendung Geili Xingqitian aufzutreten, was so viel wie "Geiler Sonntag" heißt. Der Kontakt zum Sender kam über einen Lehrer meiner Universität in Peking zustande. Er sagte, wenn wir Lust haben, könnten wir in das südchinesische Changsha fahren, um in der Show aufzutreten. Wir waren motiviert und sagten zu, obwohl unsere amerikanischen Bandkollegen schon nicht mehr im Land waren. Kein Problem, wir sollten sie mit anderen Weißen ersetzen, sagte man uns. Den Unterschied würde niemand bemerken.

Kurz vor unserem Auftritt geht auf der anderen Seite des Fernsehstudios ein Koch ein letztes Mal mit geschlossenen Augen seine Choreographie durch. Er wird in wenigen Minuten in einem Dutzend Woks zeitgleich Reis, Huhn und Glutamat braten. Zuvor spielt noch eine Band, die iPads als Instrumente verwendet. Neben mir unterhält sich Arseny, unser Bandleader aus Berlin, mit einem Doppelgänger des Action-Schauspielers Chow Yun-Fat, der später einige Zaubertricks vorführen wird.

Auch Arseny muss gähnen. In einer chinesischen Unterhaltungsshow aufzutreten ist eine Grenzerfahrung, die jeden Laowai an den Rand der Erschöpfung treiben kann. Wir sind seit zehn Uhr morgens im Studio, seit elf Uhr geschminkt und seit zwölf Uhr haben wir nichts gegessen. Am Nachmittag hatte das Studio einen Choreographen zu uns geschickt. Denn noch besser als lachende und singende Laowai sind tanzende Laowai. Seit dem frühen Abend dürfen wir das Gebäude nicht mehr verlassen, weil der Sender Angst hatte, dass wir nicht mehr wiederkommen könnten.

Es ist nach Mitternacht und inzwischen hat der Show-Koch seinen gebratenen Reis zubereitet. Als wir endlich aufgerufen werden, geht alles sehr schnell. Ich gehe auf die Bühne, mir wird ein Mikrofon in die Hand gedrückt und ich setze mein breitestes Grinsen auf. Der Regisseur teilt uns noch schnell mit, dass unser Song gekürzt wurde und wir Playback singen. Auf sein Zeichen beginnen wir zu tanzen. Drei Minuten lang geben wir alles, dann dürfen wir gehen.

Hat sich der Aufwand gelohnt? Definitiv. Ich hatte einen geilen Sonntag.

Zur Startseite
 
Leserkommentare
    • Hainuo
    • 31. August 2012 18:17 Uhr

    Wenn die Chinesen einem direkt zu verstehen geben, dass das "Weiß-Sein" eigentlich das einzig interessante ist? Tauscht die Leute aus, wir brauchen lustige Ausländer, die im Fernsehen tanzen, für die Quoten, auf Chinesisch.

    • Mortain
    • 01. September 2012 9:57 Uhr

    Wer erinnert sich noch an Harald Schmidts "Konfuzius sagt..", wo zwei chinesische Köche das Publikum mit chinesischen, deutschen und schmidtschen Weisheiten beglücken.

    Ein anderes Beispiel ist "Takeshies Castle". Niemand hat diese Serie geschaut weil das Showkonzept so toll war, oder weil man wissen wollte, wie die Kandidaten abschneiden, sondern wegen der grotesken Szenerie und hauptsächlich wegen der "putzigen" Asiaten die da überall herumsprangen und weil alles so kindlich und zugleich befremdlich war.

    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen
    • deDude
    • 04. September 2012 18:10 Uhr

    "[...]Ein anderes Beispiel ist "Takeshies Castle". Niemand hat diese Serie geschaut weil das Showkonzept so toll war, oder weil man wissen wollte, wie die Kandidaten abschneiden"

    Hey, das stimmt doch so gar nicht! :P Das war (chinesisches) Bildungsfernsehen erster Güte! Wer den harten Parcour auf dem Weg zu Takeshi's Tempel überwunden hatte wurde vom "Meister und seinen Schergen" aus der Arena geschossen ;-)

    Das chinesische ZK lässt grüßen ;) Da wird nur eben nicht mit Wasser geschossen.

    Spaß beiseite;

    Ist doch okay oder nicht? In Deutschland fallen die Menschen über irgendwelche Popsternchen-made-by-Dieter-Bohlen her und belustigen sich an so manchem Totalausfall, da ist mir eine Sendung wie Takeshi's Castle bedeutend lieber.

  1. sowas passiert auch nur in China!
    Vielen Dank dafür.

    Einmal der/die Fremde sein, das kann man dort erleben. Erlebnisse von besonderer Skurrilität (ohne Feindseligkeit) sind das Ergebnis.
    Das Video war allemal klasse.

    Nur, wie zum Teufel haben die Chinesen Sie genannt?
    Jaques-Willi ist ja abenteuerlich in Pinyin!

    Gruß,
    kassandra

    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    Genau so war es! Wir waren fremd, aber nicht unwillkommen. Jacques-Willi Wecke, das geht wirklich nicht auf Chinesisch... Ein Lehrer hat mir einen Namen verpasst: 卫祥, also "Wei" für Wecke und "Xiang" für Jacques.
    Gruß,
    Wei Xiang

  2. Als Laowai hat man in China oft die Gelegenheit, im Fernsehen den Hampelmann zu machen. Wer glaubt, da auch was anderes zeigen zu können, wird schnell eines Besseren belehrt ...

    (Pssst! Das Radio ist ein bisschen freier!)

    • deDude
    • 04. September 2012 18:10 Uhr

    "[...]Ein anderes Beispiel ist "Takeshies Castle". Niemand hat diese Serie geschaut weil das Showkonzept so toll war, oder weil man wissen wollte, wie die Kandidaten abschneiden"

    Hey, das stimmt doch so gar nicht! :P Das war (chinesisches) Bildungsfernsehen erster Güte! Wer den harten Parcour auf dem Weg zu Takeshi's Tempel überwunden hatte wurde vom "Meister und seinen Schergen" aus der Arena geschossen ;-)

    Das chinesische ZK lässt grüßen ;) Da wird nur eben nicht mit Wasser geschossen.

    Spaß beiseite;

    Ist doch okay oder nicht? In Deutschland fallen die Menschen über irgendwelche Popsternchen-made-by-Dieter-Bohlen her und belustigen sich an so manchem Totalausfall, da ist mir eine Sendung wie Takeshi's Castle bedeutend lieber.

  3. Genau so war es! Wir waren fremd, aber nicht unwillkommen. Jacques-Willi Wecke, das geht wirklich nicht auf Chinesisch... Ein Lehrer hat mir einen Namen verpasst: 卫祥, also "Wei" für Wecke und "Xiang" für Jacques.
    Gruß,
    Wei Xiang

Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren

  • Quelle Leserartikel
  • Schlagworte Ausländer | Sender | Band | China | Fernsehen | Gebäude
Service