Der Strand von Tel Aviv © Robert Friebe

Gestern war wieder ein unerträglich heißer Sommertag in Tel Aviv. Erst abends verließen die Bewohner der Stadt ihre Häuser. Langsam füllten sich die Cafés, im Hayarkon-Park drehten Jogger ihre Runden. Ich schaute mir das Treiben an, als mir plötzlich wieder der Gedanke kam: Wie ausgestorben es jetzt hier wäre, wenn die Sirenen heulen und Raketen auf die Stadt niederprasseln würden.

In Tel Aviv vergesse ich manchmal, in welcher Umgebung ich mich befinde. Fünfzig Kilometer weiter südlich sitzt die Hamas im Gaza-Streifen, 130 Kilometer nördlich die libanesische Hisbollah – und ich liege am Strand und lese für die Uni.

Im Oktober vergangenen Jahres habe ich in Israel mein Masterstudium der Security and Diplomacy Studies begonnen. Seitdem ist in den Nachrichten immer wieder von der Bedrohung durch den Iran die Rede. Im Moment klingen die Schlagzeilen besonders bedrohlich: Ein heftiger Krieg stünde bevor, wenn sich die israelische Regierung dazu entscheidet, die iranischen Atomanlagen anzugreifen und auszuschalten. So gut wie jeder, mit dem ich spreche, ist sicher, dass im Oktober nach der UN-Generalversammlung und noch vor der US-Präsidentschaftswahl etwas passieren wird.

Hier in Israel verstehe ich, was Bundespräsident Joachim Gauck meinte, als er in einer Rede über Auslandseinsätze der Bundeswehr von einer "glückssüchtigen Gesellschaft" in Deutschland sprach. Meine Generation kann sich kaum vorstellen, was Krieg bedeutet. Keiner meiner Freunde daheim musste sich jemals Gedanken machen, wo der nächste öffentliche Luftschutzbunker ist oder wo man sich eine ABC-Schutzmaske besorgen kann. In Israel versorgt das Heimatfront-Kommando nur israelische Staatsbürger mit Masken. Als ich bei der deutschen Botschaft nach einer fragte, hieß es, man könne mir keine beschaffen.

Wäre ich in Deutschland, würde ich einen israelischen Angriff auf den Iran befürworten. So zynisch es klingen mag: 200.000 auf Israel gerichtete Raketen und 300 bis 500 erwartete Tote wären aus der Ferne betrachtet ein geringeres Übel als ein nuklear bewaffneter Iran, dessen Führungsriege nicht rational handelt.

Aber ich bin in Israel. Hier kalkuliere ich nur mit meinem eigenen Leben. Vielleicht muss ich diesen Herbst meine erste Nacht in einem Bunker verbringen. Dann werde ich meinen purpurnen Reisepass anschauen und hoffen, rechtzeitig in meine glückssüchtige Gesellschaft zurückkehren zu können.