VolkswirtschaftsstudiumWarum VWL-Studenten jetzt Kant lesen

Immer mehr Hochschulen mischen Volkswirtschaft mit Politik oder Philosophie. Damit wollen sie den Tunnelblick verhindern – und das ramponierte Ökonomen-Image aufpolieren. von Malte Buhse

Wenn Gero Jung in seinem Ökonomiestudium Klausuren schreibt, muss er nicht nur mit Nutzenfunktionen jonglieren und Marktgleichgewichte berechnen. Der 27-Jährige muss dann Kant und Aristoteles interpretieren. Jung studiert an der Universität des Saarlandes "Economics, Finance and Philosophy" - einen neuen Masterstudiengang, der mehrere Disziplinen kombiniert. "Durch die Philosophie bekomme ich eine komplett neue Sicht auf ökonomische Probleme", sagt Jung.

Nicht nur im Saarland überdenken momentan deutsche Universitäten ihre Ökonomenausbildung - und immer mehr Hochschulen mischen die klassische VWL mit anderen geisteswissenschaftlichen Disziplinen wie Jura, Politik oder Philosophie. Die neuen multidisziplinären Studiengänge sind ein Versuch, die im Zuge der Finanzkrise in die Kritik geratene Wirtschaftswissenschaft zu erneuern und den traditionellen Tunnelblick des Fachs zu überwinden.

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Vorbild sind ähnliche Studiengänge in Großbritannien und den USA, vor allem das berühmte Programm "Philosophy, Politics and Economics" der Universität Oxford. Es existiert seit fast 100 Jahren und ist schon lange eine Kaderschmiede für die britische Politik. In der aktuellen Regierung sitzen sechs Absolventen des Oxforder PPE-Programms, unter anderem Premierminister David Cameron. Auch beim politischen Gegner von der Labour Party findet man in der ersten Reihe gleich mehrere Absolventen.

In den USA haben Unis das Konzept aus England schon lange kopiert. In Deutschland jedoch gingen Ökonomen lange anderen Fachrichtungen entschlossen aus dem Weg. Kombi-Studiengänge mit Politikwissenschaftlern und Soziologen waren die ganz große Ausnahme.

Doch das ändert sich derzeit rasant. In Hamburg können Master-Studenten seit zwei Jahren" "Politics, Economics and Philosophy" studieren, die Privatuni Witten-Herdecke bietet seit 2010 den Studiengang "Philosophie, Politik und Ökonomik" an; in Bochum startet im Wintersemester ein Masterprogramm namens "Ethics: Economics, Law and Politics". "Es gibt eine starke Nachfrage nach solchen Programmen", weiß Joachim Zweynert von der Uni Witten-Herdecke. "Viele Studenten sind vor der formalisierten Volkswirtschaftslehre in die Politikwissenschaften geflohen - die wollen wir zurückholen."

Erschienen im Handelsblatt

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Leserkommentare
  1. Mehr muss man dazu eigentlich nicht sagen. Wenn man sich anschaut wer die Grundsteine für die moderne Ökonomie gelegt hat - Adam Smith war u.a. Moralphilosoph -, und wie eingeschränkt manch Volkswirtschaftslehre doch ist, muss das einfach sein. Ich erinnere mich noch einen Referat in meinem Unileben, als ein VWL-Student alles perfekt mithilfe seiner Kurven erklären konnte, doch als der Prof meinte er soll es doch mal in seinen Worten ausdrücken, knickte er ziemlich ein.
    Der Tunnelblick ist doch das Hauptproblem aller Wirtschaftwissenschaften (und dazu zähle ich auch die VWL, selbst wenn die sich nach manchem Verständnis als Sozialwissenschaft sieht). Nicht nur die Volkswirte, auch die Betriebswirte müssten mehr Philosophie in ihren Lehrplan einbauen.

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    Ich habe die Philosophie gerade in mehreren Artikeln mit der Eurokrise verknüpft, wie es sonst nicht zu finden ist.
    Es geht um die Philosophie einer Weltreservewährung.
    [...]
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    • Dakra
    • 07. August 2012 4:06 Uhr

    Wenn einer die Kurven nicht mit eigenen Worten erklären kann, dann hat er die Materie nicht wirklich verstanden. Das hat überhaupt nichts mit Tunnelblick eines Faches zu tun.

    • Formel
    • 07. August 2012 12:20 Uhr

    Haben Sie in Ihrem Unileben auch zwangsweise Philosophie-Kurse besuchen müssen?

    Jeder, der das nicht hat, und sich für einen aufgeklärten Menschen hält, solche sich nicht anmaßen, dies anderen aufzuzwingen.

    @Dakra: Es ging darum, dass der besagte Student das erklären sollte, was tatsächlich passierte, und das mit eigenen Worten, anschaulich, und nicht nur indem er erklärte wie K' zu K'' wurde. Das hat er leider nicht geschafft. Wenn hier andere Kommentatoren ja beklagen wie unsinnig manche diese Mathematisierungen usw. in der VWL sind, dann ist das eigentlich das geeigente Beispiel dafür gewesen, wenn sich so daran denke.

    @Formel: Nein, habe ich nicht - dafür habe ich aber freiwillig Philosophiekurse besucht. Das waren sowohl Themen zur theoretischen wie praktischen Philosophie. Sie haben mir durchaus weitergeholfen und ich hätte es gut gefunden, wenn wir im eigentlichen Studium so etwas auch gehabt hätten. Allerdings musste ich mich auch in der Soziologie mit Philosophie auseinandersetzen, also von daher...
    Es gibt Unis, die setzen auch für ganz andere Studiengänge Philosophie in das Grundstudium. Ich sehe darin auch keinen Schaden. Die Philosophie ist nunmal die Mutter der Wissenschaften.

    • Mieheg
    • 06. August 2012 18:56 Uhr

    Da man sich im Masterstudiengang spezialisiert, sehe ich die große Erneuerung hier nicht. Im Diplom-VWL Studiengang konnte man sich auch in alle Richtungen spezialisieren, abhängig von der Uni. Die Masterstudiengänge existieren erst seit 3 Jahren, kein Wunder also das die Uni Hamburg "erst" vor 2 Jahren nen interdisziplinaren Masterstudiengang eingeführt hat. Vorher war es halt der Diplomstudiengang.
    Eine Spezialisierung bereits im Bachelorstudiengang fände ich für viele Leute hingegen eher kontraproduktiv. Man sollte schon das Grundgerüst der VWL erst einmal verstehen bevor man anfängt es interdisziplinär zu benutzen. Das die VWL an der Finanzmarktkrise Schuld sei ist übrigens schon sehr weit hergeholt. Die VWL ist dafür da um kausale Zusammenhäneg zu erklären, nicht um Wertungen abzugeben welche Politik die Beste ist.

    // Ich war der Erste Bachelorstudiendurchgang an der Uni Hamburg in VWL. Master in Verhaltensökonomie (Psychology) gemacht. Man kann die VWL auch mit weiteren Studiengängen als die im Artikel genannten mischen.

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    So einfach würde ich die Sache aber nicht sehen. Es geht ja nicht nur darum jedem Studiengang das neue Lieblingsmotto "Interdisziplinarität" mittels eines Stempels aufzudrücken, sondern tatsächlich die Grundwerte zu hinterfragen und erneuern. Oder anders gesagt: Wer sagt, dass ein Fach wie die Volkswirtschaftslehre nur aus dem bestehen muss, was wir jetzt wissen, nachdem wir die VWL so kennen wie sie nun einmal ist? Muss eine Volkswirtschaftslehre zwangsläufig mit ihrem Löwenanteil nur aus dem Zahlen- und Methodenwerk bestehen? Könnte eine VWL, eine "kritische VWL" z.B., nicht auch ganz anders aussehen, so wie es ja in anderen Wissenschaften viele andere Ausrichtungen gibt?
    So wie die Psychologie nicht gleich Psychologie ist, muss die VWL auch nicht gleich VWL sein, nicht in den Basics und auch nicht bei späteren Vertiefungen.

  2. das noch erleben darf.

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  3. Passt schon. In den meisten Studiengängen haben wirtschaftswissenschaftliche Kurse ihren festen Platz. Warum nicht auch anders herum. Trotzdem muss natürlich gelten: Wo Volkswirt draufsteht, muss auch Volkswirt drin sein.

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    • Gerry10
    • 06. August 2012 20:14 Uhr

    ...und wie alle anderen Ideologien hat sie unrüttelbare Dogmen, da kann auch Kant nichts daran ändern.

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    Ich empfinde die VWL ganz und gar nicht als Ideologie. Falls doch, welche konkrete Ideologie soll sie denn verkörpern? Mit den Mitteln der VWL kann man sich politisch ganz rechts bis nach ganz links positionieren. Es ist nur eine Frage wie weit man sich den Problemen öffnet und vor allem welchem Wirtschaftszweig man etwas zuspielen möchte.

    Ich beobachte meist an der Bundespolitik und auch allgemein, dass die volkswirtschaftlichen Aspekte "Marktversagen" und "Externalitäten" ziemlich oft ausgeblendet werden. Ich habe daher oft den Eindruck viele Volksökonomen können oder wollen solche Effekte nicht sehen. Mit der Philosophie könnte man dem vielleicht entgegenwirken. Vor allem braucht die VWL aber weniger Schlipsträger.

  4. ..jetzt fehlt nur noch, dass auch die Betriebswirtschafler merken, dass sie ein bisschen weniger Tunnelblick das Studium verbessert.

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    brauchen diese oben genannten "Nebenfächer" am meisten. Bei den VWLern war mir diese Entwicklung schon länger bekannt.

    Wer waren noch mal die zukünftigen Investmentbanker, die mit den desaströs großen Summen jonglieren?! Best E.

    • Formel
    • 07. August 2012 12:25 Uhr

    das sind nämlich durchweg Unzivilisierte, die man dressieren muss - im Gegensatz zu den Studenten aller anderen Studiengänge.

    Außerdem ist ein Pflichtkurs Philosophie genau das richtige, um das Weltbild eines Menschen grundlegend zu verändenr. Unter diesem Gesichtspunkt muss ich Ihnen nahelegen, Kant zu lesen.

  5. Ich habe die Philosophie gerade in mehreren Artikeln mit der Eurokrise verknüpft, wie es sonst nicht zu finden ist.
    Es geht um die Philosophie einer Weltreservewährung.
    [...]
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    Antwort auf "Zu recht!"
  6. So einfach würde ich die Sache aber nicht sehen. Es geht ja nicht nur darum jedem Studiengang das neue Lieblingsmotto "Interdisziplinarität" mittels eines Stempels aufzudrücken, sondern tatsächlich die Grundwerte zu hinterfragen und erneuern. Oder anders gesagt: Wer sagt, dass ein Fach wie die Volkswirtschaftslehre nur aus dem bestehen muss, was wir jetzt wissen, nachdem wir die VWL so kennen wie sie nun einmal ist? Muss eine Volkswirtschaftslehre zwangsläufig mit ihrem Löwenanteil nur aus dem Zahlen- und Methodenwerk bestehen? Könnte eine VWL, eine "kritische VWL" z.B., nicht auch ganz anders aussehen, so wie es ja in anderen Wissenschaften viele andere Ausrichtungen gibt?
    So wie die Psychologie nicht gleich Psychologie ist, muss die VWL auch nicht gleich VWL sein, nicht in den Basics und auch nicht bei späteren Vertiefungen.

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    • Mieheg
    • 06. August 2012 21:54 Uhr

    Da müssen Sie dann aber schon konkreter werden. "Zahlen" gehören halt zu der Vorgehensweise von VWLern, egal ob in der Makroökonomie oder in der Spieltheorie. Es gibt auch VWLer die größtenteils auf Studien setzen (z.b. die Verhaltensökonomen) und nicht auf Axiome. Letztendlich gibt es jeden Ansatz der wissenschaftlich erlaubt ist in den verschiedenen Bereichen der VWL. Wenn man diese nun noch kritischer betrachten will, dann kann man die VWL auch gleich abschaffen. Nur weil man z.B. annimmt das alle Menschen rational handeln, heißt das ja nicht das man nicht weiß das dies nicht der Fall ist. Es werden einfach Annahmen getroffen um die Berechnungen leichter zu machen. Einen von beiden Wegen (deduktive Ableitung aus nem Axiom oder Empirische Studien mit statistischen Verfahren) muss man halt gehen.

    Allgemein herscht in der Bevölkerung auch eine sehr große Unwissenheit worum es der Volkswirtschaftslehre eigentlich geht. Letztendlich ist die VWL zwangsweise Interdisziplinär, bzw. zwingt z.B. Politiker dazu sich in andere Bereiche einzuarbeiten. Sie beschäftigt sich mit der kompletten Wirtschaft, also auch mit der Medizin (Sozialsysteme), der BWL (Anreize für Unternehmen setzen) oder der Philosophie (Was ist ethisch vertretbar). Sie versucht diese Fragen zwar nicht zu beantworten, aber wenn man sich auf ein Gebiet spezialisiert, fängt man irgendwann auch an diese Fragen zu beantworten, eben weil man auf anderen Gebieten dazugelernt hat.

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  • Schlagworte Studiengang | Ökonomie | Bildungspolitik | Bildungschancen
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