Lichtmangel : "Wir befinden uns im Energiesparmodus"

Schlechte Beleuchtung in Hörsälen macht uns müde und unkonzentriert, sagt der Mediziner Dieter Kunz. Im Interview erklärt er, wie man den Winterschlaf-Reflex austrickst.

ZEIT ONLINE: Herr Kunz, bald wird es morgens noch dunkel sein, wenn wir zur 8-Uhr-Vorlesung gehen. Viele haben das Gefühl, dass sie gar nicht richtig wach werden. Wie sehr beeinflusst uns das Licht?

Dieter Kunz: Unsere innere Uhr stellt sich gerade auf den Winter um. Die Sonne geht später auf und früher unter. Außerdem ist es insgesamt dunkler: An klaren Sommertagen bekommen wir bis zu 100.000 Lux ab, bei wolkigem Winterwetter höchstens die Hälfte. Die Lichtrezeptoren unserer Augen nehmen also weniger Licht auf. Wenn das mehrere Tage so geht, weiß die innere Uhr, es ist Winter. Dann nimmt unsere Konzentration ab und wir sind müder. Winterdepressionen sind im Grunde nichts anderes als der menschliche Winterschlaf – wir befinden uns im Energiesparmodus.

ZEIT ONLINE: In vielen Studiengängen liegen gerade im Wintersemester die meisten Klausuren und Prüfungen. Was kann man als Studenten denn tun, um beim Lernen nicht in den Winterschlaf zu fallen?

Dieter Kunz

Dieter Kunz ist Leiter der Arbeitsgruppe Schlafforschung & Klinische Chronobiologie am Institut für Physiologie der Charité Berlin und Chefarzt der Abteilung für Schlafmedizin am St. Hedwig-Krankenhaus in Berlin.

Kunz: Man müsste eigentlich den Schreibtisch nach draußen stellen. Es hilft auch schon, wenn er am Fenster steht. Wir Menschen haben uns in den vergangenen vier Millionen Jahren daran gewöhnt, erst bei Tageslicht aktiv zu werden – also so bei 5.000 bis 100.000 Lux. Die Beleuchtungsstärke in Innenräumen liegt höchstens bei 200 bis 300 Lux. Außerdem hilft es, mit dem Fahrrad oder zu Fuß zur Uni zu kommen und möglichst oft Pausen im Freien zu machen.

ZEIT ONLINE: Wieso werden wir von Lichtmangel müde?

Kunz: Das hat man noch nicht genau herausgefunden. Man weiß aber zumindest, dass es mit dem Eiweiß Melanopsin zusammenhängt, das in den Lichtrezeptoren des Auges befindet. Licht versetzt das Eiweiß in einen aktiven Zustand. Es löst dann eine Kette von Reaktionen aus, die die Bildung von Melatonin bremsen. Das ist ein Botenstoff, der unserem Körper sagt, dass gerade Nacht ist. Allerdings ist Melatonin kein "Schlafhormon", wie oft behauptet wird: Während es Menschen wach macht, versetzt es Fledermäuse in Jagdstimmung.

ZEIT ONLINE : Kann man den Lichtmangel nicht mit viel Kaffee, zuckerhaltigem Essen oder mehr Sport ausgleichen?

Kunz: Solche Maßnahmen können kurzfristig gegen die Müdigkeit helfen, aber sie sind nicht ansatzweise so mächtig wie das Licht. Lichtmangel kann man kaum ausgleichen und auf Dauer macht er nicht nur müde, sondern ist auch gesundheitsschädlich.

ZEIT ONLINE:  Lichtmangel macht krank?

Kunz : Das kann passieren. Wenn man von morgens bis abends kein Licht abbekommt, ist für den Körper quasi immer Nacht. Das verwirrt ihn, denn es widerspricht seinem natürlichen Rhythmus – es ist, als würde man Sand in ein Schweizer Uhrwerk schütten. Viele Menschen, die tagsüber schlafen und nachts arbeiten, leiden irgendwann am Schichtarbeitersyndrom. Sie bekommen im schlimmsten Fall Schlafstörungen, Tumore, Herz-Kreislauf-Erkrankungen oder Depressionen. Dieser Zusammenhang zwischen Licht und Gesundheit ist keine Esoterik, sondern messbar und wissenschaftlich nachgewiesen.

ZEIT ONLINE: Was sollten die Unis Ihrer Meinung nach tun, um die Studenten vor Lichtmangel zu schützen?

Kunz: Es müsste in den Hörsälen viel mehr Fenster geben. In Bibliotheken – wo es oft gar keine Fenster gibt – bekommen die Studenten teilweise nur 50 Lux ab. Das ist eine Katastrophe für die Konzentration. Das Mindeste wären aber Lampen mit einem hohen Blauanteil, wie zum Beispiel Tageslichtlampen. Effektiv sind auch die kaltweißen Energiesparlampen, die immer so angefeindet werden. Normalen Glühbirnen strahlen neutralweißes Licht aus, haben also einen vergleichsweise geringen Blauanteil.

ZEIT ONLINE:  Wieso ist der Blauanteil so wichtig?

Kunz : Weil die Lichtrezeptoren unserer Augen vor allem auf die Wellenlängen des blauen Lichts reagieren. Wir brauchen zwar auch grünes und rotes Licht, doch das blaue sollte überwiegen – zumindest wenn man wach bleiben möchte. Für die Abendstunden ist warmes Licht mit einem hohen Rotanteil besser. Das signalisiert unserem Körper, dass es Abend wird und macht uns müde.

ZEIT ONLINE:  Wie hell ist es eigentlich in Ihrem Büro?

Kunz : Sehr hell, hier hängen vier LED-Lampen mit sehr hohem Blauanteil. Das ist ein Prototyp, den gibt es auf dem Markt noch gar nicht. Die halten wach, sind aber nicht sehr gemütlich: Außer mir möchte sich hier niemand lange aufhalten.

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Kommentare

19 Kommentare Seite 1 von 2 Kommentieren

Lichtfarbe

Richtig, dieser Abschnitt im Artikel ist ziemlich irritierend. Und auch wenn ständig von "blauem" Licht gesprochen wird, könnte der Anschein erweckt werden, das gemeinhin als "bläulich = kalt" wahrgenommene Leuchtstoffröhrenlicht wäre "kälter" als das Tageslicht. Das ist allerdings eine Sinnestäuschung, die jeder gut nachvollziehen kann, wenn er mal nahe einem vom Tageslicht beschienenen Fenster zur Mittagszeit eine Leuchtstoffröhre anschaltet. Tageslicht ist "blauer" als Leuchtstoffröhrenlicht vom Typ "cool white", wie es normalerweise eingesetzt wird.

schön und richtig

mehr Licht im Winter.

Für mich ideal wäre zB ein Wintergarten mit einem Bündel fetter Strahler, die ein wenig Sommer simulieren. Wer sichs leisten kann ...

Aber hoffentlich lesen den Artikel nicht Allzuviele! Denn die gute Idee steht völlig konträr zum Energiesparplan von oben. Vor allem konträr zur Ökoenergie - wo soll die denn herkommen jetzt im Winter ohne pralle Sonne und Wind ?
Klar - wie vor hundert Jahren aus Kohle. Saubere Sache das ;-)

Garnicht so viel Aufwand

"Aber hoffentlich lesen den Artikel nicht Allzuviele! Denn die gute Idee steht völlig konträr zum Energiesparplan von oben."

Eigentlich nicht. Wenn man Glühlampen durch LEDs (oder notfalls auch Kompaktleuchtstofflampen) mit einem Vielfachen der (Licht-) Leistung ersetzt, bleibt meist immernoch ein geringerer Verbrauch.
Die Nutzung von Tageslich erfordert meistens auch keinen zusätzlichen Energieverbrauch (manchmal sogar weniger).

Tageslicht?

"Die Nutzung von Tageslicht erfordert meistens auch keinen zusätzlichen Energieverbrauch (manchmal sogar weniger)."

Tja - wo soll das denn herkommen im Winter, wenn die Sonne nur für wenige Stunden und dann nicht mal 20 Grad über den Horizont spitzt? Genau darin liegt ja das Problem der Ökoenergie (bei uns).
16 Stunden Nacht und dann noch trüber Tag - das produziert eben so gut wie nichts.

Und mit diesem widerlichen bläulichkalten LED-Licht dürften die Wenigsten ihre Windterdepri bekämpfen können (der Artikelautor vielleicht). Die gruseln einen ja schon, wenn man sie an den modernen Autoscheinwerfern sehen muss.

@ redaktion

"Es löst dann eine Kette von Reaktionen aus, die die Bildung von Melatonin bremsen. Das ist ein Botenstoff, der unserem Körper sagt, dass gerade Nacht ist. Allerdings ist Melatonin kein "Schlafhormon", wie oft behauptet wird: Während es Menschen wach macht, versetzt es Fledermäuse in Jagdstimmung."

Irgendwie liest sich das zu Beginn so, dass Lichteinfall dazu führt, dass kein Melatonin mehr ausgeschüttet wird, der Mensch also wach wird. Im zweiten Teil steht dann, dass Melatonin den Menschen wach macht. Das stimmt doch aber nicht. Die Abwesenheit von Melatonin macht wach.

Warum gehen wir nicht mit der Natur?

Früher waren die Menschen in der hellen Jahreszeit am aktivsten und hielten im Winter zwar nicht Winterschlaf, aber doch so etwas wie Winterruhe. Das scheint mir vernünftig. Stattdessen schütten wir uns besonders im letzten Jahresviertel mit Arbeit zu. Dies trifft ja nicht nur Studenten. Am Jahresende hängen dann alle in den Seilen. Wir sollten dann powern, wenn wir ohnehin voller Energie sind. Also: Prüfungen im Frühsommer, Jahresabschlüsse zum 30.06. statt 31.12., usw.

Dann brauchen wir uns auch keine Gedanken um rotes oder blaues Licht zu machen. :)

Na ich weiss nicht - Licht ist ja nur ein Aspekt

Im Sommer moechte ich aber auch moeglichst oft draussen sein und das schoene Wetter geniessen. Da faende ich es schon zynisch, wenn ich dann gerade den groessten Anteil an meiner Jahresarbeitsleistung erbringen muesste. ausserdem bin ich hitzeempffindlich - wenn es zu warm ist, bekomme ich Kopfschmerzen und kann mich nicht mehr richtig konzentrieren. Selbst wenn man ein wenig muede ist - es ist ja keine Folter, mit einer duftenden Tasse Kaffee am Schreibtisch im warmen Buero zu sitzen, waehrend der Regen an die Scheibe prasselt.