Jan Meyer-Dulheuer ist vorher nie als politischer Aktivist aufgefallen, ist in keiner Partei organisiert. Schwab hat er immer als weltoffenen Dekan gesehen, und deshalb bleibt er nach der Urkundenverleihung noch ein wenig auf der Party, um dem Dekan Gelegenheit zu geben, auf ihn zuzugehen. Die beiden begegnen sich tatsächlich kurz, Meyer-Dulheuer erinnert sich an Schwabs Worte: "Unverschämtheit" und "Sowas ist in zehn Jahren nicht vorgekommen". Ein Gespräch ist das kaum. Der Dekan möchte auch danach mit dem "Studenten nicht individuell sprechen", höchstens in Anwesenheit Dritter. Er fühlt sich von Meyer-Dulheuer "persönlich diskreditiert".

Denn der hat dem Dekan nach dem Vorfall einen Offenen Brief geschrieben und ihn auch an das FU-Präsidium und den Asta schickt. Darin wirft er dem Dekan "mangelndes Problembewusstsein" und den " Eindruck einer Rechtslastigkeit durch die Duldung von Uniformierung" vor. Noch einmal weist er auf die Nähe von Burschenschaften zur rechtsextremen Szene hin. Die konkrete Verbindung nennt er nicht, vermutet dahinter aber die Gothia, eine pflichtschlagende Verbindung aus Zehlendorf, in der auch einige Jurastudenten der FU organisiert sind.

Die Gothia ist eine von 120 Verbindungen im Dachverband Deutsche Burschenschaft (DB) , der regelmäßig wegen seiner fremden- und frauenfeindlichen Haltung kritisiert wird. Ende Mai 2012 stritt der Verband über einen Abstammungsnachweis für Mitglieder und die Wahl von Norbert Weidner zum Chefredakteur der Verbandszeitung. Weidner hatte den Widerstandskämpfer Dietrich Bonhoeffer als "Landesverräter" bezeichnet. Von der Bundesregierung wird die DB zwar nicht als antidemokratisch eingestuft, wie am Mittwoch in einer Antwort auf eine Kleine Anfrage der Linken-Fraktion zu lesen war. Die Entwicklung des Verbandes wird allerdings beobachtet. Der DB hat nach eigenen Angaben 1.300 aktive Mitglieder neben 10.000 "Alten Herren".

Die Kritik habe ausschließlich der Störung gegolten, sagt der Dekan

An der FU ist das Tragen von Verbindungsfarben ausdrücklich "unerwünscht". Das Präsidium teilt mit, es habe erst kürzlich ein Rundschreiben an alle Dekane geschickt, dass die FU "seit ihrer Gründung stets Distanz zu solchen Traditionen halte" und sie aufgefordert, "darauf zu achten, dass Vertreter studentischer Verbindungen nicht in Farben auf dem Campus auftreten". Tatsächlich gab es an der FU in den fünfziger Jahren einen Beschluss des Akademischen Senats, der das Tragen von Farben verbot. Obwohl das Bundesverwaltungsgericht den Passus danach für rechtswidrig erklärte, waren sie an der FU immer stolz auf die "antikorporierte" Haltung der Universität. Der CDU-Politiker Eberhard Diepgen , der spätere Regierende Bürgermeister von Berlin, verlor aus diesem Grund 1963 sein Amt als Astavorsitzender: Er war Mitglied der schlagenden Verbindung "Saravia". Ulf Kadritzke, der damals im Studentenparlament saß und bis 2008 Professor an der Berliner Hochschule für Wirtschaft und Recht war, ist entsetzt, dass "diese Form des elitären Uniformtragens wieder möglich ist".

Die FU beeilt sich zu versichern, dass am Verantwortungsbewusstsein des Dekans Martin Schwab kein Zweifel besteht, und der Dekan beteuert, dass er selbst von der Anwesenheit der Burschenschafter "überrascht" gewesen sei. Seine Kritik gegenüber Meyer-Dulheuer habe ausschließlich der Störung gegolten. Ob es Gespräche mit den anwesenden Verbindungsstudenten geben wird, ist von beiden Seiten nicht zu erfahren. Nach Angaben der Gothia ist aber bisher niemand an die Verbindung herangetreten. Ihr Vorsitzender, Thorsten Elsholtz, teilt zudem mit: "Das Farbentragen an der FU ist heute längst wieder üblich."

Erschienen im Tagesspiegel