FU BerlinUni-Dekan verweist Burschenkritiker des Saales

Eine rauschende Absolventenfeier an der FU Berlin, Burschenschafter in Uniform treten auf. Einem Studenten reicht's. Er ergreift das Wort – und wird rausgeschmissen. von Sarah Schaschek

Das Bild auf Youtube ist verschwommen, doch die vier farbigen Mützen sind deutlich zu erkennen. Zur Sicherheit hat Jan Meyer-Dulheuer, der das Video ins Internet gestellt hat, vier Pfeile ins Bild gezeichnet, die auf die Mützen zeigen. Darüber prangt das Wort "rechtsaußen". Gemeint sind die Studenten, die am 26. Oktober in den Farben ihrer Verbindungen zu einer Abschlussfeier an die Freie Universität Berlin (FU) gekommen sind.

Dann beginnt das Video. Ein Hörsaal des Fachbereichs Jura ist zu sehen, dazu jede Menge Hinterköpfe – die Absolventenfeier aus der Sicht der Zuschauer. Ein paar Leute trotten nach vorne, um ihre Urkunde abzuholen. Beinahe unmerklich tritt einer von ihnen ans Mikrofon und sagt zwei Sätze: " Berlin ist eine tolerante und weltoffene Stadt. Ich finde es skandalös, dass hier Leute sitzen, die halbuniformiert sind, deren Uniformen für einen Verband stehen, der immer noch einen Ariernachweis verlangt..." Weiter kommt er nicht. Ein anderer Mann, der Dekan Martin Schwab, drängt ihn vom Mikrofon. "Schluss, Schluss!", ruft er. Dann verlässt der Student den Saal.

Anzeige

"Es geht mir nicht darum, dass er mich rausgeschmissen hat," sagt Jan Meyer-Dulheuer später. "Aber ich hätte von unserem Dekan mehr Aktivität und Kritik gegenüber den Uniformierten erwartet." Tatsächlich sollen sich die Mitglieder der 45 Berliner Studentenverbindungen nicht in ihren Uniformen auf dem FU-Campus zeigen, nicht zuletzt weil Burschenschaften im Nationalsozialismus eine aktive Rolle gespielt haben und sie häufig Frauen als Mitglieder ausschließen – Prinzipien, die sich mit den Werten der FU nicht vereinbaren lassen.

Als Meyer-Dulheuer draußen ist, wendet sich Schwab an das Publikum und erklärt, "dass die Freie Universität Berlin eine tolerante Universität ist und auch Andersdenkende und auch studentische Verbindungen am Fachbereich Jura willkommen sind". So steht es auf der Internetseite des Studierendenverbands Asta, auf der Schwab sich Anfang dieser Woche zum Vorfall äußert.

Meyer-Dulheuer kann sich ein "Nazis raus" nicht verkneifen

Jan Meyer-Dulheuer war mit seiner Freundin und den Eltern zur Absolventenfeier gekommen, danach sollte es Sekt geben und ein schönes Essen. Doch daraus wurde nichts.

Denn auf der Feier befinden sich auch einige Studenten, die in den Farben ihrer Studentenverbindung gekommen sind. Sie tragen schwarze Jacken und eben jene orangenen Hüte, die auf dem Video zu sehen sind. Einer von ihnen hat wie Meyer-Dulheuer das Examen bestanden und wird auf der Bühne dafür geehrt. Schon vor der Veranstaltung wundert sich Meyer-Dulheuer über die Anwesenheit der Uniformierten, es sei das erste Mal gewesen, dass er Verbindungsstudenten in ihren Farben auf dem Campus gesehen habe. Gemeinsam mit seinem Vater überlegt er, ob er darauf reagieren soll, er macht sich Notizen. Lange ist er unsicher, ob er überhaupt etwas sagen soll.

Dann wird der Uniformierte aufgerufen. Meyer-Dulheuer kann sich ein "Nazis raus" nicht verkneifen, hinterher sagt er, dass er sich das hätte sparen können. "Das waren ja keine Schlägernazis, sondern Anzugträger." Der Dekan blickt verärgert in seine Richtung. Auf dem Rückweg kommt der Student mit der orangenen Kappe an Meyer-Dulheuers Platz vorbei und salutiert vor ihm. "In dem Moment habe ich mich entschlossen, dass ich etwas sage." Als er selbst aufgerufen wird, macht Meyer-Dulheuer daher jenen kleinen Umweg zum Mikrofon, bevor ihm der Dekan wegen Störung der Veranstaltung Hausverbot erteilt.

Leserkommentare
  1. ... Meyer-Dulheuer gibt, die ihre Meinung artikulieren und dafür auch gewisse Nachteile in Kauf nehmen. Eine solche Feier mit diesem Statement zu bereichern, erfordert Mut. Duckmäuser, die nur nach Beliebtheit schielen, gibt es schon genug in diesem Land. Und die wachsende Toleranz gegenüber rechtslastigen und andere Menschen ausgrenzenden Positionen, die ich wahrnehme, ist Grund zur Sorge.

    Die Reaktion des Dekans Schwab zeigt meiner Ansicht nur, dass die Kritik genau ins Schwarze getroffen hat.

    32 Leserempfehlungen
    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    Er sollte das natürlich auch mal auf all den anderen Veranstaltungen tun, auf denen Uniformen getragen werden.

  2. Er sollte das natürlich auch mal auf all den anderen Veranstaltungen tun, auf denen Uniformen getragen werden.

    Eine Leserempfehlung
  3. .
    ... gewesen, die Einlassungen von "kenanweissbescheid" stehen zu lassen, weil sie diese erstaunlich verbreitete, dumpfe Stammtischweltsicht durch die teutsche Braunbrille so schön lesbar zusammengebastelt hatten.

    Wie soll sich der Leser des Threads selbst ein Bild machen, wenn er die überall hervorquellenden braunen Zwischentöne nicht zu sehen bekommt?

    Bitte verstehen Sie, dass Zeit Online solchen Ansichten nicht als Plattform dienlich sein will. Die Redaktion/mak

    4 Leserempfehlungen
    Antwort auf "[...]"
    • Case793
    • 09. November 2012 15:29 Uhr

    Ich bin mir jetzt nicht sicher ob ich das richtig verstanden habe:
    Dieser Herr Meyer-Dulheuer hat, weil er vermutet(!) das jemand eine rechte Gesinnung haben könnte, eine Veranstaltung gestört, andere beleidigt, wollte dass der Dekan sich für das Fehlverhalten von Herrn Meyer-Dulheuer entschuldigt und stellt sich jetzt als "Märtyrer" da? Das ist doch wohl Satire!

    26 Leserempfehlungen
    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    "Dieser Herr Meyer-Dulheuer hat, weil er vermutet(!) das jemand eine rechte Gesinnung haben könnte, eine Veranstaltung gestört, andere beleidigt, .."

    Wir können jetzt darüber streiten, ob die Tomate rot oder blau ist, soviel zu Ihrem "vermutet". Die, vom Dekan tolerierte, Störung der Veranstaltung ging meiner Ansicht nach von den Burschenschaftlern aus, die diese durch das Tragen ihrer Uniformen für eine politische Provokation genutzt haben.

    Auch das Salutieren eines Burschenschaftlers vor dem Kritiker, das ist für mich eine weitere Provokation und eine Drohung.

    Wenn hier schon so viel über Zivilcourage und richtiges Verhalten angesichts einer Provokation philosophiert wird, finde ich, dass auch die Reaktion des Corps-Studenten Respekt verdient. Nicht jeder hätte wohl auf die pauschale Verdächtigung ein "Nazi" zu sein mit dem Ehrengruß des Salutierens reagiert.

    • aadk23
    • 09. November 2012 15:32 Uhr

    Falls es wen interessiert, hier mal die Erklärung des Dekans:

    http://www.jura.fu-berlin...

    8 Leserempfehlungen
    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen
    • Case793
    • 09. November 2012 15:44 Uhr

    Warum wollen Sie denn die Empörungsorgie mit sachlichen Kommentaren stören? Der Artikel gibt doch schon ganz eindeutig vor, wer hier im Recht ist ;)

    • Jabessa
    • 09. November 2012 16:27 Uhr

    ... aus dieser Klarstellung sind ja zum Glück bereits im Artikel widergegeben. Deswegen kann man Unsachlichkeit nicht unterstellen, zumindest nicht im Artikel.

    • bivi
    • 09. November 2012 17:23 Uhr

    und läßt das vermissen, was den Studenten Jan Meyer-Dulheuer auszeichnet: Courage und Entschlossenheit im Widerstand gegen eine Organisation, der die Verfassung und die Menschenrechte ziemlich wurscht sind!
    Solche Leute hatten wir 1939 genug.

    aadk23: "Falls es wen interessiert, hier mal die Erklärung des Dekans:
    http://www.jura.fu-berlin..."

    Vielen Dank für diesen Link.
    Genau so stellt man sich die Handhabung vor. Und nicht als rechthaberischen Aktionismus.

    die Erklärung, oder?

    • hladik
    • 09. November 2012 23:20 Uhr

    des Dekans.

    Da ist Schwab schon deutlich aggressiver.

    http://www.jura.fu-berlin...

    • F1reFoX
    • 09. November 2012 15:32 Uhr

    Konservativ ist eine Sache, wenn man einmal davon absieht, was unter konservativ überhaupt verstanden wird. Die Frage ist doch eigentlich: Wo zieht man die Grenze? Worte und Gesten sagen viel über die Überzeugung einer Person aus.

    Uniformen sind in erster Linie eine Abgrenzung. Sie symbolisieren die Zugehörigkeit zu einer bestimmten Gruppe. Das Salutieren wiederum ist eine Geste der Disziplin und des Gehorsams. All dies ist per se nicht schlecht. Doch Gruppierungen sind immer ein Zusammenschluss von Interessen - und genau da wird es kritisch.

    Eine Gesellschaft lebt von gemeinsamen Regeln und Werten und seit der Zeit des Nationalsozialismus gehört dazu die Akzeptanz von Personen anderer Kulturen. Das Verlangen eines Nachweises der deutschen Staatsbürgerschaft kann man als nationalistisch bezeichnen und so lange dies nicht in Gewalt oder sonstige Herablassung einer Person oder Personengruppe führt ist das ja auch in Ordnung, sprich: meiner Meinung nach konservativ. Aber was sagt uns das über die Toleranz dieser Gruppierung wenn sie (laut Artikel) einen Ariernachweis verlangt? Die Nähe zu rassistischem Denken darf hier angenommen werden. Das hat nichts mehr mit einer konservativen Haltung zu tun sondern ist vor allem eines: Ein Zeichen für die latente Entmenschlichung. Dies gilt es unter allen Umständen zu bekämpfen, egal ob dies nun von links oder rechts kommt.

    17 Leserempfehlungen
    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen
    • F1reFoX
    • 09. November 2012 15:39 Uhr

    Und hier komme ich zu dem Punkt, um den es mir geht: Die Uniformen und das Auftreten zeigen, dass diese Personen der genannten Gruppierung (sprich: der Burschenschaft) angehören. Wer sich so zeigt, obwohl er weiß womit dieses Auftreten verbunden wird (und davon darf ausgegangen werden), der zeigt offen seine Überzeugung. Und genau diese Überzeugung ist es, gegen die Herr Meyer-Dulheuer vorgegangen ist. Zugegebenermaßen sind sonderlich geschickt, aber dafür mit ehrenwerten Vorsätzen.

    • Case793
    • 09. November 2012 15:42 Uhr

    Es wird in dem Artikel nicht wirklich von einem "Ariernachweis" gesprochen. Diese Behauptung hat Herr Meyer-Dulheuer einfach so in den Raum gestellt, ohne auch nur einen einzigen Beleg dafür zu haben. Zumal er ja selbst nur vermutet(!) welcher Verbindung die Uniformträger überhaupt angehören.

    man vermutet dass die Burschenschaft Gothia gemeint ist, während sie davon ausgehen, dass es diese ist.

    Wenn man sich zusammen findet, um unter Gleichen zu sein, zum Beispiel um gleiche Interessen zu vertreten, die französische Sprache zu pflegen, gemeinsam Fußball zu spielen, oder gemeinsam ausschließlich mit Geschlechtsgenossinnen Sport zu treiben, dann passt es in den jeweiligen Gemeinschaften schlecht, wenn jemand lieber Englisch sprechen will, Tischtennis spielen oder als Mann in den Frauenfitnis-Club eintreten will.

    Es gibt viele Vereine, Parteien und andere Interessengemeinschaften, die sich auch durch äußere Zeichen gegen andere abgrenzen - Kreuze, Schleier, Bärte, Antifa-Aufnäher ....

    Man will halt unter sich sein. Legitim, natürlich, nicht zu beanstanden.
    Bei der kommunistischen Plattform in der LINKEN wird keiner Hurra schreien, wenn ein Wirtschaftsliberaler auftaucht.
    Bei den Grünen sind sicher Atomkraftgegner unwillkommen.
    Und Katholiken sind von Atheisten wenig begeistert.
    Aber alle dürfen an deutschen Universitäten studieren. Dort können sie ihre konträren Meinungen austauschen - auch die nach außen exotisch auftretenden Burschenschafter.

    Übrigens:
    Ist es nationalistisch, wenn sich nur gebürtige US-Amerikaner zur Präsidentenwahl in den USA stellen dürfen?
    Nein - ist es nicht!
    Genauso wenig wie es nationalistisch ist, gemeinsam mit anderen Deutschen demonstrativ seine Heimat, seine Sprache und seine Nation zu lieben.

Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren

Service