Noteninflation : Der Leistungsdruck lässt die Examensnoten steigen

Der Notendurschnitt an Unis ist in den letzten Jahren ständig gestiegen. Mit sinkenden Standards habe das nichts zu tun, meint Leserin Katharina Pöter.

Der Wissenschaftsrat berichtete im November, dass im Prüfungsjahr 2010 fast 80 Prozent der Studierenden ihren Abschluss mit "gut" oder "sehr gut" bestanden haben. Deren Anteil sei im Vergleich zum Jahr 2001 um zehn Prozent gestiegen.

Eine erfreuliche Nachricht? Scheinbar nicht: Eine "Aufweichung der Bewertungsstandards" und "schleichende Noteninflation", diagnostiziert der Bericht des Wissenschaftsrats. Dieser Trend dürfe so nicht weiter gehen, wird Wolfgang Marquardt, der Vorsitzende des Wissenschaftsrates, in verschiedenen Medien zitiert.

Ich sehe ganz andere Gründe für diese Entwicklung: Der Umstieg zum Bachelor/Master-System hat zu diesem überdurchschnittlichen Notenspiegel beigetragen. Aufgrund erhöhter Anforderungen und einer verkürzten Studienzeit ist die Abbrecherquote gestiegen. Den Abschluss erhalten nur noch die Besten. Dass diese auch einen guten bis sehr guten Abschluss erzielen, liegt auf der Hand.

Hinzu kommt die Wirtschaftskrise: Die Angst, trotz guter Ausbildung keinen Arbeitsplatz zu bekommen, ist hoch. Sie spornt Studierende zu Höchstleistungen an. Dieser erhöhte Arbeitsaufwand spiegelt sich in unseren Noten wider.

Statt Bequemlichkeit dank "Noteninflation" hat sich Leistungsdruck in den Köpfen der Studierenden manifestiert. Quantifizierbare, hart erarbeitete Ergebnisse sind die Maximen unserer Studien. Dass wir uns diesen Zwängen beugen, scheint aber auch nichts zu bringen: Unsere gute Leistung wird uns pauschal abgesprochen.

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Kommentare

56 Kommentare Seite 1 von 9 Kommentieren

Superschlau

Gut so, auf einen allgemein gefassten Artikel mit persönlichen Empfindungen zu antworten. Es gibt eben manchmal superkluge Leute, denen ihr Studium zu einfach ist. Dann kann man ja parallel noch ein Zweitstudium anfangen, wenn einen das erste nicht auslastet. Dann muss man sich am Ende vielleicht auch nicht schämen und ist doch mal gefordert.

Ich finde den Hauptartikel sehr gut, er zeigt einen wichtigen Zusammenhang auf. Dabei geht es aber um die Masse der Leute, natürlich nicht um Einzelschicksale. Die Abschlussnote wird seit der Umstellung auf Bach/Mast von Studiumsbeginn an beeinflusst, zu meiner Zeit hat nur das Zwischenzeugnis und die Diplomnote gezählt. Entsprechend mehr Druck lastet heute auf den Studenten, in jeder Klausur eine 1 zu erhalten, selbst wenn der Lehrplan identisch zu früher wäre. Und dieser Druck, gepaart mit den mageren Jobaussichten für Absolventen und dem Einfluss der Wirtschaft auf die Uni, lässt die Studenten mehr für ihre Note arbeiten als früher.

Re: Wirklich?

Ich persönlich schäme mich für mein Studium, weil es mir bis auf ganz wenige Ausnahmen wie geschenkt vorkam. Aber das ist nur mein persönlicher Eindruck zu dieser Thematik...

Mir geht es genau andersherum. Ich bin sehr stolz auf den Abschluss meines Studiums, weil ich dafür kämpfen musste. Ich bin auch ein wenig betrübt darüber, weil kaum jemand die harte Arbeit dahinter sieht. Ein Freund hat einen Abschluss über eine Fernhochschule berufsbegleitend gemacht und nennt sich Diplom-Informatiker (FH). Ich habe an einer Universität studiert und nenne mich Diplom-Informatiker. Trotz dieser Namensähnlichkeit liegen Welten zwischen unseren Studiengängen. Wir haben unsere Stoffinhalte verglichen und kamen zu dem Ergebnis, dass wenn er ein Skript mit 30 A4-Seiten in 12-Punkt-Schrift und vielen Illustrationen für die Prüfung lernen musste, um sie mit 1,0 zu bestehen, dass ich es mit einem 50-seitigen Skript in 8-Punkt-Schrift ohne ein einziges Bild zu tun hatte und wochenlang bis tief in die Nacht lernen musste, um wenigstens ein befriedigend zu bekommen. Natürlich ist diese Betrachtung zu einfach. Die Realität nach dem Studium gibt ein anderes Bild: Er verdient 2400 EUR Brutto und hat kaum Aussicht auf Aufstieg. Ich verdiene 3200 und stehe am Anfang einer Karriere, bei der ich locker >5000 EUR Brutto verdienen kann. Genau darum bin ich stolz auf mein Studium. Es eröffnet mir große Möglichkeiten.

Stimmt

Es stimmt schon: Der Leistungsdruck unter Studenten ist enorm gestiegen, allerdings nicht erst seit Einführung des Bologna-Systems. Noch vor 20-30 Jahren hatte ein Abiturient eine sichere Aussicht auf einen guten Job, heute muss man mindestens ein 1,x-Abitur vorweisen, und ein entsprechend benotetes Studium. Entgegen der Meinung so mancher Leute, dass die heutige junge Generation verweichlicht und spaßorientiert wäre, hat es die heutige Jugend sehr schwer: Unsichere Berufsaussichten, Staatsverschuldung, nicht nachhaltige Sozialsysteme, demographische Entwicklung.

Wer in den 70er- und 80er-Jahren studiert hat, hat goldene Zeiten erlebt.

Nein, das ist nicht so!

Im Grunde genommen haben Sie mit Ihrem Post den Nerv getroffen. Nur anders, als Sie glauben.

Nein, man braucht kein 1er Abitur und auch mit einem 2er Bachelor und Master, bekommt man ohne Probleme einen Job, WENN man denn ein bestimtmes Ziel frühzeitig verfolgt. Quelle: Mich selber, Kommilitonen, Arbeitskollegen.

Die Personaler predigen nicht schon seit gestern, dass Noten eher zweitrangig sind, sondern es erst einmal auf die Person ankommt. Und das kann man nunmal nicht, durch Noten hinbekommen.

Wer in den 70-er und 80-er Jahren studiert hat, stand

- trotz erhöhter Auslese sowohl nach der Grundschule als auch im Abitur - schon vor Beginn des Studiums vor der Situation, dass an den Unis in fast allen (!) Fächern entweder bundesweite oder uniinterne Numeri clausi galten. Eine Eins vor dem Komma gab es im Abitur nur für sehr, sehr wenige Absolventen, und das sowohl in der Schule als auch in der Uni.
Die Fachschaften waren überfüllt, und wenn man dann sein Studium erfolgreich hinter sich gebracht hatte, wartete auf viele die Arbeitslosigkeit, wenn man nicht flexibel war und sich anderweitig bewarb.

hier mal ein Spiegelartikel von damals:
http://www.spiegel.de/spi...

Man sieht also: Damals waren die Verhältnisse für den Einzelnen nicht leichter als heute - im Gegenteil.

Die Inflation der guten Noten in Schulen und Unis ist aber mehreren Faktoren geschuldet:

1. hat kaum jemand aus dem Lehrpersonal die Lust und den Mumm, gehobene Ansprüche auch gegen äußere Widerstände durchzusetzen, zumal die Kultusministerien nicht hinter ihnen stehen. Das merkt man

2. daran, dass Schulen und Unis nach Quantität statt Qualität finanziert werden.

3. merken die Absolventen, die durch eine scheinbar gute Note ruhiggestellt sind, erst nach Jahren, dass die Konkurrenz dadurch außerhalb von Schule und Uni härter geworden ist. Und

4. wer klagt schon gegen zu gute Noten? Es bestünde dann die Gefahr, dass man selbst zu gut bewertet worden wäre. Dass sich die Relation nicht verschiebt, erkennen die meisten nicht!

Auf den Punkt gebracht

Zu meinen Zeiten (Abi Anfang der 70iger) hatten etwa 5% eine 1 vor dem Komma.
Vor 3 Jahren machte eine Nichte Abitur. 26% mit einer 1 vor dem Komma.
Da kommen zweifel an der allgemeine Hochschulreife auf.

Und angemerkt:
Noten reflektieren nicht alles. Aber letztlich ist ein Hochschulabschluß oder Erfolg im Beruf bei der breiten Masse auch immer eine Mischung aus Umständen, Intelligenz oder Begabung und Anstrengung / Zielstrebigkeit. Und letzterer Punkt läßt schon Prognosen zu.

Kausalität?

Dass die Umstelltung auf das Bachelor-/Mastersystem zur "Notenonflation" begetragen hat, liegt nahe. Der Schluss, dass in diesem System allerdings nur noch die besten Studenten überhaupt den Abschluss schaffen und dieser dementsprechend auch besonders gut sein muss, halte ich für mehr als fragwürdig.

Zudem bleibt ungeklärt, wieso man von einer gekürzten Studienzeit per se auf höhere Anforderungen und höheren Leistungsdruck schließen kann? Wodurch wird dieser begründet?

Auch nach der Umstellung gibt es noch bessere und schlechtere Studenten. Die dahinter stehenden Noten allerdings haben sich verschoben. D.h. wirklich gut ist man mittlerweile nur noch mit Bestnoten, schlecht hingegen schon mit guten oder durchschnittlichen Noten.

ps: es wäre sehr wünschenswert und würde die Diskussion ansich sehr fördern, wenn nicht direkt wieder eine Diskussion über Wert und Mehrwert von Natur- und Geisteswissenschaften entfacht, da dies sicher nicht den Kern des hier geschilderten Phänomens trifft!

Kausalitaet -

"Zudem bleibt ungeklärt, wieso man von einer gekürzten Studienzeit per se auf höhere Anforderungen und höheren Leistungsdruck schließen kann? Wodurch wird dieser begründet?"

Fortlaufende Forschung --> ein Mehr an Studieninhalten --> gekuerzte Studienzeit --> Mehr Stoff in weniger Zeit.

Ich studiere derzeit und muss miterleben wie trist die Atmossphaere im Studium ist, wenn jede Veranstaltung in erster Linie (ich will nicht sagen vollstaendig, aber sehr sehr) darin betrachtet wird, wie Pruefungsrelevant sie ist. Jede weiterfuehrende Frage sofort "zu weit" geht und unter den Kommilitonen das (auch durchaus nachempfindbare) genervte Seufzen aufkommt - machts doch jetzt nicht kompliziert! Wir wollens einfach, einfach fuer die Pruefung.

In verschiedene Richtungen zu denken und Mehrperskivitaet - darum geht es in meiner akademischen Einruchtung kaum.

Wenn ich fruehere Absolventen (jetzige Lehrer und Doktoren) frage, malen sie von ihrem Studium ein sehr anderes Bild.

Mal 5:29min dazu:
http://www.youtube.com/wa...

Sehr schöner Link!

Vielen Dank für den Link - habe es mir soeben angeschaut - schade nur, dass es Studierende eben nicht am Ball geblieben sind um weiter zu demonstrieren.

Wichtig finde ich im Besonderen den Aspekt des 'Selbststudiums' - dazu habe ich überhaupt keine Zeit.
Zwischen Vorlesung, Schichtdienst am Wochenende und sinnloser Auswendiglernerei fehlt vollkommen die Zeit und die Motivation.

Das ganze system als solches ist unendlich verschult - Fächer die ich lediglich 1 Semester habe, mich aber sehr interessieren, fallen unter den Tisch. Wohingegen manche Module null Interesse an mir wecken - diese werden dann aber länger gezogen und fallen demnach auch stärker in die Gewichtung.

Ich glaube einfach, dass die meisten Kritiken, die gegenüber Studenten geäußert werden, nicht durchdacht sind.
Umso wichtiger also Posts, die dem entgegenhalten und einfach aufzeigen, dass es mehr als schwarz und weiß gibt.

Im Hamsterrad gefangen

Was macht man als Erstes, wenn die Statistiken der Bildungsabschlüsse nicht stimmen? Man senkt die Standards. Das ist, aus politischer Sicht jedenfalls, eine logische Konsequenz. Mehr Abschlüsse werden dadurch sicherlich erzielt.

Aber ob dadurch auch intelligenter und eigenständiger Nachwuchs geschult wird? Nachwuchs, der sich in ungewissen Zeiten selbstständig weiterbilden kann?

Daran habe ich große Zweifel. Außerdem steht der Nachwuchs ständig unter dem ominösen Leistungsdruck des Marktes. Freigeister und Quereinsteiger sollten sich in Zukunft warm anziehen.