Leserartikel

GasthörerWer bekommt einen Sitzplatz?

In den Vorlesungen an seiner Uni sitzen viele ältere Gasthörer, schreibt Leser M. Hild. Junge Regelstudenten finden deshalb häufig keinen Sitzplatz mehr im Hörsaal. von 

Ich stehe vor einem Hörsaal meiner Uni, es ist 10 Uhr. Die Vorlesung zum Thema Nationalsozialismus – Partizipation und Gewalt beginnt um 10 Uhr cum tempore, also um 10:15 Uhr. Als ich den Saal betrete, ist er bereits gut gefüllt. Eigentlich unüblich für die frühe Uhrzeit. Ich stelle fest, dass die meisten der Anwesenden ältere Semester sind: Gasthörer über 50 Jahre.

Um 10:05 Uhr sind alle Plätze vergeben. Doch noch immer drängen Studenten in den Hörsaal. Die jetzt eintreten, sehen eher aus wie klassische Bachelor- oder Lehramtsstudenten, zumindest sind sie im normalen Studentenalter. Sie finden keinen Sitzplatz mehr, sogar der Raum auf der Treppe wird knapp. Einige setzen sich unter oder neben die Tafel. Selbst der Dozent scheint vom Andrang überrascht.

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Dieses Phänomen kann man an meiner Uni in nahezu allen Fakultäten beobachten, es ist mir aber noch nie so sehr aufgefallen wie in dieser Geschichtsvorlesung: Ältere Gasthörer nehmen den jüngeren Regelstudenten die Sitzplätze weg. Manche der Älteren wollen nach ihrem Berufsleben einen Hochschulabschluss erreichen, andere kommen nur aus Interesse an der deutschen Geschichte.

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Dagegen ist prinzipiell nichts einzuwenden. Universitäre Bildung ist ein gesellschaftliches Gut, das jedem offenstehen sollte. Ich frage mich aber, ob reguläre Studenten nicht ein Recht auf Sitzplätze haben sollten. Schließlich sind sie darauf angewiesen, an der Vorlesung teilzunehmen.

Der Dozent für Nationalsozialismus – Partizipation und Gewalt hat inzwischen versucht, einen größeren Hörsaal zu organisieren – lange Zeit erfolglos. An der ganzen Universität stand zur entsprechenden Zeit kein größerer Raum zur Verfügung. In solchen Fällen heißt es für uns Studenten: Wer sitzen will, muss früh aufstehen und darf vor einer so vollen Veranstaltung keine andere haben.

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Leserkommentare
  1. ...und trotzdem sehe ich das Thema differenziert. An vielen Universitäten zahlen Seniorstudenten recht hohe Semesterbeiträge (500 € aufwärts), auch an Unis ohne Studiengebühren. Ausn diesem Geld, das eben nicht den Seniorstudenten zu Gute kommt, ergibt sich natürlich auch ein gewisser Anspruch (nicht zu Unrecht).

    Schwierig finde ich (wie selbst erlebt), wenn Seniorstudenten ihre Platz in einem Seminar selbst bei total Überfüllung nicht räumen wollen. Selbst mehrfach erlebt: Der Dozent schickte nach und nach die jüngeren Semester aus dem viel zu überfüllten Seminar, mit der Bitte auf Rücksicht auf die höheren Semester, die den Schein ehr für den nahenden Abschluß benötigen (und mit dem Hinweis das Seminar im nächsten Semester wieder anzubieten). Trotz des Hinweises, dass nur die bleiben sollen, die den Schein absolut dringend benötigen, blieben mehrere Seniorstudenten unbeirrt bis zuletzt sitzen und nahmen so jemand anderem den Platz weg.

    Ein Beispiel ist das, aber mehr auch nicht. Vielmehr sollte man die untragbaren Zustände an den Unis im Allgemeinen angehen und für mehr Dozenten sorgen, dann würden die Seniorstudenten auch nicht ins Gewicht fallen.

    • Nero11
    • 06. Dezember 2012 12:26 Uhr

    Warum sollte ein älterer Student einem jüngeren den Vortitt lassen? Wenn überhaupt sowas in Frage käme, wäre es wohl andersherum richtig. Was die Gasthörer angeht, kann ich das in Tilen noch nachvollziehen, aber das, was sie von älteren Studenten erwarten finde ich einfach nur eine Anmaßung.

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    Interessant hierzu: In Japan ist es genau umgekehrt. Dort gilt es als selbstverständlich, den Jüngeren in der U-Bahn Platz zu machen. Aus der einfachen, aber durchaus schlüssigen Sicht: "Mein Rücken ist schon kaputt, also setze du dich, damit deiner längere heile bleibt."
    Ich möchte damit nicht sagen, dass andere Ältere egoistisch sind oder besonders auf's eigene Wohl bedacht. Ich möchte einfach nur ein bisschen zum drüber nachdenken und nachschmunzeln anregen ;)

    • eras
    • 06. Dezember 2012 13:23 Uhr

    "Warum sollte ein älterer Student einem jüngeren den Vortitt lassen?"

    Ganz einfach: Weil der jüngere Student unter völlig anderen Vorbedingungen studiert. Er will zügig fertig werden und in den Beruf. Deshalb herrscht ein nicht unerheblicher Zeitdruck. Gerade in den Bachelor-Studiengängen und insbesondere für die Studenten, die auf Unterstützungsleistungen wie Bafög angewiesen sind. Bestimmte Kurse müssen dann in einem relativ engen Zeitrahmen abgeschlossen sein, damit man nicht in Schwierigkeiten gerät. Es kann nicht sein, dass die Anwesenheit der Hobbystudenten es den regulären Studenten zunehmend schwierig machen, geforderte Leistungen im vorgesehenen Rahmen zu erbringen und im schlimmsten Fall am Ende ohne finanziellen Rückhalt dazustehen.

    Auch das oft vorgebrachte Argument "Wer zuerst kommt..." hat keine Berechtigung. Denn für viele der jungen Studenten ist es nicht möglich, früher als die Seniorenstudenten zum Seminar zu erscheinen, da sie vorher eine andere Veranstaltung besucht haben. Die Seniorenstudenten neigen meiner Erfahrung nach dazu, sich die Rosinen herauszupicken und dort massiert aufzutreten. Wer vorher noch ein Brot-und-Butter-Seminar belegen muss, ist dann benachteiligt.

    Hier ist auch die Uni in der Pflicht. Denn dort weiss man ganz genau, wie viele reguläre Studenten ein bestimmtes Seminar in Anspruch nehmen müssen. Wenn deren Zahl schon ausreicht, um den Raum nahezu zu füllen, dann sollte man die Zahl der Seniorenstudenten entsprechend begrenzen...

    • Hotakka
    • 07. Dezember 2012 10:43 Uhr

    Meiner Meinung nach liegt das auf der Hand:
    Hier geht es um die Berufsausbildung, bei den älteren Herrschaften wohl nicht mehr. Das halte ich für absolut ausreichend, um den Vorrang der Jüngeren (zu denen ich nicht gehöre!) zu begründen.

    • Plupps
    • 06. Dezember 2012 12:27 Uhr

    Ist ja schon geschrieben: Viele Unis erhöhen mit den Gasthörern ihr Budget.

    Im Prinzip ist das ja eine feine Sache: die Senioren gehen meist in die großen Vorlesungen und benötigen dort keine besondere Betreuung. Dreimal in der Wochen 90 Minuten
    dazusetzen macht 500 Euro im Semester.

    Wenn die Uni das Rentnergeld nimmt und dafür aber nicht mal Sitzplätze bereitstellen mag, kann man das nun kaum den Senioren vorwerfen.

    Das ist eben typisch für die Veranstaltungen des dt Staates - du musst dich halt fragen, wie sähe es ohne Omas und deren Geld aus .... besser oder schlechter

    Warum sollten die Älteren eigentlich Platz für die Jüngeren machen? Das erscheint logisch, aber eine hieb und stichfeste Begründung zu zimmern, die nicht auf Vorurteilen und Diskriminierung aufbaut, ist nicht einfach. Bei einer Privatuni würde man sowieso sagen: Der Student ist angenommen, hat bezahlt und hat daher gleiche Rechte.

    Gibt auch ne Menge Ältere die eine größere Wohnung und ein dickeres Auto als junge Familien haben - das ist doch auch okay.

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    "Bei einer Privatuni würde man sowieso sagen: Der Student ist angenommen, hat bezahlt und hat daher gleiche Rechte."

    Ihre Argumentation greift nicht. Es handelt sich beim Erststudium eines Studenten ohne abg. Berufsausbildung um etwas anderes, als um ein Privatvergnügen einer Person, die mit abg. Studium oder Ausbildung nochmal ihren Horizont erweitern will. Alter hin oder her.
    An jeder staatl. Universität muss sogar bereits ein Zweitstudium als solches gesondert beantragt werden und kann abgelehnt werden.
    Bafög erhält man nur während der Regelstudienzeit.

    All diese Dinge sind Ausdruck der Tatsache, dass der Staat ein Interesse an einer zügigen Erstausbildung der Studenten hat. Ob man das gut findet oder nicht, diskutiere ich hier nicht. Jedenfalls ist es ein Fakt, dass ein Student im Erststudium höhergeordnete Rechte besitzt als der Rest. Deshalb haben Gasthörer bei Bedarf das Feld zu räumen. Glücklicherweise sind staat. Unis eben KEINE Privatunis, die Bildung lediglich verkaufen!

  2. Früh aufstehen, damit man um 10:00 Uhr Vormittags einen Sitzplatz hat? Haha, ich erinnere mich an mein Studienleben, da kam mir 10:00 Uhr auch vor kurz nach dem Sonnenaufgang. :))

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    • kentf16
    • 06. Dezember 2012 23:14 Uhr

    muessen Studenten immer schon um 7 aufstehen? Weil um 8 die Laeden zumachen.

  3. Interessant hierzu: In Japan ist es genau umgekehrt. Dort gilt es als selbstverständlich, den Jüngeren in der U-Bahn Platz zu machen. Aus der einfachen, aber durchaus schlüssigen Sicht: "Mein Rücken ist schon kaputt, also setze du dich, damit deiner längere heile bleibt."
    Ich möchte damit nicht sagen, dass andere Ältere egoistisch sind oder besonders auf's eigene Wohl bedacht. Ich möchte einfach nur ein bisschen zum drüber nachdenken und nachschmunzeln anregen ;)

    Antwort auf "Anmaßung"
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    • Nero11
    • 06. Dezember 2012 13:22 Uhr

    Mir geht es nicht um Respekt, mir fällt einfach nur kein Argument ein, warum ältere Studenten den jüngeren den Vortitt lassen sollten. Eher dagegen z.B. weil die jüngeren Studenten mehr Zeit haben, sowohl im Privatleben als auch im Leben. Ein älterer Student hat öfter eine Famile, um die er sich kümmern muss und weniger Lebens- bzw. Arbeitszeit vor sich, um aus seinem Studium noch Nutzen zu ziehen. Darum sollten die jungen den älteren, wenn überhaupt, den Vortritt leisten.

  4. Hier wird eine Debatte über die Zustände an deutschen Universitäten zu einer Frage der Höflichkeit gegenüber dem Alter erklärt! Ernsthaft? Ich glaube Sie alle können sich beileibe die Zustände nicht vorstellen. Ich habe studiert und unterrichte nun an einer Universität. Kurse (keine Vorlesungen!) mit 45-50 Teilnehmern sind keine Seltenheit. Eher muss die Teilnehmerzahl darauf begrenzt werden. Unter all diesen Studierenden wimmeln Verzweifelte im letzten Semester, die auf Grund der vielen Teilnehmer in den Kursen zum dritten Anlauf starten ihren letzten Schein zu erwerben.

    In dieser Konstellation sind die Seniorstudierenden ein entscheidender Faktor, können entscheidende Plätze besetzen, die für jüngere Studierende benötigt würden. Das hat nichts mit Höflichkeit zu tun.

    Nun aber bitte meinen im ersten Kommentar bereits genannten Einwand bemerken: Die Diskussion um Seniorstudierende würde gar nicht stattfinden, wenn unsere Unis generell mit mehr Lehrpersonal ausgestattet werden würde! Punktum!

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    ... den regulären Unibetrieb um sinnvolle Telekolleg-Möglichkeiten, z.B. Online-Vorlesung, erweitern.

    Die Technik ist da, sie ist nicht teuer, sie wartet nur darauf, sinnvoll und nutzbringend eingesetzt zu werden.

    Bei vielbesuchten Vorlesungen kann man Gasthörer dann auf die Online-Vorlesung verweisen (wobei nichts dagegen spricht, sie den regulären Studenten ebenso anzubieten) und schwupp sind die Platzprobleme gelöst.

    Alle würden davon profitieren, warum macht man es nicht einfach mal?

    • lucy111
    • 06. Dezember 2012 12:55 Uhr

    Oh ja, ich kann mich SO GUT mit diesem Artikel identifizieren! Ich habe ein Nebenfach gehabt, wo es vergleichsweise viele Seniorenstudenten gab. In einer Vorlesung waren 80% der Anwesenden Senioren, und wir mussten auf dem Boden sitzen. Ich bin der Meinung, sie sollten mir die Plätze überlassen. Das hat nichts mit Respekt vor dem Alter zu tun, sondern damit, dass für mich das Studium meine Ausbildung und wichtig für meine Zukunft ist, und die ja nur zum Spaß da sind. Schön und gut, das können sie gerne tun, Bildung ist ja immer ein Gewinn. Aber sie sollten den Leuten, die dieses Studium als berufliche Qualifikation den Vortritt lassen.
    AUch schön: Seniorenstudenten, die zu einem Termin kommen, obwohl der Prof in den letzten Stunden ungefähr 54mal gesagt hat, dass da keine Vorlesung, sondern Klausur ist. Wenn die offenbar sowieso nicht zuhören, wieso nehmen sie mir dann den Platz weg?
    Am Härtesten war der ältere Mann, der sich, als ich während einer Vorlesung mal meinen Kopf aufs Pult gelegt habe, (ich habe aber aufmerksam zugehört!), herausgenommen hat, mich anzupampen, was ich denn hier wolle, wenn ich sowieso nur schlafen würde. Hallo? Ich bin müde, weil ich bis spät in die Nacht gelernt habe? Ich habe nicht während der Vorlesung geschlafen, sondern nur meinen Kopf aufs Pult gelegt? Und anders als der bin ich hier, weil es Anwesenheitspflicht gibt und ich den Stoff dieser Vorlesung brauche? Und überhaupt, was geht ihn das eigentlich an?
    Bevor ich angefangen habe, zu

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    Kann ja mal vorkommen.

    Aber aus Respekt gegenüber dem Vortragenden finde ich es eigentlich anständig, nicht nur aufmerksam zu sein, sondern auch aufmerksam auszusehen.

    In diesem Zusammenhang mir unvergesslich ein Gefühlsausbruch des Freiburger Genetikers Carsten Bresch, der einmal nach einem Blick ins Auditorium seine Vorlesung unterbrach mit dem Ruf: "Och Mensch, Kinder, küsst euch doch NACHHER..."

    • lucy111
    • 06. Dezember 2012 12:57 Uhr

    studieren, fand ich die Idee des Seniorenstudiums toll, weil Weiterbildung ja in jeder Lebensphase zu begrüßen ist. Leider hat mich das Verhalten vieler Seniorenstudenten (völlig nutzlose Wortbeiträge, die den Unterricht aufhalten und nur zur Profilierung dienen, sowie ein enormer Mangel an Respekt gegenüber jungen Studierenden) von dieser Meinung abgebracht. Bestimmt sind nicht alle so, aber es ist wie immer so, dass diejenigen, die negativ auffallen, im Gedächtnis bleiben.

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  • Quelle Leserartikel
  • Schlagworte Recht | Bildung | Gewalt | Hochschulabschluss | Nationalsozialismus | Student
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