Leserartikel

LebensläufeGeneration der tausend Möglichkeiten

Ihre Großmutter sagt, der Jugend stünden heute alle Türen offen. Leserin Lisa Stehr erklärt, warum sie genau deshalb nicht recht glücklich sein kann. von Lisa Stehr

Liebe Oma, wenn wir telefonieren, kann ich die Minuten abzählen, bis der altbekannte Satz kommt: "So viele Möglichkeiten hast du, ich wünschte das hätten wir damals auch gehabt!" Diese Aussage hat mich früher geärgert und machte mich später traurig. Ich stehe unter Rechtfertigungsdruck: Womit hat ausgerechnet meine Generation diesen Wohlstand, diese Freiheit verdient? Und wenn meine Lebenssituation doch so privilegiert ist, warum bin ich dann verdammt nochmal nicht unglaublich glücklich?

Wir werden mit ziemlicher Sicherheit in den nächsten Jahren keinen Krieg auf heimischem Boden erleben müssen, fürs Studium können wir Bafög beantragen. In die entlegensten Orte reisen, dort studieren, Praktika machen oder den Regenwald retten, das ist heute eine Selbstverständlichkeit. So siehst Du die Welt.

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Aber indem wir viele dieser Möglichkeiten nutzen, werden wir ständig entwurzelt. Kaum in einer Stadt angekommen, ist schon wieder das Ende in Sicht. Menschen liebgewonnen, mit ihnen außergewöhnliche Erfahrungen geteilt, aber schon bald werden uns wieder Tausende Kilometer trennen. Freundschaften werden schnell einer Kosten-Nutzen Analyse unterworfen.

Facebook muss lügen, wenn es unsere Freunde auf 521 beziffert. Tief in uns wissen wir das. Das wird uns spätestens klar, wenn wir mal wieder allein sind, weil alle in den Semesterferien irgendwo in Europa das nächste Praktikum machen. Einen Großteil der Zeit sind wir dabei, Menschen zu vermissen: die Freunde aus der Schule, aus dem ersten Studium, die Familie.

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Und warum machen wir das, ständig weggehen, immer wieder neue Städte kennenlernen? Jede Entscheidung wird zur Ablehnung Tausender Alternativen. Irgendwo da draußen gibt es mit Sicherheit einen Ort, an dem man glücklicher sein könnte. Wir halten zu wenig inne, sind bei einem Gespräch oder im Seminar nie ganz da: zwischendurch noch kurz mit dem Freund in der anderen Stadt oder einer Bekanntschaft vom letzten Praktikum chatten. Wir sind überall, aber nirgendwo ganz und in Ruhe.

Wir bewegen uns auf einer Welle der Individualisierung und Digitalisierung, die uns immer einsamer werden lässt. Wir wollen uns nie festlegen, bei so vielen Möglichkeiten. Du siehst, Oma, diese Vielzahl an Möglichkeiten macht nicht unbedingt glücklicher. Sie macht es schwer, sich auf einen Lebensentwurf festzulegen.

Wie aus dem sich immer weiter beschleunigendem Leben ausbrechen, wohin mit einem abgebrochenem Studium oder einer mehrmonatigen Lücke im Lebenslauf? Kommt da noch etwas, was uns auffängt? Das sind die Fragen, die meine Generation unruhig schlafen lassen. Nur damit du weißt, dass heute nicht unbedingt alles besser ist, als es zu deiner Zeit war.

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Leserkommentare
  1. Wenn man zuviel Auswahl hat ist man unglücklicher als wenn man gerade das letzte Brot in der Bäckerei erwischt hat. Darum arbeitet die deutschen Intelligenzia mit Hochdruck daran, den Deutschen einen solchen Erfolg zu ermöglichen.

    Es ist lustig wenn immer wieder "Mitbürger" den Ex-DDRler um das sensationelle Erlebnis beneiden, mehr als eine Orange pro Familienmitglied zu Weihnachten ergattert zu haben.

    https://www.youtube.com/w...

    Wem die Freiheit auf den Senkel geht, steht es frei, nach Weissrussland umzuziehen.

    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    ...weder im oben stehenden Artikel noch in der Diskussion als Ganzes darum, DDR-Verhältnisse des materiellen Notstandes wiederherzustellen.

    Es geht darum, die Lebensrealitäten und -situationen der aktuellen Generation junger Erwachsener zu analysieren und zu beschreiben und sie in einen Kontext zu denen der älteren Generationen zu bringen.

    Wem dieser gesellschaftliche Diskurs auf den Senkel geht, dem steht es frei, sich rauszuhalten.

  2. Stimme Ihnen zu.

    Kommentare ala "oh, armes kleines Ding jammert auf hohem Niveau" dürften anno dazumal wohl so auch nicht gefallen sein, wenn ein junger Mensch Zweifel an der Zukunft hatte. Da hat man dann eher ein "reiß Dich zusammen" fallenlassen, was zumindest noch signalisiert: "ich verstehe es schon, aber lass Dich davon nicht kaputt machen, kneif mal die Backen zusammen!".

    Heute gibts einfach nur Hohn, zumal für Leute, die noch gar nicht im Berufsleben stehen (die Briefschreiberin ist Student!). Ich finde das erstens kalt und zweitens etwas inkompetent bezogen darauf, dass junge Menschen immer unsicherer sind als ältere und deswegen eher kluge Tipps statt abfälligen Sardonismus nötig haben. Was auch schon immer so war. Vielleicht wars aber auch schon immer so, dass manche das nie kapiert haben und tatsächlich glauben, alles was sie erreicht haben sei ganz allein ihr eigenes, vollkommen zufallloses Werk gewesen, sie brauchten niemals jemanden, der Mut zuspricht und sowas, nene, alles ganz hart und allein.

    6 Leserempfehlungen
    • Supi
    • 13. Januar 2013 18:11 Uhr

    habe ich unterschlagen, sie zählen im Groben zu den 34/40ern.

    Aber stimmt, irgendwo in den 60er Jahren war die Umkehr, sehe ich genauso.

    Antwort auf "Generationen"
    • ikonist
    • 13. Januar 2013 18:19 Uhr

    1.sie ist als zielgruppe eines totalitären turbokapitaliusmus dem absolut ausgeliefert
    2. sie blickt in einen zukünftigen abgrund einer monstösen umwelt-und klimakatastrophe
    3. sie zelebriert einen unerbittlichen schönheitsrassismus, der von konzernen und von medien angestiftet wurde
    4.sie lebt in einer zeit, in der soziale errungenschaften im eiltempo demontiert werden und liefert sich dem entsprechend einen sozialdarwinistischen kokurrenzkampf

    7 Leserempfehlungen
    • tronco
    • 13. Januar 2013 18:25 Uhr

    So schwer die Wahl zwischen abervielen Möglichkeiten auch fallen mag, ist nicht jede - überlegte - Wahl, ob im Nachhinein falsch oder richtig, ein großer Schritt zu uns selbst? Hin zu einem besseren verstandenen Ich?

    Ich gönne mir Langsamkeit und brauche den Stress und ich bin überglücklich, dass man mir Möglichkeiten gibt, mich zu finden und mich zu verstehen!

    Ja, ich bin zerrissen: vermisse die Heimat, wenn ich im Auslandspraktikum bin, vermisse die Ferne, wenn ich im Seminar sitze und es draußen seit drei Monaten regnet oder der deutsche Michel in der Bahn mal wieder seine Fresse zieht, aber ich habe gelernt diese kaleidoskopische Zerrissenheit zu akzeotieren, weil ich glaube, dass sie jedem Menschen innewohnt.

    Früher, kam meine Oma nur eben nicht auf die Idee bzw in die Lage, das zu erfahren, weil sie gefangen war.

    Ich bin froh und zufrieden.

  3. wenn ich mir hier den Leserartikel und die Kommentare ansehe, dann ist alles unterschiedlich und alles gleich.

    Aus einer entfernteren Warte betrachtet stellt sich der Vergleich der Generationen doch so dar:

    - jede Generation sieht sich vor neuen Herausforderungen (Ernährung, Krieg, Wiederaufbau, gesellschaftlicher Umbruch, Orientierungslosigkeit...)

    - jede Generation versucht, ihre drängendsten Probleme zu lösen und möglichst nicht ihren Kindern aufzuhalsen.

    - jede Generation sieht, dass es ihre Kinder leichter haben, denn die drängendsten Probleme sind gelöst

    Eigentlich ist das doch sehr ermutigend: Die Welt wird besser (oh ja, das wird sie!) und für jede Generation werden noch Herausforderungen warten.

    An die junge Leserschaft: Nehmen Sie die Herausforderungen an! Sie werden sie meistern! Und ihren Kindern eine bessere Welt hinterlassen.

    3 Leserempfehlungen
    • ertz111
    • 13. Januar 2013 18:50 Uhr

    und damit zum anderen Teil nicht.

    Früher war es intensiver aber dafür einfältiger und heute ist es oberflächlich aber vielfältig.

    Früher konnte man sogenannte 'echte' Not 'Hunger usw.' erleben, und in brachialeren unmittelbareren Situationen anderen helfen, evtl. gar das Leben retten und auch (dadurch) tiefere Freundschaften und größere Erfüllung/Dankbarkeit erleben und hatte aber sehr wenige Möglichkeiten sich zu Entfalten (Berufswahl/Studium usw.)

    Heute geht es fast gar nicht mehr unmittelbar um (sein) Leben oder Tod, man kann fast alles und darf viel, weiß viel mehr, hat es aber dadurch auch viel schwerer sich zu entscheiden. In der heutigen Welt ist alles und jeder ersetzbar uns somit kommt es weniger auf einen (persönlich) an, es wird auch alles oberflächlicher, auch Freundschaften.

    Wir brauchen Eier (o.Kahn), das trifft es für mich am Besten. Eier zu zu finden und zu entscheiden was man wirklich will und sich auch gegen den Gesellschaftlichen Druck (der enorm hoch ist) zu stellen wenn es sein muss, nicht der Einheitsmeinung nachzugeben wenn man eine andere Meinung hat und kontrovers sich selbst zu hinterfragen, statt dem Mainstream zu folgen. Das kostet natürlich: Stärke, Lebensqualität, viel Kampf aber es winkt das Glück.

    5 Leserempfehlungen
  4. bei einer grossen Auswahl ist, dass man Angst hat, einen Fehler zu machen.

    Ich bin selbst mal aus einem Geschäft gegangen, weil ich mich von all den Produkten, die zur Auswahl standen, überwältigt fühle.

    Ich habe einmal von einem Experiment gelesen. Es gab 2 Stände an einem Markt im Offenen. Auf beiden Tischen standen selbstgemachte Marmeladensorten. Auf dem Tisch, worauf weniger Sorten zur Auswahl standen, ist mehr verkauft worden. Leute wollen es einfach haben.

    3 Leserempfehlungen

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  • Schlagworte Bafög | Digitalisierung | Facebook | Familie | Freundschaft | Generation
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