Alternativlos ist nach Ansicht der im Bundestag vertretenen Parteien nicht nur die Euro-Rettung. Einig ist man sich auch in einer Grundsatzfrage der Bildungspolitik: Die starke Zunahme der Studentenzahlen wird von allen begrüßt und weiter gefördert. Jeder neue Höchststand wird als Erfolgsmeldung präsentiert. Und alle fordern, mehr Geld zur Bewältigung des gewollten Andrangs locker zu machen. Gestritten wird nur darüber, wie viel der Bund und wie viel die Länder für die Ausweitung des "Hochschulpaktes" bezahlen sollen.

Eine parteienübergreifende Koalition verkauft uns wachsende Studentenzahlen als Erfolg kluger Bildungspolitik und Antwort auf die technologischen und sozialen Anforderungen der künftigen Arbeitswelt. Unter der Parole "Kein Kind darf verloren gehen" sorgt man dafür, dass ein immer größerer Teil der Schüler das Abitur erhält und öffnet zusätzlich die Tore der Hochschulen auch für einen großen Teil derjenigen, die kein Abitur haben. In der Folge dieser Politik ist die Studentenquote, also der Anteil der Studienanfänger an der gleichaltrigen Bevölkerung in fünfzehn Jahren von 28,1 (1996) auf 54,7 Prozent (2012) gestiegen.

Aber kann und soll diese Entwicklung so weitergehen? Wenn sie es tut, studieren in fünfzehn Jahren drei von vier jungen Menschen – und in dreißig Jahren alle. Von Bildungspolitikern hört man keine Bedenken. Und keine Debatte darüber, was es bedeutet für die Universitäten, für die Wirtschaft, für die Gesellschaft, wenn mehr als die Hälfte eines Jahrgangs studiert. Die von der OECD geforderte und durch den Bologna-Prozess umgesetzte Steigerung der Akademikerquote wird nicht infrage gestellt.

Eine ganz unmittelbare Folge des allgemeinen Akademisierungswahns ist im aktuellen Berufsbildungsbericht zu erkennen: Deutschland gehen die Lehrlinge aus. "Es gibt immer weniger ausbildungsreife Jugendliche", klagt DIHK-Hauptgeschäftsführer Martin Wansleben. Die Zahl der Ausbildungsverträge ging 2012 um 2,2 Prozent auf 551 272 zurück.

Wer einmal Student ist, wird kaum noch Lehrling werden wollen

So festgefügt ist das Dogma der fortschreitenden Akademisierung, dass kaum jemand beim Namen nennt, woran das vor allem liegt: Die Lehrlinge, die sich die Betriebe wünschten, sind zum großen Teil an den Hochschulen eingeschrieben. Die Universitäten werden überlaufen und dem dualen Ausbildungssystem, das als einer der größten Standortvorteile der deutschen Wirtschaft gilt und mittlerweile in zahlreichen Ländern weltweit nachgeahmt wird, gehen die geeigneten Leute aus.

Da kann das Bundesbildungsministerium im Berufsbildungsbericht die Betriebe lange auffordern, mehr Lehrstellen zu besetzen. Es ist kein Angebotsproblem, sondern eines der Nachfrage. Wer einmal Student ist, wird kaum noch Lehrling werden wollen. Auch die Emphase, mit der Bildungspolitiker in Bund und Ländern die allgemeine Akademisierung antreiben, ist nicht geeignet, junge Menschen für eine duale Berufsausbildung zu begeistern. Und diejenigen, die den Betrieben übrig bleiben, machen ihnen oft nicht viel Freude.

Die Universitäten dagegen können sich über einen Mangel an Nachfrage nicht beklagen. Nur das, was eigentlich ihr Daseinszweck, ihre kulturelle Funktion war, hat der Massenandrang unter sich begraben. Der Philosoph Karl Jaspers sah das schon 1931 in seinem Essay Die geistige Situation der Zeit kommen, als die Studentenquote noch unter fünf Prozent lag: "Das Massendasein an Hochschulen hat die Tendenz, Wissenschaft als Wissenschaft zu vernichten. Diese soll sich der Menge anpassen, welche nur ihr praktisches Ziel will, ein Examen und die damit verknüpfte Berechtigung."

Dieses praktische Ziel des Einzelnen ist überhaupt kein verwerfliches. Natürlich strebt die übergroße Mehrheit der jungen Leute nicht so sehr nach Wissenschaft, sondern vor allem nach einem Abschluss, der gute Chancen auf dem Arbeitsmarkt verheißt. Aber nicht nur FAZ-Feuilletonist Jürgen Kaube fragt sich, "ob die Universität der Ausbildungsort für diejenigen sein sollte und zu sein vermag, die mit Wissenschaft kaum etwas anfangen können".