BundeswehrDer Krieg soll attraktiver werden

Ohne Wehrpflicht muss die Bundeswehr spannend und nett wirken, um Nachwuchs zu werben. Auslandseinsätze verkauft sie da schon mal als Abenteuer. Von Ruben Karschnick von 

Überall hängen Soldaten. Das Treppenhaus ist voll von ihnen. Ihre Gesichter sind dunkelgrün und braun, einige tragen Gewehre, manche winken und lächeln freundlich. Ulrich Karsch will sie bald abhängen.

Die Bilderrahmen gefallen ihm nicht, ebenso wie die grauen Betonwände, die vergilbten Lamellenvorhänge und die grelle Beleuchtung. "Bestandsinfrastruktur", sagt er. Am liebsten würde er sie erneuern. Dafür fehlt Geld. Neu ist bislang nur der Name: "Karrierecenter der Bundeswehr". So heißen die ehemaligen "Kreiswehrersatzämter" und "Zentren für Nachwuchsgewinnung", seit es keine Wehrpflicht mehr gibt.

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Seit einigen Monaten leitet Karsch das Karrierecenter in Berlin-Grünau. Er ist fast zwei Meter groß, hat wildes, graues Haar und eine Harry-Potter-Brille. Ein zuvorkommender Typ. Er könnte auch Kundenberater einer Bank sein. Den Werbe-Sprech zumindest beherrscht er schon gut.  

Nett wirken – nicht leicht für eine Armee

"Die veränderten Rahmenbedingungen stellen uns vor eine sportliche Herausforderung", sagt Karsch. Auf seinem iPad ruft er eine Präsentation auf. Die Diagramme zeigen: Die Bundeswehr hat Nachwuchssorgen. "Wir müssen als Arbeitgeber attraktiv sein", sagt er.

Zur Attraktivität gehört ein freundlicher Umgangston. Nicht leicht für eine Armee. Karsch hat ihn schon drauf. Nicht alle seiner Mitarbeiter haben den Kulturwandel bislang verinnerlicht. "Die kommen aus einer anderen Denkschule." Eine Denkschule, die lehrt, dass Befehle zu befolgen sind; wer die meisten Streifen auf der Schulter trägt, hat das Sagen.

Ruben Karschnick
Ruben Karschnick

ist Redakteur im Ressort Studium bei ZEIT ONLINE. Seine Profilseite finden Sie hier.

Karsch will dieses Image loswerden. Die Armee hat sich natürlich nicht verändert; im Krieg herrscht nun mal keine Basisdemokratie. Doch nach Außen muss sie jetzt anders wirken, nett und spannend. Früher konnte die Bundeswehr die jungen Männer einberufen, heute kann sie nur noch rufen und warten, dass jemand kommt. Mitarbeiter, deren Ton ihm zu ruppig ist, lädt Karsch in sein Büro und erklärt ihnen noch einmal sein Motto: "Straight, aber freundlich."

Doch manchmal kriegt Karsch den auch nicht richtig hin. Als junger Corvettenkapitän musste er für ein halbes Jahr nach Bosnien-Herzegowina. Im Dezember 1998 war das, kurz vor Weihnachten. Zu Hause blieben seine Frau und sein zweieinhalbjähriger Sohn. "Da hat man schon seine Beklemmungen. Das macht man nicht mit Euphorie und Jubelstürmen", flüstert Karsch. Schnell schaltet er wieder um: "Aber das ist eine dienstliche Notwendigkeit, und dann tut man das."

Leserkommentare
  1. Wunderbarer Artikel. Ich selbst musste mehrmals miterleben wie Soldaten in meiner Schule den Krieg als Abenteuer "verkauften".

    Dazu: Mir, als ehemaligen FSJler, war es nicht gestattet über ein mögliches FSJ zu berichten und leute für ein soziales Engagement zu gewinnen. Die Bundeswehr aber darf Vorträge in Schulen halten - andere soziale Einrichtungen nicht.

    Bitte mehr von solchen, gut recherchierten, aber vor allem auch anschauchlich, gut geschriebenen Artikel.

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    # 1: "Bitte mehr von solchen, gut recherchierten, aber vor allem auch anschauchlich, gut geschriebenen Artikel."

    Gut recherchiert? Einspruch. Zitat aus dem Artikel:
    "Mit Anzeigen in der Bravo wollten die Werber Jugendliche für "Abenteuercamps" begeistern. Dabei vergaßen sie die Prinzipien der Uno-Kinderrechtskonvention, nach der Minderjährige unter 17 Jahren nicht für die Armee angeworben werden dürfen."

    Meine Anmerkung nach Blick in die Konvention:
    Die Kinderrechtskonvention unterbindet den Einsatz von Kindern in Kampfhandlungen (" dass minderjährige Soldaten nicht unmittelbar an Feindseligkeiten teilnehmen und Minderjährige nicht gegen ihren Willen zu einem Dienst in den Streitkräften herangezogen werden dürfen.").

    Sie verbietet nicht WERBUNG für die Armee, sondern fordert, dass Minderjährige genau über den Militärdienst und die Pflichten aufzuklären sind.

    Nicht einmal die ANWERBUNG (Einstellung in die Armee) ist untersagt, Minderjährige dürfen aber nicht an Kampfhandlungen teilnehmen (s.o.) und nicht zum Wehrdienst <em>verpflichtet</em> werden. Die Bundesrepublik hat dabei für Freiwillige ein Mindestalter von 17 Jahren und Zustimmung der Eltern für die Einstellung festgelegt (Forderung des Zusatzprotokolls, Art. 3; andere Staaten haben andere, tw. niedrigere Mindestalter).

    Im Detail mit den relevanten Artikeln und Zusatzprotokoll nachzulesen bei <a href="http://www.asfrab.de/un-kinderrechtskonvention-und-zusatzprotokoll.html"....

  2. ...ich habe die letzen 23 Jahre in Deutschland, Österreich, der Schweiz, Groß Britannien, Portugal, Indien, Sri Lanka und Irland gelebt.

    Ohne die Armee.

    Und ich glaube nicht das ich diesen (oder anderen) Ländern mit der Waffe in der Hand besonders freundlich empfangen worden wäre.

    Nuff said.

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  3. >> Karsch hält Schulvorträge für ein wichtiges Werbemittel. <<

    ... sehen das - zum Glück - anders:
    "Der Aachener Friedenspreis 2013 geht an drei Schulen, die der Bundeswehr Werbeveranstaltungen und Auftritte im Unterricht untersagen. Die drei Schulen in Düsseldorf, Berlin und Offenbach seien die ersten gewesen, die angesichts der verstärkten Werbung der Bundeswehr entsprechende Schulkonferenzbeschlüsse gefasst hätten, teilte der Friedenspreis-Verein am Mittwoch (08.05.2013) in Aachen mit."
    http://www1.wdr.de/themen/infokompakt/nachrichten/nrwkompakt/nrwkompakt1...

    P.S.: Wäre ich Karsch, ...

    >> Er könnte auch Kundenberater einer Bank sein. <<

    ... wäre ich beleidigt.

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    Friedenspreis? Welchen Krieg haben sie denn beendet oder verhindert? Vermutlich keinen. Heldenhaft.

  4. ... sollte an der deutschen Grenze Halt machen. Punkt.

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    Schöner deutscher Soldat: Er darf nicht im Inland eingesetzt werden, muss aber an der deutschen Grenze halt machen. Er könnte praktisch nur direkt auf der Grenze stehen. Das stelle ich mir irgendwie witzig vor.
    Diese Art der Miesmacherei ist übrigens für die Nachwuchssorgen unserer Armee verantwortlich, denn junge Leute bekommen das Gefühl, dass sie als Soldat in ihren Kasernen versauern würden.

    leider der Zeit hinterher.

    Etwas verändern kann man nicht, wenn man sich heraushält. Das gilt für Bündnisse wie die NATO oder Situationen wie Balkan.

    Sie unterliegen einem grossen Irrtum, wenn Sie glauben, dass jemand, der nichts tut auch keine Fehler machen kann.

    Das nur so am Rande.

    (Ich persönlich habe mir den Balkan angesehen, Somalia, Afganistan.... die ersten Kontakte der westlichen Welt mit jemandem wie UBL .... ich bin GEGEn eine Einmischung in Syrien, Libyen oder wie sie alle heissen. Der Teufel weiss, wer das ist, den wir als "Rebellen" unterstützen und die in 20 Jahren unsere U Bahnen bomben).

    Aber nicht einmal als Privatperson können Sie sich von Allem und Jedem abschotten.

  5. Vorteilhaft, wenn die Bundeswehr in ihrem Selbstverständnis einen Knick erhält. Sie ruft... und niemand kommt.

    Amerikanische Verhältnisse in Deutschland - wer hätte es für möglich gehalten?
    Armeewerber an Schulen, in Einkaufszentren... demnächst auch in ihrem Jobcenter? Ist das dann eine "legale arbeit" die jedem zumutbar ist? würde ja einige "Probleme" lösen.

    So wird es bald aussehen: die "Versager", die Arbeitslosen und "Bildungsfernen" werden mit der Waffe in der Hand unser Land verteidigen, unterstützt von einigen wenigen überzeugten.

    Ganz wie in Amerika.

    Nunja, das ist sicher schwarzmalerei, vielleicht kommt es ja nicht so.

    Doch fragen wir uns ehrlich: wie hoch ist eigentlich die Bereitschaft im Volk, einen Job zu machen, der (den Aufwand und vor allem den Einsatz einberechnet) ziemlich unterbezahlt ist, der einen das Leben kosten kann und der nicht für sein positives Arbeitsklima bekannt ist? Nahe null würde ich vermuten, wenn man nicht in akuter Not ist.

    Soweit wird es kommen, glauben sies oder tun sies nicht, sie werden es zumindest nicht ändern.

    Zumindest fällt so niemand mehr der Gesellschaft zur Last - als Kanonenfutter taugen wohl die meisten.

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    >>> So wird es bald aussehen: die "Versager", die Arbeitslosen und "Bildungsfernen" werden mit der Waffe in der Hand unser Land verteidigen, unterstützt von einigen wenigen überzeugten. <<<

    Die genannten verteidigen nicht "unser" Land, in dem Sinn in dem alle gleichberechtigte Einwohner wären, sondern vorallem "unsere" herrschende Ausbeuterkaste und deren Macht- und Profitgier, die sie als "unsere" eigenen Interessen (bzw. die der Nation) verklären.
    Die genannten Latinos und Schwarzen sind nicht nach Afghanistan und Irak gezogen, um die eigene Bevölkerung vor brandschatzenden fremden Heeren zu schützen, sondern um eine menschenverachtende Außenpolitik zu exekutieren.
    In Deutschland ist das nicht wesentlich anders, nur sind die Hemmungen aufgrund der eigenen Geschichte (noch) höher.

  6. An der jetzigen Bundeswehrlage hat die Presse ganz kräftig mitgewirkt.
    Mit der extrem pazifistischen Meinungsmache hat man ein Klima erweckt, in dem Soldaten natürlich die bösesten Menschen überhaupt sind, aber die Stimmungsmacher trotzdem ständig das Verlangen äußern, dass für sie jemand anderes den Allerwertesten in die Schusslinie halten muss, wenn sie der Meinung sind.

    Dazu bekommt man noch von der Politik die Knüppel zwischen die Füße geworfen. Als Soldat darf man mit seinem zusammengesparten und mangelhaften Equipment in Afghanistan herumturnen, wenn man zurückschießt wedeln die Berufsempörten schon mit dem Strafgesetzbuch.

    Wer will da schon mitmachen außer demjenigen, der keine andere Wahl mehr hat?

    Diese Nachwuchswerbung ist entsprechend reine Verzweiflung der Verantwortlichen. Das wäre ich in deren Lage auch.

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    verderben einem die schönste unterhaltung in den medien, nämlich wenn deutsche soldaten endlich wieder schießen dürfen. *ironie off*

    "ls Soldat darf man mit seinem zusammengesparten und mangelhaften Equipment in Afghanistan herumturnen, wenn man zurückschießt wedeln die Berufsempörten schon mit dem Strafgesetzbuch."

    es ist gut das der einsatz von tödlicher gewalt vom gesetzgeber geregelt wird und es ist auch gut das die einhaltung dieser gesetze überwacht wird. ansonsten kommen nur noch mehr unschuldige ums leben. außerdem wenn die soldaten richtig gehandelt haben, haben sie auch nichts zu befürchten, auch nicht vor den bösen berufsempörten.

    ist ja schon eine weile her das ich gedient habe (zeitsoldat) kann mich jedoch noch gut daran erinnern das vornehmlich die berufssoldaten ueber alles meckerten. insbesondere fehlende ausruestung, orden und ueberhaupt war alles sch....... nur mit 52 in pension gehen war toll. wenn man dann noch im ausland die dicke kohle kassierte konnte nichts mehr schiefgehen. im uebrigen finde ich es mehr als bedenklich wenn man in schulen fuer die buwe wirbt und auslandseinsaetze als "abenteuer "verkauft. die wundern sich dann dass die anderen zurueckschiessen.

  7. brennen Köln und München nieder und es ist zufällig Weihnachten und man muss gar noch Dienst schieben als bezahlter Soldat. Schrecklich diese Kriege.

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  8. Unsere Armee ist leider in einem beklagenswerten Zustand. Eine international schlagkräftige Eingreiftruppe ist nicht einmal am Horizont zu erblicken, weil Nachwuchs fehlt.
    Es muss mehr Belohnung geben für den Dienst an der Waffe. Wir können da sicher von den jahrzehntelangen Erfahrungen anderer Staaten profitieren. Es darf abgeschaut werden.
    Die USA z.B. gewähren Latinos die Staatsbürgerschaft, wenn sie sich für ein paar Jahre bei der Armee einschreiben. Ein gutes Geschäft für beide Seiten, das gerne angenommen wird. Vor allem wird dem Krieg durch diesen Mechanismus der Schrecken genommen, denn die Gefallenen sind ja noch keine Staatsbürger. Die Presse reagiert dann ganz anders. Ausserdem können Waisenrenten und dergleichen unterbleiben, was ein erheblicher, langfristiger, Kostenfaktor ist, der zulasten der Leistungsfähigkeit geht.
    Statt "Mehr Kinder statt Inder" könnte es bald heissen "Mehr Inder statt Eurer Kinder".

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    Ich habe das Gefühl, dass sie das tatsächlich ernst meinen... Der deutsche Staat soll also Bürger anderer Staaten zur Wahrung deutscher Interessen in Krisengebiete schicken? Und zwar um Geld zu sparen? Weil nach ihrer Logik das Leben eines Menschen ohne deutschen Pass weniger Wert ist als bspw. ihres oder das eines Abiturienten aus Köln?

    Ihnen ist echt nicht mehr zu helfen!

    keine armee,wir haben eine wehr.....kennen sie den unterschied?

    setzen 6

    mfg

    Dieses Land als Beispiel zu nehmen ist mehr als grenzwertig, denn dieses Vorgehen ist eher Söldnertum und sowas brauchen wir nicht.

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