WohnungsnotEin Bett im Schaufenster

Im neuen Semester werden so viele studieren wie nie. Es fehlt an bezahlbarem Wohnraum. Die Politik streitet über Geld, den Studenten bleibt der Protest. von Anja Kühne

Mit öffentlichen Aktionen machen Studierende vor Semesterbeginn auf die Wohnungsknappheit aufmerksam. In Münster verbrachte der 26-jährige Student Fabian Sauer Ende August einen Tag und eine Nacht im Schaufenster eines Kaufhauses, um potenzielle Vermieter zu gewinnen. In Aachen stellten Studierende der Initiative "Extraraum" sich selbst in ihrer Studierendenbude im Bett und am Schreibtisch auf dem Marktplatz aus. "Extraraum" hat auch in grenznahen Orten in Belgien und Holland Zimmer für Kommilitonen gefunden. Nordrhein-Westfalens Wissenschaftsministerin Svenja Schulze appelliert an die Bürger, an Studierende unterzuvermieten.

Nordrhein-Westfalen und Hessen müssen in diesem Herbst doppelte Abiturjahrgänge unterbringen, doch angespannt ist die Lage bundesweit in den großen Uni-Städten. 25.000 Plätze in Studentenwohnheimen fehlen nach Schätzungen des Deutschen Studentenwerks (DSW). Denn in kaum anderthalb Jahrzehnten wuchs die Studierendenzahl von 1,7 Millionen auf 2,5 Millionen. Die Zahl der öffentlich geförderten Wohnheimplätze stieg kaum, sie liegt bei 230.000.

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Studierende könnten auf Hotelschiffen oder in Kasernen wohnen, hat Bundesbauminister Peter Ramsauer im Juni an seinem Runden Tisch zur Lösung der studentischen Wohnungsnot angeregt. Rechtzeitig zum Semesterbeginn im Oktober will die SPD im Bundestag nun wissen, was seitdem geschehen ist: "Wie viele Hotelschiffe sind nach Kenntnis der Bundesregierung in welchen Hochschulstädten … angemietet worden", "in welchen Kasernen der Bundeswehr … sind wie viele Wohnungen für Studierende geschaffen worden"?, fragt sie.

Helge Braun, der Parlamentarische Staatssekretär bei Bundesbildungsministerin Johanna Wanka (CDU), kann in seiner Antwort weder auf eine neue Flotte von studentischen Hotelschiffen noch auf neue Unterkünfte in Kasernen oder sonst wo verweisen, schon weil seit der Anregung Ramsauers erst wenige Wochen vergangen sind. Dass sein Runder Tisch noch Wirkung zeigen wird, zeichnet sich allerdings auch nach Meinung des DSW nicht ab. "Reale Effekte" seien nicht zu erwarten.

Der einzige Plan, den es zur Umwidmung einer Kaserne in ein Wohnheim gegeben habe, nämlich einer Kaserne in Darmstadt, sei inzwischen "gecrasht" – dieser Plan sei im übrigen auch lange vor Ramsauers Engagement gefasst worden. Die von Ramsauer ebenfalls erhoffte Mobilisierung privater Investoren zeige ebenfalls keine Effekte – Private seien schon länger auf dem studentischen Markt mit "hochpreisigen Angeboten" aktiv.

Kaum neue Wohnheimplätze

Das Studentenwerk hätte sich gewünscht, dass die Bundesregierung die 518 Millionen Euro, die sie den Ländern nach der Föderalismusreform kompensatorisch für den sozialen Wohnungsbau gezahlt hat, auch ab 2014 noch zweckgebunden fließen lässt – und davon einen Anteil für studentisches Wohnen ausweist. Doch im Juli fällte die Bundeskanzlerin mit den Ministerpräsidenten den Beschluss, dass die Mittel fortan für alle Investitionen verwendet werden können.

Die Hoffnung des DSW, Bund und Länder könnten sich in ihren jüngsten Verhandlungen über den Hochschulpakt für mehr Studienplätze auch auf zusätzliche Milliarden für die soziale Infrastruktur einigen, wie es die Opposition im Bundestag fordert, erfüllte sich ebenfalls nicht. Aus Sicht der Bundesregierung sind allein die Länder zuständig für die Studierendenwohnheime, Ramsauers Runder Tisch habe sie dafür sensibilisiert, teilt Staatssekretär Braun mit.

Tatsächlich wollen inzwischen mehrere Länder neue Plätze schaffen, etwa Berlin, Hessen, Thüringen, Rheinland-Pfalz und Nordrhein-Westfalen werden aktiv. Als Musterland, das den Bau besonders gut fördert, gilt Bayern. Aber bis die Lage sich dadurch entspannt, wird noch viel Zeit vergehen. Während die Zahl der Studierenden zwischen 2010 und 2012 um fast 13 Prozent stieg, nahm die Zahl der Wohnheimplätze nur um 1,67 Prozent zu, wie aus der Antwort auf die Kleine Anfrage hervorgeht.

Erschienen im Tagesspiegel.

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Leserkommentare
  1. wenn sie älter sind wird sich die Rolle umdrehen, sie werden zu den reichen Wohnungsbesitzern gehören, die überteuerten Wohnraum an unterbezahlte Menschen vermieten. Die aktuelle Politikergeneration ist nebenbei bemerkt in der Regel auch die Eltern dieser Studenten, nur das deren Kinder genug Geld haben, sich anständige Wohnungen zuzulegen.

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    • subse
    • 07. September 2013 10:29 Uhr

    dass Studierte zu den reichen Wohnungsbesitzern gehören werden. Aus Ihnen spricht wohl ein wenig Neid, der aber nicht gerechtfertigt ist. Ein Studierter fängt recht spät mit dem Arbeiten an. Bis dahin hat er sich verschiedenen Schikanen auszusetzen, seitens des Staates, der Uni, den Professoren und nicht zuletzt der Eltern. Während dem Studium ist er finanziell fast vollständig abhängig, sei es vom Staat, von den Eltern oder von sonstwem, der das Studium finanziert. Solange der Studierende sein Studium nicht fertig absolviert hat, ist er nichts wert, weder in der Gesellschaft, noch in der Wirtschaft, noch in der Bildung(Uni, Schule usw.).
    Scheitert er an seinem Studium, wird die finanzielle Grundlage seitens des Staates, BaföG, gänzlich ausgesetzt/eingestellt.

    Während der Gehalt eines Azubi niedrig anfängt und dann stetig steigt, seine Arbeitszeiten geregelt sind, hat ein Student/eine Studentin, sich diese gefälligst selbst einzuplanen und damit richtig umzugehen. Ein Azubi/normaler Arbeiter kann sich mit einem gewissenen Finanzmanagement recht flott ein Eigenheim leisten, ein Studierender nicht, selbst nach dem Abschluss für eine Weile erst mal nicht. Ein Student hat immer das Risiko zu scheitern und vor dem finanziellen Nichts zu stehen, dann kümmert sich aber auch niemand mehr um ihn und vor den Eltern steht er als Versager da.
    Von den Vorteilen kann ja jeder sprechen. Das und viele weitere sind aber die Nachteile des Studierens.

  2. ... studiert möglichst zu Hause in Reichweite von Muttis Kochtopf.
    Flexibilität kostet nur Nerven und Geld. Und nach dem Studium sucht man sich wieder einen Job in der nähe, weil sonst das gleiche Theater mit der Wohnungsuche von vorne los geht.
    Aber die Wirtschaft konzentriert sich nun mal auf die paar Zentren, wo die Wohnungen deswegen knapp und teuer sind.
    Ist aber so für die Wirtscahft und die Politik sehr bequem, deswegen wird sich da auch nichts ändern. Weil das schon immer so war.

    Eine Leserempfehlung
    • subse
    • 07. September 2013 10:29 Uhr

    dass Studierte zu den reichen Wohnungsbesitzern gehören werden. Aus Ihnen spricht wohl ein wenig Neid, der aber nicht gerechtfertigt ist. Ein Studierter fängt recht spät mit dem Arbeiten an. Bis dahin hat er sich verschiedenen Schikanen auszusetzen, seitens des Staates, der Uni, den Professoren und nicht zuletzt der Eltern. Während dem Studium ist er finanziell fast vollständig abhängig, sei es vom Staat, von den Eltern oder von sonstwem, der das Studium finanziert. Solange der Studierende sein Studium nicht fertig absolviert hat, ist er nichts wert, weder in der Gesellschaft, noch in der Wirtschaft, noch in der Bildung(Uni, Schule usw.).
    Scheitert er an seinem Studium, wird die finanzielle Grundlage seitens des Staates, BaföG, gänzlich ausgesetzt/eingestellt.

    Während der Gehalt eines Azubi niedrig anfängt und dann stetig steigt, seine Arbeitszeiten geregelt sind, hat ein Student/eine Studentin, sich diese gefälligst selbst einzuplanen und damit richtig umzugehen. Ein Azubi/normaler Arbeiter kann sich mit einem gewissenen Finanzmanagement recht flott ein Eigenheim leisten, ein Studierender nicht, selbst nach dem Abschluss für eine Weile erst mal nicht. Ein Student hat immer das Risiko zu scheitern und vor dem finanziellen Nichts zu stehen, dann kümmert sich aber auch niemand mehr um ihn und vor den Eltern steht er als Versager da.
    Von den Vorteilen kann ja jeder sprechen. Das und viele weitere sind aber die Nachteile des Studierens.

    2 Leserempfehlungen
    Antwort auf "Keine Panik"
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    Sozusagen fast unmöglich für einen Akademiker sich eine eigene Wohnung zu leisten ... von den Schikanen in der Uni usw ganz abgesehen. Während Azubis vergleichsweise in Saus und Braus leben und später zudem überteuerten Wohnraum vermieten :-)

  3. Wenn man es gewohnt ist schon immer sein eigenes Kinderzimmer zu haben, im Haus der Eltern mit Garten, immer Computer Laptop und das schnellste Internet hatte und sich nie Gedanken über die Nebenkosten machen musste, dann ist die Wohnungssuche natürlich erstmal ein Schock.

    Klar ist es schwer Wohnraum mitten in der Stadt zu finden, wo alles schnell erreichbar ist und man nach der Party zu Fuss nach Hause laufen kann.

    So eine Wohnung kostet ab ca. 700€ aufwärts, überall. Es sei denn man akzeptiert eine Altbauwohnung.

    Gute Wohnungen waren immer begehrt, teuer und schwer zu finden.

    Dass so viele Studierende meinen selbstverständlich Anspruch zu haben ist mir neu.

    Ein Studienkollege damals hat das erste Semester im Wohnwagen geschlafen, bis er ein Zimmer im Studiwohnheim bekam. Das war völlig normal, andere sind morgens um 6 aufgestanden und hatten teils über 1 Stunde fahrt vor sich.

    Wohnungen für Studenten sind genug da, vielleicht ist der Heizkörper in einem Zimmer kaputt, oder die Badewanne ist nicht mehr benutzbar, oder man hat nur 5 min warmes Wasser zum Duschen.

    Aber das war immer normal, man muss lernen sich mal durchzuschlagen.

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  4. Es muss ja auch nicht jeder in München oder Köln studieren. Im Ruhrgebiet gibt es zahlreiche Unis/FHs und damit eine große Auswahl an Studiengängen, UND es lassen sich ziemlich günstige Wohnungen in guter Lage finden, ebenso in Ostdeutschland.

    Wir teilen uns zu zweit eine 63qm große 2,5 Zimmer-Wohnung in Bochum, verkehrsgünstig gelegen, gut in Schuss und in netter Nachbarschaft für rund 400€ zzgl. Strom und Heizung. Für dieses Geld kann man München wahrscheinlich glücklich sein, eine 10 qm Zelle mit integrierter Toilette zu ergattern, für die man aber auch nur mit Bürgschaft der Eltern angenommen wird.

    Wenn es finanziell nicht anders geht und es unbedingt München sein soll, muss man eben lernen, auf engem Raum mit anderen auszukommen. Ist doch auch besser als wenn jeder Studi alleine im neugebauten Wohnheim in seinem 20qm Appartement mit eigener Kochnische sitzt?!

    Warum kommen die Fragen nach mehr günstigem Wohnraum für Studis eigentlich jetzt erst in der Bundespolitik auf? Schließlich wusste man vor 8 Jahren, dass es mal einen doppelten Abi-Jahrgang geben würde. Dass zusätzliche Studienplätze geschaffen werden müssen, wurde ja auch bereits vor etwa einem Jahr festgestellt...

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  5. Sozusagen fast unmöglich für einen Akademiker sich eine eigene Wohnung zu leisten ... von den Schikanen in der Uni usw ganz abgesehen. Während Azubis vergleichsweise in Saus und Braus leben und später zudem überteuerten Wohnraum vermieten :-)

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  • Schlagworte Peter Ramsauer | Johanna Wanka | Tagesspiegel | Wohnungsbau | Belgien | Aachen
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