Im Esszimmer der Uni brennt schon Licht. Es ist noch früh, gerade sieben Uhr. Auf dem Tisch stehen Brötchen, Joghurt und Müsli, einer der Studenten zündet eine Kerze an. Dann reichen alle einander die Hände. Jeden Tag frühstücken sie hier zusammen, das gibt dem Tag eine Struktur und motiviert zum Aufstehen. Von hier aus machen die Studenten sich jeden Tag auf ihren eigenen Bildungsweg.

In dieser Universität gibt es keine Vorlesungen, keine Dozenten, keine Verpflichtungen. 14 junge Menschen leben in dem großen, weißen Einfamilienhaus in Stuttgart, auf dem Briefkasten steht: "Freies Uni-Experiment Stuttgart".

Der gemeinsame Wohnort ist die einzige feste Struktur des Experiments. Aus ganz Deutschland sind die Studenten im Oktober letzten Jahres gekommen, um zusammen das zu schaffen, was alleine unmöglich schien: So viel Selbstdisziplin und Eigenantrieb für das Studium entwickeln, dass Druck von außen nicht mehr nötig ist.

Martin Essig, blonde Strubbelhaare, wache blaue Augen, verlässt nach dem Frühstück das Haus, wenig später sitzt er auf seinem Hocker vor einer Kirche, einen Zeichenblock auf dem Schoß, Stift und Radiergummi in der Hand. Sein Studienziel: Er möchte die Zusammenhänge von Gebäuden und Natur verstehen. Also zum Beispiel: Wo muss so eine Kirche stehen, damit die Bäume daneben noch genug Licht bekommen? So soll ein Konzept für moderne Stadtgestaltung entstehen. Im vergangenen halben Jahr hat der 20-Jährige hunderte Skizzen angefertigt. "Das ist für mich der direkteste Weg", sagt er. "Ich kann das natürlich auch in irgendeiner Institution versuchen, wo sich schon viele Leute Gedanken gemacht haben. Aber für mich macht es mehr Sinn, von mir und meiner eigenen Betrachtung auszugehen." Was genau er beim Zeichnen versteht, welche Zusammenhänge das sind, die er erkennt, kann er noch nicht richtig erklären.

Alia Ciobana ist im Haus geblieben. Sie sitzt in Aladin-Hose und Kapuzenpulli auf dem Fußboden in ihrem Zimmer, die Beine im Schneidersitz, und erklärt ihre Forschungsfrage: Was ist Demut und was kann sie bewirken? Sie will Denken lernen – und sich nicht mit wissenschaftlichen Texten beschäftigen. Ihr Philosophie-Studium hat sie deshalb nach einem Semester abgebrochen. "Es war nicht so, dass ich von Anfang an wusste: Genau das will ich studieren und das finde ich an der Uni nicht", sagt sie. "Ich habe einfach gemerkt: An der Uni zählt gar nicht, was mich wirklich beschäftigt."

Es gehe nur darum, die Pflichtmodule voll zu bekommen. Ciobana hat schon für ihr Abitur eigenständig gelernt und die Prüfung ohne Hilfe von Lehrern bestanden. Ihr Selbststudium nimmt die 22-Jährige sehr ernst, sie strahlt eine Selbstzufriedenheit und innere Ruhe aus, die für ihr Alter ungewöhnlich ist.