Doch selbst wenn sich alle Studenten Deutschlands anmelden würden und ehrlich ihre Noten eingeben: Die Idee eines gläsernen Studenten ist mir unheimlich. Im Internet vergleichen wir uns sowieso permanent. Auf Xing knüpfen wir Kontakte, der Lebenslauf muss lückenlos sein, Praktikum reiht sich an Praktikum, Auslandsaufenthalt an Auslandsaufenthalt. Im Bewerbungsgespräch und auch sonst muss ich mich perfekt präsentieren. Aber: Das kommt mir oft vor wie Hochstapelei. 

Was ich kann, lässt sich nicht in Noten und Praktika messen. Das sind leere Ziffern auf einem Computerbildschirm oder einem Blatt Papier. Eigentlich zählen andere Fähigkeiten: Ich muss mich an neue Situationen anpassen können, offen sein. Ich sollte Dinge kritisch hinterfragen, auch mich selbst. Und ich muss in der Lage sein, Probleme lösen zu können.        

Einige Studenten sehen das offenbar anders. GradeView hat auf chip.de die Note "sehr gut" bei 42 Wertungen erhalten. Vielleicht denken meine Kommilitonen, sie müssten sich eben vergleichen. Bologna und das Turbo-Abitur machen es nicht leichter, sich dem Leistungsdruck zu entziehen.

In einer 2014 veröffentlichten Studie des Deutschen Zentrums für Hochschul- und Wissenschaftsforschung heißt es, die Studierenden begäben sich in eine "für sie letztlich irritierende Abhängigkeit von Signalen und Konjunkturen des Arbeitsmarktes" und setzten alles daran, die vermeintliche Anforderungen zu erfüllen, um sich die versprochene "Employability" zu sichern. Man muss nicht überall mitmachen, denke ich, und lösche meinen GradeView-Account wieder.