Als Aufklärer hatte die Philosophische Fakultät der Universität Rostock Edward Snowden gewürdigt, als sie Anfang Juni beschlossen hatte, ihm die Ehrendoktorwürde zu verleihen. Nur Mut und Ehre reichen aber nicht, moniert nun Rektor Wolfgang Schareck. Er hat den Beschluss gegenüber dem Direktor der Fakultät beanstandet. Der Beschluss, Snowden einen Ehrendoktor zu geben, sei "rechtswidrig", so der Rektor in der Beanstandung, die ZEIT ONLINE vorliegt. Außerdem fordert der Rektor den Direktor der Philosophischen Fakultät in dem Schreiben auf, "den Beschluss aufzuheben". Die Beanstandung des Rektors hat nach dem Landeshochschulgesetz aufschiebende Wirkung. Der Titel kann zunächst nicht verliehen werden.

Der Dekan der Fakultät hat am Dienstag bekannt gegeben, dass der ehemalige Richter am Bundesverfassungsgericht, Brun-Otto Bryde, in einer rechtlichen Beurteilung die Entscheidung noch einmal bekräftigt. Sollte der Rektor seine Beanstandung nicht zurücknehmen, könnte die Fakultät juristisch dagegen vorgehen und habe dabei "große Erfolgsaussichten". Weiter schreibt der Dekan, es gehe auch "um die Freiheit der Wissenschaft".

Einen Ehrendoktor erhält nach dem Landeshochschulgesetz nur, wer "besondere wissenschaftliche Leistungen" vollbracht hat. Daran zweifelt Rektor Schareck. In dem zehnseitigen Dokument fasst der Rektor den Inhalt der Gutachten zusammen, die in Auftrag gegeben wurden, um zu beurteilen, ob Snowden die Ehrendoktorwürde verdient hat. 

Als Gutachter hatte die Philosophische Fakultät der Uni gleich eine ganze Reihe von Koryphäen beauftragt. Darunter ist unter anderem der prominente Intellektuelle Noam Chomsky, der bekannte Soziologe Ulrich Beck, der Politikwissenschaftler Claus Leggewie und der frühere Richter am Bundesverfassungsgericht Wolfgang Hoffmann-Riem.  

In seiner Beanstandung sammelt der Rektor Zitate aus den einzelnen Gutachten, die seine Auffassung stützen. So hebt er hervor, dass im Gutachten von Professor Harald Müller von der Hessischen Stiftung für Friedens- und Konfliktforschung "explizit ausgeführt" werde, "Edward Snowden habe wissenschaftliche Verdienste ebenso wenig vorzuweisen wie ein Mäzen".     

Der Linguist Chomsky vom Massachusetts Institute of Technology stelle in seinem Gutachten "den Mut und die Ehrenhaftigkeit des Verhaltens von Edward Snowden" in den Vordergrund seines Gutachtens. Dem seien aber "keinerlei Hinweise auf eine in irgendeinem Sinne wissenschaftliche Leistung von Edward Snowden zu entnehmen". Auch der frühere Verfassungsrichter Hoffmann-Riem beschreibe in seinem Gutachten "den eigentlichen Beitrag von Edward Snowden zum wissenschaftlichen Diskurs nicht" und enthalte "sich auch einer Empfehlung zur Verleihung der Ehrendoktorwürde".

Überprüfen lässt sich die Darstellung des Rektors nur schwer. Der Inhalt der verschiedenen Gutachten ist nicht öffentlich. Nicht einmal die Gutachter kennen jeweils die anderen Beurteilungen. Zumindest im Fall des Gutachtens von Hoffmann-Riem darf an der Darstellung des Rektors aber gezweifelt werden.

Hoffmann-Riem hatte sich, als er von fortbestehenden Bedenken des Rektors hörte, per Brief an den Rektor gewandt. Auch aus diesem Schreiben, das ZEIT ONLINE vorliegt, zitiert der Rektor. Wie Hoffmann-Riem auf Anfrage mitteilte allerdings ohne die Fortsetzung, in der er begründet, warum Snowden die weitere Auswertung nicht selber vornehmen konnte und trotzdem einen Beitrag zur Wissenschaft leistet.        

Sein Schreiben, so Hoffmann-Riem, sei wie folgt weitergegangen: "Dann hat er gesehen, dass es ihm wegen der Lebensgefahr, mit der er jetzt leben musste, nicht möglich sein würde, die weitere Auswertungsarbeit selbst zu leisten. Er hat Wege recherchiert und begangen, Personen und Institutionen zu finden, die die weitere Auswertung, Aufbereitung für die Öffentlichkeit und damit auch die Wissenschaft leisten könnten. Mit deren Hilfe hat er weltweit nicht nur öffentliche Diskussionen, sondern auch wissenschaftliche Auseinandersetzungen angestoßen, die schon viele Erkenntnisse gebracht haben und vermutlich weiter erbringen werden. Eine derartige Wirkung und damit auch ein derartiger Beitrag für die Wissenschaft kommt nur ganz selten herkömmlichen Dissertationen zu." Von Schareck war dazu keine Stellungnahme zu erhalten.

Hoffmann-Riem ist in seinem Gutachten, wie auch der Gutachter Leggewie der Auffassung, dass Snowden eine wissenschaftliche Leistung erbracht hat, in dem er die Dokumente aufbereitete und nach Themen sortierte. In seiner Beanstandung schreibt der Rektor, "das 'Vorsortieren' von Information" könne jedoch nicht als wissenschaftliche Leistung verstanden werden – sonst wäre die Aktenführung eines jeden Finanzamtes wissenschaftlich im Sinne des Verständnisses der Philosophischen Fakultät".     

Hoffmann-Riem kommentiert das so: "Wenn der Rektor die von Snowden vorgenommene Aufbereitung von bisher öffentlich nicht bekannten, ohne Hilfe durch einen Kenner der Szene wie Snowden kaum sinnvoll erschließbaren, für die wissenschaftliche und andere Auswertung höchst wichtigen Daten mit 'der Aktenführung eines jeden Finanzamtes' gleich setzt, dann disqualifiziert sich dies von selbst".