Gender-Wissenschaftler hören den Vorwurf, es ginge nur darum, Frauen zu fördern. © Friso Gentsch/dpa

Die Geschichte der Geschlechterforschung ist eine der Rechtfertigung. Wer sich wissenschaftlich mit Weiblichkeit und Männlichkeit beschäftigt, muss sich immer wieder dieselben Vorwürfe anhören: Da werde Politik gemacht, es gehe nur darum, Frauen zu fördern. Die Forscherinnen seien in ihre Theorien verliebt und ließen die Empirie außer Acht. Überhaupt: Was gibt es schon herauszufinden über die Geschlechter, was nicht längst bekannt wäre?

Neu ist, in welch brutalem Ton Wissenschaftlerinnen angegriffen werden. Anfang Juli wurde eine Kasseler Soziologin auf Facebook bedroht, Kommentatoren hetzten gegen ihre Forschung und beleidigten sie persönlich. Die Professorin hatte 2012 ein sozialpädagogisches Buch für die Arbeit mit Jugendlichen veröffentlicht, in dem sie Methoden zur Diskussion von sexueller Vielfalt vorstellt. Als sie im Juni der Hessisch-Niedersächsischen Allgemeinen Zeitung ein Interview dazu gab, wurden rechtskonservative Gruppen auf sie aufmerksam und posteten Mord- und Vergewaltigungsdrohungen. Ein Kollege aus der medizinischen Geschlechterforschung, der sich solidarisch zeigte und in seinem Blog zu einer respektvollen Diskussion aufrief, erhielt ebenfalls Hasskommentare.

Vereinzelte Fachgesellschaften und Universitäten haben den Forschern ihre Solidarität erklärt, darunter die Deutsche Gesellschaft für Soziologie und die Fachgesellschaft Gender Studies (FG Gender). Deren ehemalige Vorsitzende, die Soziologin Sabine Hark von der Technischen Universität Berlin, spricht von einem "deutlichen Qualitätsunterschied" gegenüber früheren antifeministischen Angriffen. Sie beobachte seit Längerem, wie der Sexismus in sozialen Netzwerken zunimmt, habe aber bislang gedacht, "dass der professorale Status einen gewissen Schutz vor Attacken bietet". Das sei jetzt widerlegt.

Ist die Aggression ein Ausdruck sozialer Verunsicherung?

Die Fachgesellschaften haben sich darauf geeinigt, das Problem als generelle Ablehnung feministischer Ideen anzusehen statt als Angriff auf einzelne Personen – auch um die betroffenen Kolleginnen zu schützen. "Gemeint sind diese nicht allein", heißt es in der Stellungnahme der FG Gender. "Es handelt sich um einen Angriff auf eine breite wissenschaftliche, soziale und kulturelle Bewegung". Viele Netzkommentatoren nehmen Gleichstellungspolitik als etwas wahr, das ihnen aufgezwungen werde und ihnen etwas wegnehme, sagt Hark.

Die Vorsitzende der FG Gender, die Arbeitssoziologin Susanne Völker von der Universität Köln, hält die Aggression für einen Ausdruck sozialer Verunsicherung. "Arbeit wird prekärer, die eigene Position fraglich", sagt Völker. "Da fragen sich einige: Kann ich noch Familienernährer sein? Was bin ich sonst? Wissen wir noch, was Männer und Frauen zu tun haben?" Völker sieht keine "Massenstimmung" gegen die Gender Studies. Doch einzelne – "überwiegend Männer" – trügen ihre Unsicherheit über die Geschlechterfrage aus. 

Diese Verunsicherung ist auch innerhalb der Wissenschaft spürbar. Männliche Kollegen hätten das Gefühl, keine Stellen mehr zu bekommen, weil überall Gender-Studies-Lehrstühle eingerichtet würden, sagt Hark. In der Statistik spiegelt sich das nicht wider: Harks Stelle ist die einzige in Deutschland mit der ausschließlichen Denomination Gender Studies. 160 weitere Professuren haben einen Genderschwerpunkt innerhalb ihrer Disziplin, doch das sind nur 0,4 Prozent aller Professuren. "Dass die Gender Studies etwas erreicht haben, wird schon als Angriff gewertet", sagt Susanne Völker.

Die Reaktion auf Geschlechterthemen ist typisch

Diese Reaktion auf Geschlechterthemen ist typisch: Als Frauen zu Beginn des 20. Jahrhunderts Zugang zu Hochschulen bekamen, versuchten selbst Geistesgrößen, das zu verhindern. In den siebziger Jahren fühlten sich Wissenschaftler durch feministische Theorien provoziert, etwa in der Linguistik. Die Argumente waren selten sachlich: Man warf den Kolleginnen "fanatisierte Beschäftigung" mit Sprachtraditionen und Missachtung des sprachlichen "Ökonomie-Faktors" vor. Dass die Debatte noch nicht beendet ist, hat die Verwendung des generischen Femininums in der Verfassung der Universität Leipzig im vergangenen Jahr gezeigt. Bundesweit gab es in der Öffentlichkeit und von manchen Wissenschaftlern den Vorwurf, die Bezeichnung aller Hochschullehrer als "Professorinnen" verhunze die Sprache.