Am Ende kommt ihr das Studium wie ein Deal vor: Zeit gegen Abschluss. Drei Jahre, für Referate, Folien und Warten auf den Professor. Eine Abrechnung

Liebe Uni,

ich habe Dich mir anders vorgestellt, jahrelang hatte ich von dir geträumt. Von Diskussionen, vom Austausch, von dem Gefühl von Freiheit. Doch du warst immer eine Pflicht. Nicht mehr. Nach drei Jahren frage ich mich, ob mein Studium eigentlich ein Kuhhandel war: Zeit gegen Abschluss. Der Studienaufwand beträgt auf die Jahre verteilt 5.400 Stunden und es herrscht Anwesenheitspflicht. Hätte es die nicht gegeben, ich wäre in 30 Tagen fertig gewesen. 

In die Seminare wäre ich gar nicht gegangen, aus den Vorlesungen hätte ich nur die Folien mit den Klausurfragen gelesen, meine Hausarbeiten an einem Tag geschrieben, Sprechstunden hätte ich mir gleich gespart und am Ende in einer Woche die Bachelorarbeit getippt. Das geht? Ja! Und ich hätte nichts verpasst: 

Mein Studium der Asienwissenschaften bestand hauptsächlich aus Seminaren. Sie begannen mit dem Satz: "Lasst uns anfangen, ich weiß, Sie wollen alle nach Hause." Es folgte eine Aneinanderreihung von Referaten, und da jeder Student eins halten musste, um zur Hausarbeit zugelassen zu werden, füllten sie oft die gesamte Kurszeit. Die Qualität ist egal, es wird eh nicht bewertet. Konfuzius darf Autor fremder Bücher bleiben, Japan ein Alliierter im Zweiten Weltkrieg. 

Ich hatte mir vorgestellt, wie wir an der Universität wilde Debatten führen. Keynes! Marx! Weber! Liebe Uni, ich dachte, Du wärst ein Ort zum Streiten! Aber diskutiert wird nach einem Referat nicht, Dozenten schauen bei Nachfragen panisch auf die Uhr. Am Anfang habe ich es noch versucht. Aber Fragen werden meist so beantwortet: "Darüber habe ich meine Doktorarbeit geschrieben, das kann ich Ihnen jetzt nicht in fünf Minuten erklären." Beliebt auch: "Wir schaffen jetzt nicht darüber zu diskutieren, lesen sie einfach den Text, da steht alles schon drin." Diese Leidenschaftslosigkeit war unerträglich.

Und um Seminare zu bestehen, braucht es keine Meinung. Eine Hausarbeit reicht. Das einzig Zeitaufwendige ist die Vorbesprechung mit dem Dozenten. Einer meiner Professoren kam tendenziell nie, er "ist im Moment sehr beschäftigt". Das Warten hätte zum Lernen einer weiteren Fremdsprache gereicht.   

Noch schlimmer ist die Geringschätzung der Studenten. Viele Professoren haben mir das Gefühl gegeben, sie bei ihrer Forschung zu stören. Ich habe mich gefühlt wie in einem Labor. Der Professor steht gebeugt über einem Mikroskop. Ich stehe auf Zehenspitzen daneben. Ich wage nicht zu stören, aber was ich eigentlich sagen will ist: Darf ich auch einmal sehen? Was sehen Sie? Wollen Sie wissen, was ich sehe? Und was bedeutet das?