Noch bevor die Entschuldigung für die Verspätung ausgesprochen ist, winkt Rosemarie Achenbach grinsend ab: "Passt schon, akademisches Viertel und so!" Die Schuhe auszuziehen verbietet sie ihrem Besucher fast, mit einem Lächeln und einem spöttischen: "Oder haben Sie etwa Pantoffeln dabei?" Mit Schuhen geht es also in die Bude, in der die Studentin lange Tage am Laptop und noch längere Nächte vor dem Fernseher verbringt. "Manchmal penne ich direkt auf dem Sofa", sagt sie, "und nehme mir die Freiheit, den Wecker am nächsten Morgen zu ignorieren."

Sie spricht und bewegt sich auf diese typisch jugendliche, aufreizend lässige Art, die ihre Kraft und Vitalität nur noch mehr betont. Nichts deutet darauf hin, dass Achenbach 90 Jahre alt ist, wäre da nicht dieses Wohnzimmerfenster, zwischen dessen geblümten Gardinen Mobilés an der Scheibe hängen – vintage, nicht retro. Und selbst das hat nichts zu bedeuten: "Das Gebammel hängt nur hier, damit die Vögel nicht mehr reihenweise gegen die Scheibe fliegen."

Rosemarie Achenbach ist keine verkrampfte Berufsjugendliche. Sie hat zu viel erlebt, um anderen etwas vorzumachen. 1943 hatte sie ihr Studium begonnen, Psychologie, Psychiatrie und Philosophie in München. Endlich, nach "Turbo-Abi" wegen des Kriegs und je einem halben Jahr Pflichtdienst als Magd und Schaffnerin. Nach dem ersten Studienjahr wird sie als Psychologin zur "Nationalsozialistischen Volkswohlfahrt" ins besetzte Posen geschickt. An Klausuren ist nicht mehr zu denken, stattdessen Flucht per Pferdetreck und Bombennächte, schließlich das Wiedersehen mit ihrem mehrfach verwundeten und lange vermissten Verlobten. Sie heiraten, ihr Leben im Siegerland ist geprägt von Wiederaufbau, Arbeit, Familie.

Sie hat selten Langeweile in diesen Jahrzehnten, sie ist beschäftigt mit einem 16-Zimmer-Haus, zwei Halbtagsjobs (Pfarrersfrau und Bezirksvorsitzende der Frauenhilfe), drei Kindern, vier Weltreisen und 60.000 dort entstandenen Dias, unzähligen Vorträgen, Konferenzen, Wohltätigkeitsveranstaltungen. Doch als 2003 ihr Mann stirbt, hat Rosemarie Achenbach so viel Zeit und Freiheit wie noch nie zuvor. Sie hatte ihn geliebt, war aber immer in erster Linie als die Frau an seiner Seite wahrgenommen worden. Ihr Studium weiterzuführen war nie drin, basta. Wegen der damaligen Zeit und wegen der Menschen im Siegerland, in Deutschland oder im Allgemeinen.

2004 wird ihr Zeugnis in Sütterlin entziffert und für gut befunden. Mit 80 ist sie wieder Ersti, beklagt die miserable Parkplatzsituation an der Uni, lässt sich mit den kostenlosen Busfahrten darüber hinwegtrösten, wie so viele.

Ihr Magisterstudium geht sie etwas anders an als die anderen, mit Dankbarkeit, Demut, fast heiligem Ernst. Sie folgt dem Humboldtschen Bildungsideal, denkt fächerübergreifend, verbreitert ihr "Vokabularium", bereitet jede Vorlesung gründlich vor und nach. Ihren Philosophie-Magister zieht sie in neun Semestern durch, Regelstudienzeit. Für ihre Arbeit zum Gottesbegriff in verschiedenen Religionen schreibt sie manche Nacht durch. Mündliche und schriftliche Abschlussprüfung besteht sie innerhalb von vier Tagen. Zwei Jahre nach ihrem ersten Enkelkind erwirbt sie den ersehnten Studienabschluss.

Seit 2008 hängt die Urkunde zur "Magistra Artium" gerahmt in der Küche, "M.A." prangt auch auf ihrer Visitenkarte. "Klingt aber auch toll, oder? Jaja...", sagt sie ironisch dazu. Und sie will noch mehr lernen. Seit Jahren schon sammelt sie Material für eine Doktorarbeit. Über den Tod. "Liegt doch sehr nahe", sagt sie lachend. Das ist einer der Running Gags dieser Frau, die eine Bilderbuch-Oma ist und zugleich unbedingt auf eine Bühne gehört.