Sie sind die ersten Stipendiaten eines muslimischen Werks in Deutschland. Vier Geschichten von einer Kindheit im Brennpunkt und von Widerständen in der Gesellschaft.

Talentiert und engagiert müssen die Stipendiaten sein. Das besondere am neuen Studienwerk Avicenna: Es vergibt Förderungen speziell an muslimische Studenten und Doktoranden. Angestoßen wurde das Werk unter anderem von Professoren des Instituts für Islamische Theologie in Osnabrück, vor einem Jahr wurde es in die Liste der Begabtenförderwerke des Bildungsministeriums aufgenommen. Damit übernimmt das Ministerium die Auszahlung der Stipendien.

 Die ersten 65 Stipendiaten bekommen abhängig vom Einkommen der Eltern eine finanzielle Förderung von bis zu rund 900 Euro im Monat.  Zusätzlich sollen die Studenten in den Bereichen "Gesellschaftliche Teilhabe" und "Islamische Lebensweise" fortgebildet werden. Das Studienwerk hofft, dass die Stipendiaten zu jungen Vorbildern für die muslimische Gemeinschaft werden. Wir stellen vier von ihnen vor:

"Ich bin bei minus Zehn gestartet".

Mehmet Bayrak, 29, Architektur-Doktorand aus Köln-Kalk:

Was mich dazu bewogen hat, mich beim Avicenna-Studienwerk zu bewerben? Ich hoffe, dort viele hochqualifizierte Menschen aus verschiedenen Studiengängen zu treffen, die es wie ich im Bildungssystem nicht immer leicht gehabt haben. Wenn man aus einem sozialen Brennpunkt kommt, mit türkischem Namen, dann sieht es mit der Chancengleichheit düster aus. Ich bin nicht bei null gestartet, sondern bei minus zehn – und das kenne ich von vielen Freunden mit Migrationshintergrund. Avicenna sorgt da für mehr Gerechtigkeit. Wenn man nur nach Leistung schaut, hat jemand aus gutbürgerlichem Haus einfach bessere Startchancen. Viele Kinder aus Brennpunkten können zum Beispiel nicht einfach zum Auslandsaufenthalt aufbrechen, um den Lebenslauf auszuschmücken. 

Bis zur Grundschule habe ich in meinem Umfeld nur Türkisch gesprochen. Durch den Kontakt mit deutschen Mitschülern habe ich dann aber schnell Deutsch gelernt, in der Realschule hatte ich bald nur noch Einser und Zweier. Trotzdem haben meine Lehrer mir immer zugeredet: Mehmet, wechsle nicht aufs Gymnasium, mach doch lieber eine Ausbildung. Vielleicht meinten sie es sogar gut, nach dem Motto: Wir wollen das arme Migrantenkind nicht überfordern. Trotzdem war das sehr frustrierend, gegen solche Widerstände ankämpfen zu müssen. Ich wechselte am Ende auf eine Gesamtschule und schrieb dort als erster in der Familie das Abitur. Vielen meiner Mitschülern dort war früher auch wegen ihrer Herkunft wenig zugetraut worden – und interessanterweise sind genau diese Leute heute erfolgreiche Ingenieure oder Ärzte. 

An der Universität bin ich zum ersten Mal auf Menschen gestoßen, die in meine Fähigkeit vertraut haben und mich heute noch im Architektur-Studium unterstützen. Nach dem Bachelor gab es aber auch ein unangenehmes Erlebnis. Mit einer deutschen Kommilitonin habe ich ein Experiment durchgeführt: Wir haben genau die gleiche Bewerbung an zehn Architekturbüros abgeschickt, nur unsere Namen und Adressen haben sich unterschieden. Sie hat acht Termine für Bewerbungsgespräche bekommen. Ich trotz besserer Noten keinen einzigen.

Das hat mich aber nicht von meinem Weg abgebracht. Meinen Master in Architektur habe ich an der RWTH Aachen mit 1,4 gemacht, für meine Abschlussarbeit habe ich sogar eine 1,0 bekommen. Zusammen mit einem Freund habe ich über die Theodisianische Mauer in Istanbul geschrieben, eine Befestigungsanlage aus dem 5. Jahrhundert. Mein Thema für die Doktor-Arbeit ist deutlich zeitgenössischer: Ich promoviere über Hinterhofmoscheen in Deutschland. Natürlich ist es für mich spannend, was andere Muslime zu meinen Thesen sagen. Aber auch Nicht-Muslime finden das Thema interessant – das zeigt mir, dass der Islam und auch ich als Moslem mittlerweile klar ein Teil Deutschlands sind.