Im Sommer kommen zum ersten Mal wieder positive Nachrichten aus Griechenlands Wirtschaft: Das Land verlässt die Rezession und verzeichnet ein leichtes Wirtschaftswachstum. Der Tourismus meldet die besten Zahlen seit 2004, als in Athen die olympischen Spiele stattfanden. Gleichzeitig kämpft das Land mit Turbulenzen an der Börse und innerhalb der Regierung. 

In dieser Zeit steht eine junge griechische Generation vor dem Start ins Berufsleben. Sie können nichts für die Krise, dafür sind sie zu jung. Hier erzählen fünf von ihnen von ihrer Liebe zu Griechenland und einer Zukunft im Ausland.

"Und damit meine ich: irgendeinen Job"

Angeliki Tsoukala, 22

"Nach der Schule ging ich nach England, um dort zu studieren. Mit einem Bachelor in Erziehungswissenschaften kam ich im Juni nach Griechenland zurück und bin seitdem arbeitslos. Ich hätte nicht erwartet, dass es so hart wird. Ich hatte gehofft, nach ein oder zwei Monaten einen Job zu finden. Und damit meine ich: irgendeinen Job. Aber bisher habe ich nicht einmal was zum Kellnern. Da würde ich vielleicht zwei Euro fünfzig in der Stunde verdienen. Mein Glück ist, dass meine Eltern Arbeit haben und mich unterstützen können. Jetzt arbeite ich ehrenamtlich bei Veranstaltungen, zum Beispiel TEDx-Konferenzen. So kann ich zumindest Erfahrungen sammeln und Kontakte knüpfen. Und vor allem meinem tristen Alltag entkommen.

Eigentlich möchte ich Sozialarbeiterin werden. Eine Stelle als Lehrerin wäre auch okay, aber die staatlichen Schulen erkennen meinen englischen Abschluss nicht an. Ich müsste zusätzliche Prüfungen machen und 2.000 Euro Gebühren zahlen. Das gleiche gilt, wenn ich an einer griechischen Uni einen Master machen will. Eine Privatschule hat mir einen Job angeboten – ohne Arbeitsvertrag, ohne Sozialversicherung. Ich habe abgelehnt.

Mein Bruder hat früher als DJ gearbeitet, jetzt ist er auch arbeitslos. Die Leute gehen zwar immer noch feiern, geben aber viel weniger Geld aus. Also stellen die Clubs weniger DJs ein oder lassen gleich eine CD laufen.

Inzwischen frage ich mich, warum ich überhaupt zurückgekommen bin. Klar, es ist schön wieder bei meinen Eltern zu sein. Griechenland ist der beste Ort zum Leben. Aber was hilft das, wenn man kaum überleben kann?"

"Man muss den maroden Staatsapparat verlassen"

Giorgos Lambrou, 23

"Ich arbeite seit Juli in der Marketingabteilung eines großen internationalen Kosmetikkonzerns. Davor habe ich an der Athener Wirtschaftsuniversität studiert. Für meine Vollzeitstelle bekomme ich über 1.000 Euro netto im Monat. Damit habe ich es richtig gut erwischt. Der Mindestlohn in Griechenland liegt bei etwa 460 Euro, auch junge Akademiker verdienen oft nicht mehr. Viele machen unbezahlte Praktika und sind auf das Geld ihrer Eltern angewiesen.

Ich habe diesen Job aber nicht einfach so bekommen: Als Student habe ich an einem Ideenwettbewerb meines heutigen Arbeitgebers teilgenommen. Mein Team belegte den zweiten Platz in Griechenland. Daraufhin hat mir die Firma ein Praktikum angeboten und später eine Festanstellung. Auch meine beiden Teamkollegen aus dem Wettbewerb haben hier einen Job bekommen. Daran merkt man, dass es mit der Wirtschaft langsam wieder aufwärts geht. Bis vor Kurzem hat unser Unternehmen Jahr für Jahr Geld verloren und konnte keine neuen Leute einstellen.

Nebenbei engagiere ich mich bei ThinkBiz, einem Verein zur Förderung der griechischen Start-up-Szene. Für griechische Studenten ist es eine ziemlich ungewohnte Vorstellung, ein eigenes Unternehmen zu gründen. Der gängige Weg war immer, nach der Uni bei einem Staatsbetrieb anzufangen. Das läuft meistens über persönliche Beziehungen, und nach der Anstellung hat man einen ruhigen und sicheren Job. Erst langsam merkt meine Generation, dass man sich auf den maroden Staatsapparat nicht mehr verlassen kann und Eigeninitiative zeigen muss."

"Meine Eltern werden Selbstversorger, ich werde auswandern"

Chrisa Manoli, 23

"Ich habe Tourismus und Schifffahrt studiert, das sind die beiden Hauptwirtschaftszweige in Griechenland. Trotzdem finde ich keinen Job. In einer Reederei wird man nur angestellt, wenn man jemanden kennt. So läuft das hier in Griechenland. Zurzeit lebe ich von Ersparnissen und von der Unterstützung meiner Eltern. Es ist bitter, dass ich weiterhin auf sie angewiesen bin, obwohl ich einen Abschluss habe.

Viele Leute in unserer Generation arbeiten unbezahlt, sie hangeln sich von einem Praktikum zum nächsten. Die Firmen stellen oft nur Praktikanten ein. Viele Griechen haben zwei oder drei Jobs. Zum Beispiel trifft man immer wieder Ärzte, die in Cafés jobben.

Wahrscheinlich werde ich demnächst auswandern. In den Vereinigten Staaten habe ich Verwandte. Ich wünschte, ich könnte hier bleiben, aber ich sehe keine Chance für mich. Meine Eltern wollen von Athen zurück auf die Insel Ikaria ziehen. Sie wollen dort ein Stück Land bebauen und sich selbst versorgen. In der Stadt sehen sie keine Zukunft. Ikaria ist wunderschön. Ich kann mir gut vorstellen, dort auch einmal hinzuziehen. Noch fühle ich mich aber zu jung für das ruhige Inselleben."

"Es erfordert viel Mut, hier eine Firma zu gründen"

Michalis Tohnitis, 24

Ich komme ursprünglich aus Zypern. Vor vier Jahren bin ich zum Studieren nach Athen gegangen. Nächstes Jahr mache ich meinen Bachelor-Abschluss in Maschinenbau. Danach würde ich gerne in Griechenland bleiben: Das Klima ist toll, die Menschen sind voller Energie und Leben. Kultur und Mentalität sind hier ähnlich wie in Zypern. Zypern hat darum auch ähnliche Probleme. Allerdings glaube ich, die Menschen dort sind etwas disziplinierter. Das liegt wahrscheinlich an der langen britischen Herrschaft.

Ich möchte nächstes Jahr für den Master nach Deutschland oder England gehen und dort auch zum Arbeiten bleiben. Hier gibt es kaum Industrie. Da bleibt höchstens die Selbstständigkeit. In letzter Zeit höre ich immer wieder von jungen Griechen, die für große europäische Konzerne gearbeitet haben und jetzt nach Hause zurückkehren, um ein Unternehmen aufzubauen. Ich bewundere diese Menschen. Irgendwann kann ich mir auch vorstellen, ein Unternehmen zu gründen. Jetzt traue ich mir das aber noch nicht zu. Es erfordert viel Mut, hier eine Firma zu gründen.

Die Bürokratie macht es schwer: Als ich nach Athen zog, musste ich mich bei den Behörden als Einwohner melden. Dazu habe ich zwei volle Tage auf Ämtern verbracht. Ich ging in ein riesiges Bürogebäude und hatte keine Ahnung, wo ich hin muss. Ich musste mich in langen Warteschlangen anstellen, um mich durchzufragen. Am Ende waren vier verschiedene Formulare nötig – aus vier verschiedenen Behörden, die alle unterschiedliche Öffnungszeiten hatten.

"Ich will nach Griechenland zurückkehren, um meinem Land zu helfen"

Rallou Grigoropoulou, 22

Ich studiere Architektur in London und bin über die Ferien in Athen. Es fühlt sich jedes Mal gut an, herzukommen. In England habe ich ständig Heimweh. Aber die Krise ist nicht zu übersehen, wenn ich hier durch die Straßen gehe. Zwar sind die Cafés gut besucht – die Leute versuchen, den Kopf nicht hängen zu lassen. Ich sehe allerdings viel mehr Obdachlose als früher. Selbst in den besseren Vierteln kommen jeden Tag Tausend Leute in die Suppenküche. Es gibt einen Haufen Drogen. Gleichzeitig sieht man immer noch teure Autos und Häuser; für mich ein Zeichen, dass viele Reiche weiterhin keine Steuern bezahlen.

Ich möchte im Ausland soviel Erfahrung und Wissen sammeln wie möglich. Dann kehre ich nach Griechenland zurück und helfe meinem Land, sich nachhaltig zu entwickeln. Ich wünsche mir, dass die soziale Ungleichheit abnimmt.

Meine Eltern sind beide im Ruhestand. Den wollten sie eigentlich mit Reisen verbringen, aber ihre Renten wurden um die Hälfe gekürzt. Jetzt erfreuen sie sich an den täglichen Spaziergängen mit ihrem Hund am Strand. Meine Brüder sind beide über 30. Der Ältere ist mit seiner Familie ebenfalls nach England gegangen, wo sie auf ein besseres Leben hoffen. Der Jüngere lebt in Athen und ist arbeitslos.