"Studenten, bleibt zu Hause", fordert eine ZEIT-ONLINE-Redakteurin. Eine Replik: Die Uni ist kein Kindergarten für Faule. Vier Gründe für die Anwesenheitspflicht.

"Studenten, bleibt zu Hause" hatte ZEIT-ONLINE-Redakteurin Anne-Kathrin Gerstlauer in der vergangenen Woche gefordert und ein Plädoyer gegen die Anwesenheitspflicht geschrieben. Hier die Gegenrede zweier Dozenten: 

Die beiden hochschulpolitischen Ziele einer Verschulung der Lehre, wie Bologna sie zum Zweck internationaler Vergleichbarkeit angestoßen hat, einerseits, und einer Entbindung der Studierenden von der Teilnahme an dem dafür geschaffenen Lehrangebot, andererseits, offenbaren eine bemerkenswerte Widersprüchlichkeit.

Erstens und grundsätzlich: Wir müssen unsere Seminare planen können

Alle Dozenten, die ein semesterlanges Seminar vorbereit und didaktisch durchgeplant haben, dürfen erwarten, dass die Studierenden, die sich zu dieser Veranstaltung angemeldet und im Rahmen des Kurses bestimmte scheinrelevante Prüfungsleistungen übernommen haben, auch tatsächlich erscheinen, sofern Sie eine Note bekommen wollen. Die Alternative ist, dass Dozenten zu jeder Sitzung mit ein paar Versprengten eine Lehrveranstaltung improvisieren.

Alle Dozenten sind sehr daran interessiert, mit motivierten Studierenden zusammenzuarbeiten. Aber die entscheidende Frage ist doch folgende: Wie soll ein Seminar durchgeführt werden, wenn nicht planbar ist, ob und mit wie vielen Studierenden ein Dozent oder eine Dozentin rechnen kann? Wer kommt denn überhaupt noch, wenn er nicht muss?

Jeder, der sich für das Studium entschieden hat und einen Abschluss anstrebt, hat dies auf freiwilliger Basis getan. Nun so zu tun, als würde die Einforderung einer Anwesenheit einem Angriff auf die individuelle Freiheit gleichkommen, sagt mehr über eine verbreitete serviceorientierte Erwartungshaltung aus, als über tatsächliche Missstände an deutschen Universitäten.

Zweitens: Es ist nicht die Aufgabe der Uni, beim Erwachsenwerden zu helfen

Frau Gerstlauer schreibt:

"Einige Studenten mögen sich überschätzen, andere verzetteln. Das werden sie am Ende des Semesters merken, das dank Bologna fast ausnahmslos jeden Kurs mit einer Prüfung abschließt. Der ein oder andere wird hinfallen, aber er wird wieder aufstehen, den Laptop hochfahren und weitermachen. Die Uni soll nicht nur Wissen vermitteln, sondern auch dabei helfen, erwachsen zu werden, Fehler zu machen, daraus zu lernen, auch mal Risiken einzugehen."

Genauso wenig wie es die vordringliche Aufgabe eines Gymnasiums ist, Schülerinnen und Schülern die Anfertigung einer Steuererklärung beizubringen, ist es die Aufgabe von Universitäten Menschen in den 20ern beim Erwachsenwerden zu helfen. Ein Studium beginnen Menschen, die volljährig sind und das Abitur erworben haben. Wer von Universitäten mit Anfang/Mitte 20 einen Beitrag zum Erwachsenwerden erwartet, hat das falsche Verständnis von einer wissenschaftlichen Hochschule. Ein Universitätsstudium erfordert und fördert, auch nach Bologna, in hohem Maße die Fähigkeiten zum selbstständigen Arbeiten und Denken sowie zur Selbstorganisation. Nur in dieser Hinsicht kann ein Studium tatsächlich einen abschließenden Beitrag zur Persönlichkeitsbildung leisten.

Drittens: Dozenten sind nicht die Vorturner der Studenten

So wünschenswert eine didaktisch ansprechende und moderne Vermittlung des Lehrstoffs auch ist, so muss zweierlei dazu gesagt werden:

Zum Ersten sind Dozenten und Dozentinnen nicht die Vorturner der Studierenden und es wird in jedem Kurs Studierende geben, denen der Kurs 'zu trocken' oder nicht 'einsteigerfreundlich genug' ist. Diesen Umstand hinzunehmen, gehört zum akademischen Alltag auf beiden Seiten der Lehre. Dem humanistischen Wissenschaftsverständnis nach, sind Dozenten primus inter pares, also unter Ihresgleichen. In diesem Sinne haben auch die Studierenden eine Pflicht, Seminare mitzugestalten.

Zum Zweiten steht der Anspruch an didaktische Vielfalt und moderne Wissensvermittlung immer im Verhältnis zu bereitstehenden Mitteln und Kapazitäten der Universitäten. Das Argument, die didaktische Vermittlung des Stoffes sei durch eine Vielzahl von Methoden möglich, ist prinzipiell richtig und eine Ausweitung der Lehrmethoden generell ein wünschenswertes Ziel. Dazu gehört auch die Möglichkeit, neue Online-Lehrangebote zu schaffen. Leider besteht zwischen diesem Anspruch und universitärer Realität eine weite Kluft.