Studenten sind nicht faul. Sie diskutieren auf hohem Niveau in Facebook-Gruppen statt im Hörsaal. Wir sollten sie dabei unterstützen, statt zu jammern.

Vor einigen Wochen begann auf ZEIT ONLINE eine Debatte um die Anwesenheitspflicht. Doch sie trifft den Kern des Problems in keiner Weise. Während einige Kollegen abenteuerliche Begründungsfiguren entwickeln, um doch noch irgendwelche Spielarten von Anwesenheitslisten in Veranstaltungen durchzusetzen, haben wir diese bereits vor einigen Semestern abgeschafft. An der Zahl der (gut) bestandenen Prüfungen hat sich seitdem nichts verändert.

Physische Abwesenheit der Studierenden bedeutet nicht, dass diese faul sind oder sich nicht vertieft mit dem Lernstoff auseinandersetzen. Daher ist die Kernfrage eine ganz andere: Wenn sich die Studierenden ihr Wissen nicht in den Präsenzveranstaltungen aneignen, wo, wann und wie lernen sie dann? Und wodurch können wir sie dabei unterstützen?

Erste Anhaltspunkte zur Beantwortung dieser wirklich spannenden Fragen erhielten wir durch Aussagen unserer Studierenden in Veranstaltungen. Diese wussten immer erstaunlich gut darüber Bescheid, was und vor allem auf welche Art und Weise Sachverhalte in den jeweiligen Parallelveranstaltungen von unterschiedlichen Dozierenden erklärt wurden.

Was wir dann herausfanden, hat uns wirklich erstaunt: Studierende legen für viele Veranstaltungen direkt Facebook-Gruppen an. Diese sind bemerkenswert gut organisiert: So gibt es beispielsweise in diesen Gruppen Studierende, die täglich einmal in der universitätsinternen E-Learning-Umgebung nachschauen, ob neue Dokumente eingestellt worden sind. Diese laden sie dann direkt in die verbundene Cloud und informieren ihre Kommilitonen.

Überraschend ist auch die Vielfalt der ergänzenden Materialien, Erklärungen und Videos, die innerhalb der Gruppen von verschiedenen Studierenden bereitgestellt wird. Aber richtig verblüfft hat uns, wie intensiv und auf welch hohem Niveau in diesen Gruppen veranstaltungsbezogene Fragen und Themen diskutiert werden. Und das ist gerade bei statistischen oder forschungsmethodischen Fragestellungen keineswegs einfach.

Um mehr zu erfahren, haben wir eine Befragung an der Universität zu Köln durchgeführt und von 1.400 Studierenden Angaben erhalten. Hier zeigt sich, dass Studierende im Durchschnitt – auch während der Semesterferien – schon deutlich mehr als eine gute Viertelstunde pro Tag auf Facebook für studienrelevante Zwecke verbringen. Tendenz steigend. 84 Prozent dieser Studierenden wünschen sich verstärkt Onlineangebote zur flexibleren Studiengestaltung, 55 Prozent sind auch Onlineprüfungen gegenüber nicht abgeneigt. Ein Drittel der Studierenden sieht sogar das Zukunftsszenario, dass es im Jahr 2025 keine Präsenzveranstaltungen mehr geben könnte, als durchaus positiv.

In einer vertiefenden Befragung von knapp 500 Studierenden konnten wir herausfinden, dass bereits 80 Prozent der Befragten Mitglieder in studienrelevanten Facebook-Gruppen sind. Der Nutzen von Facebook gegenüber der universitären Lernplattform wird vor allem darin gesehen, dass Fragen zu Lerninhalten und Hausaufgaben diskutiert werden können und das zu einem besseren Verständnis des Lernstoffes führe. Hierzu wünschen sich sogar 40 Prozent der Studierenden die Mitgliedschaft von universitären Mitarbeitern in diesen Gruppen, um fachlich korrekte Informationen zu erhalten.