Der Dozent Michael Wrase hält eine Abschaffung des Examens für unrealistisch, fordert aber eine Reform. Studenten sollten sich etwa auch mit Philosophie beschäftigen.

In dieser Woche beschäftigen wir uns in einem Schwerpunkt mit der Frage, ob das Jura-Studium reformiert werden muss. Lesen Sie hier ein Plädoyer gegen das Jura-Examen, hier die Geschichte einer Studentin, die das Erste Staatsexamen nicht schaffte und im Folgenden ein Interview:

ZEIT ONLINE: Herr Wrase, das Jurastudium ist sehr breit angelegt. Es gibt zwar die Spezialisierung im Schwerpunktbereich, aber spätestens zum Examen müssen Studenten Kenntnisse aus allen Rechtsgebieten vorweisen. Ist diese Ausbildung zum Volljuristen noch zeitgemäß?

Michael Wrase: Man kann niemanden mehr juristisch ausbilden, der am Ende alles weiß. Dafür sind die Rechtsgebiete heutzutage zu ausdifferenziert. Die Frage ist, was mit Volljurist gemeint ist. Ich verstehe darunter jemanden, der es versteht, sich in die relevanten Materien einzuarbeiten und der ein grundlegendes Verständnis davon hat, was eigentlich Recht als gesellschaftliches Phänomen ist. Wer das hat, sollte später auch in der Lage sein, in den verschiedensten Bereichen des Rechts zu arbeiten.

ZEIT ONLINE: Das Staatsexamen hat also nicht ausgedient?

Wrase (lacht): Ich bin da Realist und sehe momentan überhaupt keine Tendenz zur Veränderung. Das Staatsexamen hat außerdem eine disziplinierende Wirkung, Studierende arbeiten wirklich an konkreten Fällen. Auf diese Technik sollte man nicht verzichten.

ZEIT ONLINE: Durch die Uni fühlen sich die meisten Studenten nicht ausreichend auf das Examen vorbereitet. Deshalb besuchen sie dann noch ein kommerzielles Repetitorium. Ein Problem der universitären Ausbildung oder des Examens?

Wrase: Wahrscheinlich beides. Eigentlich soll natürlich die Uni die Ausbildung leisten und nicht der private Repetitor. Studierende aus anderen Studiengängen schauen mit ziemlich großen Augen darauf, dass Jurastudierende nach wie vor an der Uni offensichtlich nicht das Rüstzeug bekommen, ihre Abschlussprüfungen abzulegen.

Während meiner Vorlesungen habe ich mich bemüht, auch auf die Bedürfnisse der Studenten einzugehen, den Stoff für sie zugänglicher zu machen. Aber in einem Vorlesungssaal mit vielen Studierenden klappt das oft nicht. Es wäre sinnvoller, weniger Vorlesungen und dafür mehr Arbeit in Kleingruppen zu haben, bei der die Studierenden systematisch angeleitet werden. Das ist meines Erachtens auch an einer großen Universität möglich. Hier können wir von Vorbildern wie Oxford lernen.

Das Repetitorium ist eine Folge von Problemen, die schon seit Jahrzehnten bestehen, ja seit über einem Jahrhundert sogar. Auch in meinen Vorlesungen habe ich damals nicht anwendungsbezogen gelernt. Erst als wir uns in der privaten Arbeitsgruppe vorbereitet haben, sind mir die Zusammenhänge klar geworden.

ZEIT ONLINE: Es gibt immer wieder Überlegungen, das Jurastudium zum Bachelorstudiengang umzubauen. Eine sinnvolle Idee, um das System zu reformieren?

Wrase: Diese Bachelor-Studiengänge gibt es ja teilweise schon. Ich sehe dort das Problem, dass man nach dem Rechtsdienstleistungsgesetz nicht die Erlaubnis bekommen wird, allgemeine Rechtsberatung zu erteilen. Dagegen werden die Anwaltschaft und vielleicht auch die Universitätsprofessoren Einwände haben. Man ist hier in Deutschland in diesem Punkt zu strikt und zu sehr auf das Staatsexamen konzentriert.

Ich würde mir wünschen, die Universitätsprüfung und das Staatsexamen zu kombinieren: eine breitere Ausrichtung des Studiums und dann eine Staatsprüfung in besonders wichtigen oder speziellen Gebieten des Rechts. Das ist ja eigentlich der Ansatz des Schwerpunkts gewesen. Allerdings wird das an vielen Universitäten nicht so richtig genutzt, da werden dann Spezialfragen der Rechtsdogmatik behandelt, statt das Recht im Kontext zu betrachten – ich denke an Ökonomie, Soziologie, Philosophie, Gender Studies und andere interdisziplinäre Bezüge, wie es international inzwischen üblich ist. Eine rein dogmatische Ausrichtung der Schwerpunkte ist nicht das, was mit der Reform bezweckt war.

"Mit Blick auf Grundrechte, Gleichheit und Diskriminierung"

ZEIT ONLINE: Inwiefern eine breitere Ausrichtung des Studiums?

Wrase: Studierende sollen die Möglichkeit haben, sich in Bereiche einzuarbeiten, die sie interessieren. Unabhängig davon, ob sie später in diese Richtung gehen. Wenn Sie zum Beispiel Sozialrecht machen, kann Ihnen das sicherlich auch dann nicht geschadet haben, wenn Sie später doch in den Bereich der Wirtschaft gehen. Es hilft, einfach mal detailliert in einen Bereich reingeschaut zu haben. Die meisten, die später in der Praxis tätig sind, müssen sich ohnehin in ganz andere Rechtsgebiete einarbeiten, als sie im Studium gelehrt werden.

Der große Vorteil des deutschen Studiums ist, dass man das Grundhandwerkszeug dafür gelernt hat. Wer eine Klausur ordentlich lösen kann, ist später ganz gut vorbereitet, wenn er oder sie dann einen Fall vor sich hat. Wie strukturiere ich den jetzt, was ist die Ausgangsfrage? Auch international ist sehr angesehen, dass deutsche Juristen sehr strukturiert arbeiten. Das können sie im Studium auch in einzelnen Bereichen exemplarisch üben. Es gibt außerdem Bereiche, die werden bei uns ganz ausgeblendet. Das hat auch der Wissenschaftsrat festgestellt. Was hat das Recht eigentlich für Auswirkungen? Was wissen wir eigentlich darüber, wie es tatsächlich angewendet wird und welche Konsequenzen, auch gesellschaftlicher Natur, sich daraus ergeben? Diese Fragen werden international viel stärker betont.

ZEIT ONLINE: Sie meinen also, das Studium soll über den Bereich des unmittelbar anwendbaren Rechts hinausgehen und Rechtsgeschichte, Rechtsphilosophie, in ihrem Fall Rechtssoziologie ausführlicher behandeln?

Wrase: Ja, ich wünsche mir, dass Studierende auch etwas über ihren eigenen Tellerrand hinausblicken. Wenn ich beispielsweise Verfassungsrecht mache, sollte ich vergleichen, wie andere Länder das machen. Welcher sozialen oder gesellschaftlichen Voraussetzungen bedarf es, damit so eine Verfassung überhaupt funktioniert? Da kann ich mir zum Beispiel auch Staaten anschauen, in denen Verfassungen nur auf dem Papier existieren. Solche grundsätzlichen Fragen sind ja mit Blick auf die Grundrechte, Gleichheit und Diskriminierung ganz wichtig. Aber sie werden an deutschen Universitäten zu selten gestellt.