Wir zahlen tausend Euro für Konferenzen, auf denen wir Vorträge halten, und pflegen die Zahl unserer Veröffentlichungen. Das alles für den Lebenslauf. Schluss damit!

Dieser Text ist eine Antwort auf Bernhard Pörksens Debattenbeitrag "Wo seid ihr, Professoren?", der in der ZEIT erschienen ist. Wir werden diese Diskussion als Serie auf ZEIT ONLINE und in der ZEIT weiterführen. Schicken Sie uns Ihre Manuskripte an professoren@zeit.de. Die besten werden wir veröffentlichen.  

Wissenschaftspolitik braucht Kennzahlen – das verstehe ich. Wie sonst sollen Nicht-Fachleute den Wert der Leistungen in hochspezialisierten Wissenschaftsfeldern bewerten, um Forschungsmittel zu kanalisieren und die allseits angestrebte Fokussierung, Bündelung von Kompetenzen und Entstehung regionaler Exzellenzzentren zu fördern ­– oder zu erzwingen. Ob die Hoffnung, die Effizienz des wissenschaftlichen Outputs zu steigern, realistisch ist, sei dahin gestellt und soll hier nicht mein Thema sein.

Zu beobachten ist in jedem Fall seit vielen Jahren ein Meer aus Kennzahlen und Bewertungsziffern, die – passend oder unpassend – immer dann aus der Schublade gezogen werden, wenn es darum geht, zu beurteilen, ob ein Wissenschaftler erfolgreich agiert oder nicht. Als Hochschullehrer, der bei wegbrechender Grundfinanzierung an einer deutschen Universität noch so etwas wie "freie" Forschung betreiben will, wird man immer öfter gezwungen, solchen Kennzahlen hinterherzuhecheln wie der ausgehungerte Straßenköter hinter der Wurstpelle. Egal ob die Zahl der Veröffentlichungen, eingeladenen Vorträge, Mitarbeit in Programmkomitees, H-Index, Zitationen, Drittmitteleinwerbungen, citation index von Journalen oder was auch immer hier in immer kürzer werdenden Abständen von allen möglichen Seiten abgefragt wird.  

Wir laufen Gefahr, einer zunehmenden Kommerzialisierung zum Opfer zu fallen. Als Wissenschaftler müssen wir heutzutage nicht nur die Mittel und Zeit auftreiben, die es uns erlauben, die Forschungsarbeiten voranzubringen, die in unserem Interessensfeld liegen – also Doktoranden und Nachwuchswissenschaftler sowie Experimente und Infrastruktur zu finanzieren. Um einigermaßen konkurrenzfähig zu bleiben, benötigen wir immer mehr Mittel für PR-Maßnahmen. Längst hat sich die Rolle von Veröffentlichungen und Konferenzteilnahmen fundamental gewandelt. Ging es früher vornehmlich um den wissenschaftlichen Austausch, steht heute das schnöde Marketing und das Aufhübschen des CV im Vordergrund. 

Gleichzeitig werden Journale, Messe- und Tagungsorganisation immer öfter professionalisiert und kommerzialisiert. Hier hat sich zwischenzeitlich ein "billion dollar business" entwickelt. Es gründet sich auf der Notwendigkeit zur Profilierung und natürlich der Eitelkeit der beteiligten Wissenschaftler, erzwungen durch Unterfinanzierung. Interessanterweise lassen wir alle uns von diesem System in doppeltem Maße ausnutzen: Nicht nur zahlen wir immer höhere Summen dafür, dass unsere Artikel in den einschlägigen Journalen veröffentlicht werden, sondern wir sind als ehrenamtliche Helfer (Editoren, Guest Editoren, Peer Reviewer) auch an entscheidender Stelle beteiligt daran, diese Veröffentlichungen mit einer gewissen Seriosität auszustatten. Klar, denn auch "Gutachter-, Editoren-, oder gar Herausgebertätigkeit" sind beliebte Kennzahlen, die sich gut auf dem CV machen, und nach denen wir bewertet und manchmal auch bezahlt werden. 

Das Geld mit den Tagungen und Journalen, die wir auf diese Weise nicht nur mit dem Stoff zum Drucken und Veröffentlichen versorgen, sondern auch unterhalten, verdienen andere. Wie kann es sein, dass ich als "eingeladener" Redner auf einer renommierten internationalen Fachtagung ohne lange zu zögern 1.000 Euro (und damit bin ich sicher auf einer "billigen" Tagung) Beitrag dafür zahle, das Programm mit meinem Vortrag maßgeblich mitzugestalten und (hoffentlich) attraktiv zu machen? 

Warum werden Tagungsprogramme heute zu einem Großteil mit eingeladenen Vorträgen bestritten? Als ich meine ersten Schritte auf der internationalen Wissenschaftsbühne unternahm, wurde eine drei- bis viertägige Tagung mit fünf bis sechs eingeladenen Vortragenden und 80 "contributed" Beiträgen durchgeführt! Warum wundert sich niemand, wenn er 1.000 Euro dafür zahlen soll, dass er seine Forschungsergebnisse in einem Journal veröffentlichen darf, für das er oder sie gleichzeitig in immer kürzer werdenden Abständen ehrenamtlich Gutachten erstellt, um die Qualität der Veröffentlichungen sicher zu stellen? Oder nur deren Schein? Das Geld verdienen andere – auch wenn es als Forschungsförderung zu einem großen Teil aus der öffentlichen Hand kommt. Bei genauerem Hinsehen erinnert das System in fataler Weise an das System des internationalen Leistungssports, in dem Athleten an ihre Leistungsgrenzen gehen und ihre Gesundheit riskieren, damit eine um ein Vielfaches größere Anzahl an Funktionären als Begleittross durchs Land ziehen und Reisen zu internationalen Events machen kann.