Warum äußern sich Dozenten nicht in öffentlichen Debatten? Unser Autor sagt: Wer keine Einheitsmeinung hat, wird zur Hochschulleitung zitiert.

Neuer Kalter Krieg, Europa in der Krise, Flüchtlingsdrama – warum äußern sich dazu so wenige Professoren in der Öffentlichkeit? Der Medienwissenschaftler Bernhard Pörksen, 46, führte dies unter der Frage "Wo seid ihr, Professoren?" (ZEIT Nr. 31) auf Fehlanreize in der Wissenschaft zurück. Die Debatte setzt sich in den CHANCEN und online fort. Texte unter: www.zeit.de/professoren.

Okay, man muss nicht Professor sein, um sich zu gesellschaftlichen Missständen zu äußern oder in die aktuelle Politik einzumischen. Siehe Til Schweiger, um nur das jüngste Beispiel zu nennen. Auch Sportler und Ex-Sportler, Schauspieler oder Bundesrichter, ehemalige IBM-CEOs oder Altbundeskanzler können mit dezidierten Stellungnahmen und aufrüttelnden Appellen zur öffentlichen Meinungsbildung produktiv beitragen.

Man muss umgekehrt auch nicht von jedem Professor denken, dass er superkritische Gedanken oder superinnovative Ideen mit sich herumträgt. Wer den akademischen Betrieb ein bisschen kennt, für den relativieren sich derartige Erwartungen. Aber – und hier würde ich dem Kollegen Pörksen recht geben – es ist schon verwunderlich, dass sich aus der Wissenschaft heutzutage eher selten eine Stimme zur geistigen Situation der Zeit oder zur real existierenden Gesellschaftsordnung äußert.

Warum ist das so?

Bernhard Pörksen hat ein paar sehr treffende Beobachtungen dazu notiert, die alle mehr oder weniger um das System falscher Anreize kreisen. Das Beförderungs-und Belohnungssystem, das auf Zitationsindices und Drittmittelakquise baut, trockne die ernsthaften und die tiefschürfenden sozialwissenschaftlichen Anstrengungen aus, die auch mal unerschrocken Neuland skizzieren. Kognitionsökonomisch gedeihe im heutigen Wissenschaftssystem weder der große Wurf noch die gewagte Polemik und schon gar nicht die öffentliche Einmischung.

Doch die stromlinienförmige Zurichtung der Forschungsprogramme der Wissenschaft durch bibliometrische und finanzstatistische Forschungsbewertung ist nur das eine Problem.

Es gibt, möglicherweise als Kollateralschaden des Ranking- und Profilierungsimperativs, offenbar auch eine neue Konformismuserwartung vonseiten der Hochschulleitungen. Jedenfalls legen das interne Berichte nahe, die davon handeln, dass Rektoren ihre Professoren zum Rapport einbestellen, wenn sie sich öffentlich nicht ganz im Sinne der Hochschulleitung geäußert haben.

Sie sagen: "Ich will hier nicht die dienstrechtliche Karte ziehen" – um dann aber umso deutlicher nahezulegen, dass sich ein Professor doch in der Öffentlichkeit bitte nicht zu Hochschulangelegenheiten zu äußern hätte. Das sei allein Sache des Rektorats.

Anlässe können schon harmlose Kolumnen über die Qualität des Mensaessens sein oder öffentliche Einmischungen in Zeiten der Schweinegrippe-Hysterie, wo manches Rektorat allen Hochschulangehörigen die Impfung nachdrücklich empfohlen hatte. Wer hier Zweifel anmeldete, wurde schnell als unverantwortlicher Querulant in die Schranken gewiesen. Inzwischen wissen wir, welche Einschätzung die zutreffendere war.