Ein Finne bewundert die deutsche Effizienz. Bis er an der Uni die Quellen seiner Arbeit auf CD abgeben muss und einfachste Klausuren unter maximalem Zeitdruck schreibt.

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Falls Sie auch als Auslandsstudent in Deutschland studiert haben und uns Ihre Geschichte erzählen möchten, schicken Sie Ihren Text an leser-studium@zeit.de.

Als Juuso Nisula nach Deutschland zog, dachte er an Effizienz nahe der Perfektion. Dann begann er, an der Uni Köln einen Betriebswirtschaftsmaster zu studieren. Statt Effizienz fand er Vorlesungen, die aus einem anderthalbstündigen Monolog bestanden, ein Prüfungsamt, das Klausuren in die Karnevalstage legte, und Dozenten, die Hausarbeiten nur auf Papier entgegennahmen. In seinem Blog zieht Nisula ein ernüchterndes Fazit: "Studiert nicht in Deutschland."   

Dort beschreibt er Probleme, die sich erst einmal auf die Uni Köln und seine Fakultät beziehen, die aber vielen Studenten aller deutschen Hochschulen bekannt vorkommen dürften. Und er hat auch gleich Verbesserungsvorschläge. Denn, so schreibt er: "Den Ideen Tausender Studenten, die 'zukünftige Elite', wie sie oft genannt werden, nicht zuzuhören, das wäre meine persönliche Definition von Wahnsinn." Hier sein Text: 

1) Die Pädagogik – beziehungsweise der Mangel daran

Die Universität zu Köln wurde 1388 gegründet ­– die pädagogischen Methoden scheinen ebenfalls aus dem Mittelalter zu stammen. Zu einem Modul gehört normalerweise eine Vorlesung – also ein anderthalbstündiger Monolog – und eine Übung. Diese besteht auch daraus, dass die Studenten einem Monolog lauschen, bloß müssen sie diesmal alles mitschreiben. Konzentriert man sich kurz nicht, verpasst man zwei Zeilen der Rechnung und kann sie nicht mehr lösen. Man schreibt also die handschriftlichen Notizen des Dozenten mit der Hand ab, um ein paar Monate später zu versuchen, die Hieroglyphen zu entziffern.  

Die Lösung:

Stellt die Lösungen ins Internet! So hätte der Dozent viel mehr Zeit, die Aufgaben zu besprechen. Momentan haben die Übungen keinerlei Wert, abgesehen von den richtigen Lösungen. Wer einen Freund mit Scanner hat, hat keinen Grund hinzugehen.   

2) Die Klausuren

Ich habe hier zehn Kurse mit jeweils sechs Credit Points belegt. Bis auf zwei Ausnahmen musste ich dafür ausschließlich Klausuren schreiben. Es gab ein Seminar, das uns auf die Abschlussarbeit vorbereitet, und einen Kurs, in dem wir eine Hausaufgabe bekommen haben, die fünf Prozent der Note ausgemacht hat. Es gab keine Fallbeispiele, keine Präsentationen, keine Essays, keine Lerntagebücher, kein Grübeln, keine Kritik, kein unabhängiges Denken und kein Feedback. Mit anderen Worten: keine akademische oder persönliche Weiterentwicklung. Es geht nur darum, in den Tagen vor der Klausur alles verzweifelt auswendig zu lernen, nur um es dann eine Woche später wieder zu vergessen. Vergleicht man das mit anderen Universitäten, weiß man nicht, ob man lachen oder weinen soll.   

Die Lösung:

Wie Lawrence Krauss, einer der Vordenker der Wissenschaft und Bildung, schon sagte: "Tests bedeuten, den Studenten beizubringen, wie man Tests besteht." Sie haben oft nichts mit den Problemen zu tun, mit denen Studenten zehn Jahre später konfrontiert sein werden – Probleme, auf die sie die Uni eigentlich hätte vorbereiten sollen. 

Tut uns doch einen Gefallen: Bringt uns etwas bei. Gebt den Studenten Hausaufgaben, damit sie schon während des Semesters lernen. Lasst uns Aufsätze über das große Ganze schreiben. Lasst uns die Methoden und Theorien praktisch anwenden. So lernen wir wirklich etwas und vergessen es nach den Klausuren hoffentlich nicht sofort wieder. Wenn ihr euch nicht sicher seid, wie man das machen kann, dann schaut euch mal Yale, MIT oder UCLA an, oder meine alten Universitäten Aalto und Fudan.  

3) Die Klausurfragen

Du hast vergessen, die Finger vor der Klausur gut zu dehnen? Oh oh, das wird dir eine Lehre sein. Denn in Köln sind Klausuren ein Rennen gegen die Zeit. Man hat meist 60 Minuten für 20 Fragen. Es geht nicht darum, das Verständnis zu testen, sondern einzig und allein darum, eine lächerliche Menge einfacher Fragen in begrenzter Zeit zu beantworten.  

In einer Klausur musste ich dieselbe Aufgabe mit verschiedenen Zahlen fünf Mal hintereinander rechnen – als ob mich schon das zweite Mal noch auf irgendeine Weise sinnvoll testen würde. Wer auf dem Taschenrechner einen Fehler macht, korrigiert ihn besser nicht. Lieber weitermachen, um mehr Punkte im Rest der Klausur zu sammeln. 

Solche Klausuren zwingen die Studenten quasi dazu, alles nur auswendig zu lernen. Es wird kein Wert darauf gelegt, das Thema wirklich zu verstehen. Als ob wir im Arbeitsleben jedes Problem im Voraus geübt hätten. Als ob es wichtiger wäre, Fakten auswendig zu kennen, als ein Konzept zu verstehen – vor allem in einer Zeit, in der man alles online herausfinden kann. 

Die Lösung:

Fragt das relevante Zeug ab: Fragt ab, ob wir das Thema verstehen, stellt uns vor eine Herausforderung! Aber macht es nicht künstlich kompliziert, indem ihr die Zeit auf 60 Minuten begrenzt. Ich hätte lieber Klausuren, die Stunden dauern und mich ans Limit meiner kognitiven Fähigkeiten bringen. Das wäre viel bereichernder, als eure Klausuren, die wie überladene Schularbeiten wirken.   

Ausweise, Prüfungsamt, Technik und weitere Probleme mit Lösungsvorschlägen

4) Ausweise, Karten, was es nicht alles gibt

Hat da jemand Bürokratie gesagt? Hier, bitte: Jeder in Köln hat einen Studentenausweis. Und zwar keine richtige Karte, sondern ein Stück Papier, das du während deiner sechsmonatigen Gültigkeit wahrscheinlich zerreißen wirst. Oh, aber laminieren darfst du es auch nicht, dann funktioniert das Hologramm nicht mehr. Auf dem Ausweis ist kein Foto, deshalb brauchst du zusätzlich noch deinen Personalausweis. Dann ist da noch die Mensa-Karte, die Bibliothekskarte und die Kopierkarte für die Bibliothek. Da du vermutlich auch noch Klausuren schreibst, braucht du auch noch einen Prüfungsausweis.   

Die Lösung:

Was gibt es schöneres, als Geld und Nerven zu sparen, indem man Bürokratie reduziert? Führt eine Studentenkarte ein, die überall funktioniert! Man könnte sie mit seiner Kreditkarte verbinden, mit dem Smartphone oder sogar mit dem Fingerabdruck. Um fair zu sein: Im nächsten Semester macht die Uni genau das und die Studenten bekommen endlich eine Karte für alles.  

5) Das Prüfungsamt

Das Prüfungsamt ist das Büro, das die Klausuren organisiert. Dort arbeiten die Leute, die alle deine Klausuren in die Woche nach Karneval legen, obwohl die Klausurenphase einen Monat lang ist. Dort arbeiten die Leute, die dir ins Gesicht blicken und "Nicht mein Problem" sagen, wenn du um Rat bittest. Dort arbeiten die Leute, die verlangen, dass du alles pünktlich abgibst und dann selbst alle Fristen verpassen. Das Prüfungsamt weigert sich, E-Mails zu schreiben, was seine Einstellung zu den Studenten perfekt beschreibt. Wäre ich noch in China, ich würde denken, die Partei hätte Arbeitsplätze schaffen wollen und dafür eine zusätzliche Abteilung geschaffen. 

Die Lösung:

Alles, was ich schon über Geld, Nerven und Bürokratie geschrieben habe, trifft auch hier zu. Schafft das Prüfungsamt bitte einfach ab. So läuft es überall anderswo und dort läuft es besser. Wenn ihr das Amt behaltet, bringt es wenigstens dazu, Mails zu schreiben.   

6) Die Technik

Die Uni Köln hat verschiedene Onlinesysteme, um den Studenten beim Studieren zu helfen. Es ist ein absolutes Chaos. Wenn du weißt, was du suchst, aber nicht, wo du es findest, dann wirst du es niemals finden. Das gilt besonders, wenn du nicht fließend Deutsch sprichst: Klickt man auf einen englischen Link, kommt man meistens auf eine deutsche Website. Meine Hausarbeit musste ich auf Papier anstatt als PDF-Datei einreichen. Noch schlimmer: Alle Quellen musste ich auf eine CD brennen! Ich meine, wer hat überhaupt noch einen Computer, der diese Dinger lesen kann? Was kommt als nächstes, Disketten?   

Die Lösung:

Ich schlage ja gerne billige Lösungen vor. Aber das in Ordnung zu bringen, wird teuer. Wenn ihr es macht, holt euch Benutzer-Feedback. Und übersetzt die verdammte Seite. Und noch mal zurück zu den CDs – wenn ihr die Lösung dafür im Jahr 2015 noch nicht kennt, dann solltet ihr nicht in einer höheren Bildungseinrichtung arbeiten.  

7) Die Räumlichkeiten

Es gibt keine Räume, die man rund um die Uhr nutzen kann. Die Uni bietet wenig Platz für Arbeitsgruppen und praktisch keine Computer. Das spiegelt eigentlich auch nur die überholten Lernmethoden und das Desinteresse an den Studenten wider. Die einzigen Arbeitsplätze, die sonntags zugänglich sind, befinden sich in der Bibliothek und reichen für die Vielzahl der Studenten bei Weitem nicht aus. Auch Steckdosen gibt es selten und Snacks sind verboten. Ausgerechnet wenn die Vorlesungszeit endet und die Leute anfangen, frenetisch für die Klausuren zu lernen, reduziert die Uni die Arbeitsplätze noch.   

Die Lösung:

Wisst ihr noch, die Studentenkarte, die ich erwähnt habe? Wie wäre es, damit rund um die Uhr Zutritt zu den Gebäuden zu erlauben? So funktioniert es zumindest an anderen Universitäten – ohne zusätzliche Kosten.  

8) Die Kommunikation

Kommunikation? Gibt es nicht. Zwei Wochen vor dem neuen Semester weiß man weder, welche Kurse es geben wird, noch kennt man seine Klausurnoten aus den vergangenen Monaten. Ich habe meine Noten vom Februar im Mai bekommen! Zwei meiner Kurse wurden plötzlich gestrichen, weil die Professorin schwanger wurde. Mein Studium war offiziell auf Englisch, aber plötzlich fand eine Pflichtveranstaltung nur auf Deutsch statt. Ich habe Glück und spreche die Sprache, aber gnade Gott denen, die das nicht tun. 

Die Lösung:

Hört auf, die Existenz von Kommunikation zu vergessen. Bitte teilt uns die wichtigen Informationen pünktlich mit, das macht allen das Leben einfacher. Bitte, bitte.

Übersetzt aus dem Englischen von Alica Müller

Das sagt die Uni Köln

Eine Stellungnahme von Gudrun Gersmann, Prorektorin für Internationales:

Zuerst einmal: Es ist wichtig, wenn unsere Studierenden uns sagen, was ihnen nicht gefällt. 50.000 junge Menschen sind unser Kapital. Sie geben uns immer wieder Hinweise darauf, was wir verbessern können.  

Wenn jemand, wie unser finnischer Gast, den Blick über den Tellerrand geworfen hat, umso besser! Wir können immer von anderen Hochschulen lernen. Wir alle, nicht nur die Studierenden, haben uns einer lebenslangen Weiterentwicklung verpflichtet. Wir sind eine lernende Kultur. Aber konkret:   

Juuso Nisula kritisiert die Art, wie im Master Degree Programm Inhalte vermittelt werden, Stichwort Pädagogik.    

Good News: Wir werden ab dem kommenden Semester mehr Seminare anbieten, auch die Anzahl der englischsprachigen Angebote wird ausgedehnt. Und, ja, über die Ästhetik von E-Learning Plattformen kann man streiten, aber unsere Infos sind alle im Netz abrufbar. Videos, Powerpoint-Folien und Texte. Und wir bauen auch hier aus: Vielen ist schon aufgefallen, dass wir Kameras in den Hörsälen montiert haben. Damit werden künftig Vorlesungen mitgeschnitten und blitzschnell ins Netz gestellt.   

Papierausweis? Ist bald vorbei, hat Juuso Nisula schon angedeutet und es stimmt, den Papierausweis schaffen wir ab, nächstes Jahr gibt's die UCCard. Alles digital und der Vorläufer eines komplexen Campusmanagement-Systems, über das man seinen Studiengang komplett organisieren kann.   

Apropos Technologie. Wenn Juuso Nisula jetzt unsere neuen Websites aufruft, dann sieht er, wir haben ein internationales Portal aufgebaut – durchgehend auf Deutsch und Englisch mit Wegweisern durch das Studium, zu unseren Berater/inne/n und Tipps für das Leben in Köln.   

Wir kommunizieren, allerdings braucht es bei einer so großen Institution manchmal etwas länger. Juuso Nisula verweist auf andere Unis, die schneller und großzügiger ausgestattet seien als wir. Aber mal ehrlich. Das sind entweder privat finanzierte Institutionen oder Hochschulen, die über ein Vielfaches der Mittel verfügen, die wir hier in Deutschland haben. Wir heißen Studierende aus aller Welt willkommen und sind eines der wenigen Länder, welches eine anerkannte Ausbildung OHNE Studiengebühren anbietet. Das sollte man an dieser Stelle auch einmal erwähnen.