Präpkurs an der HU Berlin © Siewert Falko/dpa

Da liegt sie. Ihre Haut ist fahl, die Glieder sind steif. Puls? Fehlanzeige. Eigentlich ist hier nichts mehr zu machen. Dario Markovic und Jan Zoske haben trotzdem alle Hände voll zu tun. Die zierliche 93-Jährige vor ihnen auf dem Tisch ist im Frühling 2015 gestorben und damit so wenig Patientin, wie die beiden jungen Männer Ärzte sind. Zahnmedizin, drittes Semester, Anatomiekurs. Mehrmals pro Woche stehen Markovic und Zoske im 14 Grad kühlen Präpariersaal der Charité, unweit des Bettenturms in Mitte. Vor vier Monaten haben sie den ersten Schnitt gesetzt. "Anfangs war ich zaghaft", sagt Dario Markovic. Aber kneifen gilt nicht.

Im Physikum, der ersten großen Prüfung im Medizinstudium, wird anhand einer Leiche auch die Anatomie abgefragt. Um zu bestehen, müssen die Studierenden Hautschichten säuberlich voneinander trennen. Dann sind die Blutgefäße dran, die Nerven, das Bindegewebe, Muskeln, die Organe im Oberkörper, schließlich der Kopf. "Es ist gewöhnungsbedürftig, aber schwierig ist es nicht", sagt Jan Zoske. Eine wesentlich größere Herausforderung ist der Lernstoff. Durch was wird die fossa pterygopalatina begrenzt? Wie verläuft die Pyramidenbahn?

Die beiden Anfang-20-Jährigen studieren die ältere Dame im Präpkurs genau. Wer sie war, wissen sie aber nicht. Der Persönlichkeitsschutz gehört zum Prinzip der Körperspende. Das nützt auch den Studierenden, sagt Martina Plaschke. "Wie bei lebenden Patienten ist eine gewisse Distanz gut für die Arbeit." Die Anatomin arbeitet seit 37 Jahren am Institut, Hunderte Körper hat sie im Laufe der Zeit präpariert. "Jede Leiche ist spannend", sagt Plaschke und schwärmt von gewaltigen Aneurysmen und einem Magen, der hinter dem Herz lag.

Was werden Martina Plaschke und ihre Studierenden finden, wenn sie eines Tages den Körper von Birgit Fitz öffnen? "Die Frage ist, was sie nicht finden. Bis auf die Niere ist alles angegriffen oder kaputt", sagt die 54-Jährige, die eigentlich anders heißt. Sie ist eine von knapp 3.000 Spendern in der Charité-Kartei und könnte jederzeit in der Anatomie eingeliefert werden. Die Frührentnerin hat Rheuma und das Sjögren-Syndrom, durch das ihr Körper langsam austrocknet. Ständig muss sie etwas trinken, ihre Stimme klingt rau. Hinzu kommt Fibromyalgie, ein rätselhaftes Syndrom, dessen Ursachen kaum erforscht sind. Therapiemöglichkeiten gibt es nicht, die Schmerzen lindert Birgit Fitz mit einem täglichen Tablettencocktail, durch den sie aufschwemmt. Seit 2008 Jahren besitzt sie eine kleine lindgrüne Karte, die sie als Körperspenderin ausweist.