Stipendiensystem "Der Ausbau des BAföG ist wichtiger"

An den Plänen von CDU und FDP für ein nationales Stipendiensystem wird Kritik laut: Es verstärke die soziale Auslese. Kritiker wollen lieber das BAföG gestärkt sehen.

Kritiker befürchten, das geplante Stipendienprogramm führe zu sozialer Auslese

Kritiker befürchten, das geplante Stipendienprogramm führe zu sozialer Auslese

Berlins Wissenschaftssenator Jürgen Zöllner (SPD) hat Widerstand gegen das von der schwarz-gelben Koalition geplante nationale Stipendiensystem angekündigt. Das Stipendiensystem sei in vielen Punkten "problematisch", sagte Zöllner dem Tagesspiegel auf Anfrage. Zwar habe er nichts gegen mehr Begabtenstipendien. Das für die Stipendien aufgewendete Geld werde künftig jedoch bei der Finanzierung des BAföGs fehlen. "Die Weiterentwicklung des BAföGs ist für das deutsche Wissenschaftssystem aber wichtiger als das Stipendiensystem", sagte Zöllner – denn durch das nach sozialen Kriterien vergebene BAföG würden die Studierenden erreicht, die eine finanzielle Unterstützung im Studium wirklich bräuchten. Als Antwort auf das Stipendiensystem habe Berlin jetzt mit Rheinland-Pfalz und Bremen einen Antrag im Bundesrat eingebracht, der eine Weiterentwicklung des BAföGs fordert.

CDU und FDP haben sich bei ihren Koalitionsverhandlungen im Bund auf die Einführung eines nationalen Stipendiensystems geeinigt. Das Programm sieht vor, dass die besten Studierenden 300 Euro im Monat bekommen. Dafür werden rund 450 Millionen Euro veranschlagt. 225 Millionen Euro teilen sich Bund und Länder, die andere Hälfte soll die Wirtschaft zahlen. Vorgesehen ist, dass die Hochschulen selber auf Firmen zugehen, um Stipendien einzuwerben. Unter diesen Umständen werde das Programm vor allem "reichen Bundesländern mit einer starken mittelständischen Wirtschaft helfen", kritisierte Zöllner.

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Es sei auch gar nicht einzusehen, dass der Staat die Wirtschaft bei der Finanzierung von Stipendien unterstütze. "Ich appelliere an die Wirtschaft, ein eigenes Stipendiensystem aufzubauen." Zöllner sagte, es sei zudem völlig unklar, wie die besten Studierenden ausgewählt werden sollten. Im schlimmsten Fall würde die Auswahl "Unfrieden säen".

Auch unter den Wissenschaftsministern der CDU-geführten Länder gibt es Vorbehalte gegen das Stipendiensystem. Im Rahmen der Kultusministerkonferenz in der vergangenen Woche stimmten Lutz Stratmann (Niedersachsen) und Jan-Hendrik Olbertz (Sachsen-Anhalt) Zöllner ausdrücklich zu, als dieser sich kritisch zum Stipendiensystem äußerte und eine Priorität für den Ausbau des BAföGs forderte. Damit wirtschaftsschwache Länder nicht benachteiligt werden, schlug Olbertz jetzt wie berichtet vor, die Wirtschaft solle einen nationalen Fonds zur Finanzierung der Stipendien einrichten.

Auch die Grünen im Bundestag kritisieren das Stipendiensystem. "Exklusive Stipendien für wenige dürfen nicht zulasten des BAföGs gehen, sonst wird die soziale Auslese verschärft", sagte Kai Gehring, hochschulpolitischer Sprecher der Grünen. Viele Fragen seien ungeklärt: etwa, welchen Einfluss Firmen auf die Studienwahl gewinnen und wie konjunkturabhängig die Stipendienvergabe sein wird. Studierendenvertreter vom Freien Zusammenschluss der Studierendenschaften (fzs) nannten die CDU/FDP-Pläne "eine dramatische Fehlentwicklung": "Bevor man die Förderung von Hochbegabten weiter ausbaut, muss erst einmal die Grundversorgung aller StudentInnen sichergestellt werden."

Tobias Rossmann von der Studierendenvertretung der Humboldt-Uni kritisierte, bei den Stipendien handle es sich "weniger um eine Unterstützung von Begabten als um die zusätzliche Förderung von Kindern aus wohlhabenden Familien". OECD-Studien zeigten, "dass vor allem in Deutschland der Grad der Bildung maßgeblich von der sozialen Herkunft abhängt".

In der Koalition selbst umstritten ist der Vorschlag, jedem Neugeborenen 150 Euro vom Staat auf ein Bildungskonto zu zahlen – als Grundlage für weiteres Bildungssparen der Eltern. Der SPD-Bundestagsabgeordnete Ernst Dieter Rossmann sieht darin zudem einen Einstieg in die "Privatisierung von Bildung": "Man darf die Bildungschancen von Kindern nicht abhängig machen vom Verhalten ihrer Eltern."

Welche Förderung gibt es und wie finde ich ein passendes Stipendium? Der ZEIT Stipendienführer gibt umfassenden Überblick.

 
Leser-Kommentare
  1. Vor 10 Jahren erhielt ich das letzte Mal BaföG. Ich erinnere mich, dass ich 43,50 DM monatlich bekam (meine Eltern sind beide ungelernte Fabrikarbeiter) und ich einen fast Vollzeitjob annehmen musste um mein Studium zu finanzieren, was mich zeitlich vollkommen aus der Bahn geworfern hat. Dagegen erhielt ein Komilitone von mir, den Vollsatz, da sein Zahnarztvater mit seinen Abschreibungsmöglichkeiten tricksen konnte. Und dies war kein Einzelfall.
    Als Immigrantenkind kann ich ein Lied über soziale Auslese singen. Ich hatte glücklicherweise durch eine angeborene starke Neugier keine Probleme die Schule zu meistern. Aber von meinen Eltern kam keine Unterstützung um meine geistigen Fähigkeiten zu entwickeln. Und dies ist nicht böse gemeint, da sie erstens nicht die Fähigkeiten besaßen und zweitens nach einem langen Schichtarbeitstag zu erschöpft dafür waren.
    Um später aber ein erfolgreiches Berufs- und Familienleben zu führen benötigt es vieler Eigenschaften die größtenteils nur durch Erziehung vermittelbar sind. Disziplin, Einfühlungsvermögen, Werte etc... Selbst bei Wohlbetuchten ist Kindererziehung ein schweres Unterfangen, bei Personengruppen die sozial unten stehen ein Ding der Unmöglichkeit.
    Ein solch weitentwickelter Staat wie Deutschland versagt in der Fürsorge seiner schwächsten Bürger. Anstatt mit Rat und Tat zur Seite zu stehen, legt er ihnen noch Steine in den Weg um die eigene "Brut" (und seien sie noch so große Versager) an die Futtertöpfe zu führen.

  2. Der Minister nimmt flüsternd den Bischof beim Arm: "Halt du sie dumm, – ich halt' sie arm!"

    Die letzten Jahre haben einige Vermögen umverteilt und "Exzellenz" als Maxime in der Bildung etabliert. Dass Hartz 4 sich vom Prinzip der Bedürftigkeit ("Jedem das seine") zu einem ganz anderen ("Jedem das gleiche [aber nur, wenn er auch arbeiten will und nur so viel, wie wir irgendwie für angemessen halten]") entwickelt hat, dürfte inzwischen offensichtlich sein. Ein ähnlicher Weg scheint in der Bildung eingeschlagen zu werden: Für die Masse gibt es ein wenig Einheitskost, genau so viel, dass es irgendwie zum überleben zu reichen scheint. Für die eigene Klientel hingegen gibt es immer mal wieder ein kleines Bonbon - Steuergeschenke oder finanzielle Förderung einzelner unabhängig deren Bedürftigkeit.

    Nicht falsch verstehen: Jemandem Motivation zu geben sich anzustrengen, ist sicher nicht verkehrt. Aber der Staat muss eine gesunde Balance finden für alle. Und dabei darf man die Augen vor dem Bedarf nicht verschließen. Und genau letzteres, die Augen vor dem Bedarf verschließen, hat leider schon eine sehr lange Tradition beim Bafög: Oder wieso wurden über viele Jahre die Bafög-Sätze nicht an die Lebenshaltungskosten angepasst?

    Dass Schwarz-Gelb nur weiter in diese Richtung gehen wird, war leider absehbar...

  3. Weder Bafög noch der oben erwähnte Vorschlag bringen
    uns weiter. Die Erfahrungen von lrt14174 (post 1)
    bezüglich des Zahnarztvaters kann jeder bestätigen
    und disqualifizieren das Bafög System.

    Jeder befähigte Student soll für die Dauer
    der Regelstudienzeit ein Stipendium erhalten,
    von dem man leben kann. Dabei kann man sich an
    den Hartz IV Sätzen orientieren. Es wäre auch
    nicht schlimm, wenn der Student studienbegleitend
    Leistungen nachweisen muss.

    Finanziert werden kann das durch einen Soli,
    der bei Jahres-Brutto-Gehältern von über
    100 000 Euro progressiv erhoben wird.

    Besonders begabten Studenten kann man helfen,
    indem man ihnen Aufenthalte im Ausland an
    renommierten Unis oder Studienreisen in den
    Semesterferien finanziert.

    Ich hatte mal einen Studenten aus Palestina
    bei mir im Tutorium, der studienbegleitend
    Transporter fuhr, um seinen Lebensunterhalt
    zu sichern. Einmal traf ich ihn bei der Arbeit
    eine Woche vor der Klausur: Unter dem Rückspiegel
    baumelte ein Blatt Papier mit komprimiertem
    Mathestoff, den er während der Rot-Phasen studierte.
    Mit Erfolg, die Klausur hat er glänzend bestanden.

    Bafög hat er wohl keines bekommen.

    • 2eco
    • 22.10.2009 um 15:12 Uhr

    Für mich sind beide Ansätze am Ziel vorbeigeschossen.

    Ein Stipendiensystem wird eh nur "Kleckerweise" verteilt. Aus dem Grund wird auch keine genaue Zahl der Stipendien angegeben. Was nützt es denn, wenn ein ganz geringer Bruchteil der Studenten ein Stipendium bekommt.

    Andererseits ist die Anhebung des Bafög-Satzes auch keine Lösung. Meiner Meinung nach ist der aktuelle Bafög-Satz schon fast zu hoch (das sage ich als Student). Wer den maximalen Bafögsatz bekommt und dazu noch Kindergeld erhält kann sich ein angenehmes Leben machen - das alles ohne auch nur eine Stunde nebenher zu arbeiten.

    Ich kenne auch nur wenige Studenten die Bafög bekommen, da die Bedingungen für Bafögleistungen niedrig angesetzt sind. Ich kenne aber einige, die kein Bafög bekommen weil ihre Eltern zu "reich" dafür sind aber zu arm um den Nachwuchs finanziell zu unterstützen. Diese Leute Arbeiten dann auch locker 20-30 Stunden pro Woche um ihren Lebensunterhalt zu sichern.

    Ich denke ein genereller Bafögsatz von 200-300 Euro im Monat für ALLE Studenten wäre eine faire Lösung. Unter der Bedingung, dass die Studenten nebenher einem Job nachgehen und die Hälfte zurückzahlen müssen. So ähnlich machen es auch die Niederländer.

    Für alle die auch jetzt Bafög bekommen würde der Betrag dann um Prozentsatz x aufgestockt.

  4. "Um später aber ein erfolgreiches Berufs- und Familienleben zu führen benötigt es vieler Eigenschaften die größtenteils nur durch Erziehung vermittelbar sind. Disziplin, Einfühlungsvermögen, Werte etc..."

    Und das soll der Staat leisten?

    Ich habe übrigen Höchstsatz erhalten, auch ohne Zahnarztvater, sondern als Ex-Heimkind.

    Und natürlich werde ich alles versuchen meine eigene Tochter so zu fördern, dass sie mehr Chancen hat als Andere und es leichter hat als ich selbst. Wie wollen Sie mich daran hindern? Durch Verbot von Erziehung, Disziplin und Einfühlungsvermögen? Durch Zwangsbessteuerung von selbst geleisteten Nachhilfestunden?

    Ich mache aber auch nicht die Gesellschaft dafür verantwortlich, dass es für mich schwieriger war aufzusteigen als für meinen guten Freund, dessen Vater Notar war und der selber Anwalt geworden ist.

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