Bildungsstreik "Reiche Eltern – für alle"
Sie wehren sich gegen Leistungsdruck, Anwesenheitspflicht und eine verkürzte Regelstudienzeit. Heute protestieren bundesweit Tausende Studenten.
"Herr Markschießt den Vogel ab!" schreibt Felix in schwarz auf das Plakat, das er am Dienstag durch Berlin tragen will. Das V ist zu einem Vogel verziert. Christoph Markschies ist Rektor der Humboldt-Universität zu Berlin. Eines Abends vergangener Woche ließ die Universitätsleitung die Polizei anrücken, weil protestierende Studenten das Audimax besetzt hatten. Felix war das entschieden zu viel.
Erst kurz vor Mitternacht einigte man sich, den zentralen Hörsaal binnen 15 Minuten zu räumen – pro forma nur, denn die Besetzer sind noch immer da. Transparente hängen an den Wänden der grauen Halle herab, "Bildung statt Ausbildung" heißt es da, "Reiche Eltern – für alle" und "Massenfächer schaffen Schmalspurhirne". Vorlesungen sind abgesagt. Die Studierenden haben das Audimax zum Mobilisierungsort und zur Organisationszentrale des Bildungsstreiks gemacht. Hier halten sie Kontakt zu anderen Unis, füttern ihre Twitter-Accounts, beschließen im Plenum ihre Taktik und organisieren Stoffbahnen für Transparente.
Bundesweit protestieren Studenten gegen Leistungsdruck und Studienstress – zum zweiten Mal in diesem Jahr. Dutzende Bündnisse zwischen Greifswald und Konstanz machen mobil, in mehr als 20 Städten von Berlin bis Würzburg ziehen sie am Dienstag durch die Straßen. Zehn-, vielleicht Hunderttausende möchten den Druck ablassen, den der Bologna-Prozess ihnen beschert: Regelstudienzeit bis zum Bachelor-Abschluss sechs Semester, Anwesenheitspflicht in Seminaren, steter Leistungsdruck und -nachweis, beim Wechsel des Studienfachs ist schnell mal das Bafög weg.
"Die Zeiten, wo sich Studenten eigene Schwerpunkte setzten konnten, sind vorbei", sagt Larissa Klinzing vom Institut für Sozialwissenschaften der Humboldt-Uni. Gerade hat sie ein Mini-Seminar zur Hochschulpolitik beendet, neun Studenten saßen in den vorderen Reihen des Audimax, darunter auch Tatjana Gossen, drittes Semester.
Bis spätabends hat Tatjana hier ein Solidaritätstransparent beschriftet, das mittlerweile nach Wien unterwegs ist. "Sei Studi, sei Protest, sei Wien", steht darauf – in Anlehnung an eine ähnlich lautende Berlin-Werbekampagne. Österreichische Studenten besuchten die Humboldt-Uni, um den Berlinern Mut zu machen. Erstmals organisiert sich der Studentenprotest europaweit. Auch in Polen oder Frankreich protestieren Studierende.
Wir wollen klar machen, dass das Bild vom Kaffee trinkenden Studenten einfach nicht stimmt
Wegen des Bachelor-Studiengangs seien ihre Semesterferien mittlerweile genauso mit Arbeit befrachtet wie das Semester, sagt Tatjana. "Was stört, ist auch die ständige Leistungsüberprüfung." Selbstbestimmtes Lernen, das Entwickeln von Interessen aus eigenem Antrieb heraus – all das war einmal. Heute kommen sich Bachelor-Studierende vor wie an der Schule. "Für eine Universität ist das verheerend", sagt Sozialwissenschaftlerin Klinzing.
Wie hier vor dem Audimax der Humboldt-Uni malen dieser Tage Tausende Studenten Transparente gegen den Studien-Notstand. "Da sitz ich nu’, mit Bachelor, und bin so klug als wie zuvor", schreibt Britta auf ein Quadrat aus bemaltem Packpapier, das sie mit Paketband zusammenklebte. "Wir sind jung und brauchten das Geld", pinselt Charlotte auf eine Papierbahn. "36 Wochenstunden kommen zusammen im modularisierten Jurastudium", sagt sie. "Nebenher den Lebensunterhalt zu verdienen, ist praktisch unmöglich."
In der "Presse-Ecke" entsteht ein Brief aller Berliner Studenten an sämtliche Dozenten.
Es gilt, parallel zum Protest das Gespräch zu suchen und den Verdacht der Faulheit auszuräumen. "Wir wollen klar machen, dass das Bild vom dauerkaffeetrinkenden Studenten einfach nicht stimmt", sagt Sebastian Seidler, er studiert Philosophie und Kulturwissenschaften im fünften Semester. "Wir sind hier an der Uni, um Neugier zu entwickeln und um zu lernen", sagt er. Stattdessen erwarte die Hochschule, dass sie als "fertige Studenten" ankämen, um sofort abrechenbare Leistungen zu erbringen.
"Einen Nebenjob zu haben, ist so gut wie unmöglich", dazu sei der Zeitplan der Bachelor-Studienmodule zu eng, sagt auch Sebastian. Und die Frage nach dem Lebensunterhalt beschäftigt nicht nur ihn. "Die meisten hier müssen nebenher arbeiten", sagt Viktoria Hofer, die im ersten Semester Sozialarbeit an der Alice-Salomon-Fachhochschule Berlin studiert. Sie selbst jobbe in Nachtschichten als Bühnentechnik-Aushilfe an der Staatsoper Berlin. "Da bleibt für das Studium kaum Zeit." Wie ihre Kommilitonen verlangt sie sieben, besser acht Semester Regelstudienzeit. "Dafür gehen wir auf die Straße", sagt die Südtirolerin, die seit 2006 in Berlin lebt.
An der Alice-Salomon-Fachhochschule, inmitten eines Plattenbauviertels im Osten Berlins, bereitet man sich auf die Bildungsstreik-Demonstration vor wie auf einen Protestzug gegen Neonazis. "Aktionstraining" weist das Programm für Montagnachmittag aus. Eine junge Frau im Strickpullover erzählt etwa zehn Mitstudenten von "Vorkontrollen" und gibt Tipps im Umgang mit der Polizei.
Neben allen hochschulpolitischen Forderungen haben die Fachhochschüler hier auch an ihr eigenes Wohlergehen gedacht: Auf einer Tafel mit den ergänzenden Forderungen verlangen die angehenden Sozialarbeiter auch eine Hundeerlaubnis auf dem Schulgelände und vegetarisches Essen in der Cafeteria.
- Datum 17.11.2009 - 11:18 Uhr
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Trügt der Eindruck oder sind es gerade diejenigen, die dort protestieren, die Leistung per se meistens für bösartig halten und für sich selber stets größt mögliche Solidarität beanspruchen, um ja weiter 15 Semester auf Kosten der Allgemeinheit das Semesterticket zu beanspruchen. Der Mehrheit der Studenten geht dieser Streik doch am viel zitierten Ar... vorbei. Naturwissenschaftler sieht man bei diesen Streiks auch eher unterrepräsentiert. Ein Kommentar eines chinesischen Kommilitonen: "Ihr habt Probleme!"
Dich trügt der Eindruck!
Die meisten Studenten sind sehr enttäutscht von dem was uns Bologna eingebrockt hat. Besonders Geisteswissenschaftler leiden unter dem verkürzten Turbo-Studium. Studiengebühren sorgen dafür, dass die vielen Abbrecher und jene die länger brauchen(wovon es sehr viele gibt, besonders eben in den Geisteswissenschaften) mit großen Schulden belastet sind. Bei uns an der Uni ist die zahl der Studenten die psychische Hilfe beim Studentenwerk beanspruchen stark gestiegen. im ersten Semester wird man darauf hingewisen, dass die Regelstudienzeit von 6 Semestern garnicht einzuhalten ist. Es wird einem klar gemacht, dass man einige Module nicht nehmen sollte, sondern sie ruhig nach hinen verschieben sollte. Die Unis wissen also dass das, was die Politik fodert unmöglich ist.
Am ende sieht das dann so aus, dass sich studieren fast nur noch für solche lohnt, die Rückendeckung durch reiche Eltern bekommen. Für die anderen ist es sehr risikoreich.
Ein solcher Protest ist also längst nötig. Das Problem ist nur, dass Studenten in den vergangenen Jahren, vermutlich aufgrund vieler Enttäuschungen, Demonstrationsfaul geworden sind. Viele Studenten befürworten den Streik aber nur wenige trauen sich mit zu streiken. Wenn man nämlich fehlt wegen des Streiks und man vorher schon zwei Stunden gefehlt hat, wird mn aus dem Modul geworfen. Streiken kann einen also das Studium kosten.
Ich würde mir wünschen, dass die Gesellschaft unseren Streik mehr unterstützt!
Welche Menschen sind den in Ihrem Raster per se "gegen Leistung"? Sozialarbeiter? Philosophen?
Gehts noch? Hast du eine Ahnung was die machen müssen? Ich bin selber Student der Sozialen Arbeit, momentan in Kopenhagen, allerdings ist dies nur ein Erasmus-Semester. Unser arbeitspensum in Deutschland ist alles andere alsdass man es als "Faul" bezeichnen kann. Letztes Semester hatte ich 6 Examen (je 90 Minuten), eine Präsentation (45 Minuten), eine Hausarbeit über 20 Seiten und eine - in Gruppenarbeit - Studie zu realisieren (das Design wurde allerdings gemeinsam entworfen). Dazu kommt Literatur die man lesen will (sollte man die Zeit finden)
Und hier kann ich sehen wie es laufen kann. Der Leistungsanspruch ist geringfügig niedriger, die Unterstützung sieht aber ganz anders aus. Studierende bekommen hier ein festes Gehalt vom Staat, zahlen keinerlei Gebühren, bekommen ein sehr ausführliches Kompendium am Anfang des Semesters, die Seminare sind meist in Größenordnungen von 10 - 15 Personen...
Aber Sozial- bzw. Geisteswissenschaften als faul zu beschimpfen nur weil es in jenen eben nicht um das logische Berechnen von Zahlen geht sondern um einen Diskurs, um das lesen und verstehen, um das vergleichen und schlüsse ziehen... Na ja, wenn du meinst...
An meiner Uni (TU Dresden) habe ich den gleichen Eindruck gewonnen wie Du. Die Streikenden machen außerdem den Fehler, daß sie (bei uns jedenfalls) politische Statements/Orientierung mit (auch berechtigten) Bildungsforderungen vermengen und eine 'Friß-es-oder-vergiß-es-Schiene' fahren. Ich habe allerdings nicht die Absicht, meine Überzeugungen an der Garderobe abzugeben um mitmachen zu dürfen.
Außerdem teile ich die Einschätzung, daß die Resonanz unter Naturwissenschaftlern deutlich geringer ausfällt, als unter Geisteswissenschaftlern.
Das ist mein ehrlicher Eindruck.
Hast du eigentlich jemals darueber nachgedacht, was es heisst eine Gesellschaftswissenschaft zu studieren? Es heisst, dass man sich kritisch mit Literatur und Themen auseinandersetzt und dies nicht nur, weil man Leistungsnachweise bringen und CP sammeln muss, sondern, weil man interessiert ist. Diese Faecher leben genauso von Diskussionen in der Kneipe wie von schriftliche Analysen. Warum man weniger Naturwissenchaftler bei den Demonstrationen sieht? Weil sie ganz anders lernen muessen! Vielen Studenten der Natur-/ Ingenieurwissenschaften hilft es, wenn sie staendig einen Leistungsnachweis bringen muessen, da viele von ihnen sonst mit dem Pensum fuer die Klausuren am Ende des Semesters ueberfordert waeren.
Darum sehe ich es genauso, dass die Bologna-Reform nicht grundweg schlecht ist, sie wurde nur nicht besonders gut auf die einzelnen Studiengaenge angewandt. Warum sonst straeub(t)en sich so viele der "vorzeige" Studiengaenge, wie z.b. Jura, Medizin und Psychologie, gegen die Reform?
Und dein Argument mit dem chinesischen Kommilitonen wuerde ich auch mit Vorsicht behandeln. Immerhin ist es allgemein bekannt, dass die Chinesen ein sehr fleissiges Volk sind, aber dies hat auch einen geschichtlichen Hintergrund. Sei du mal lieber froh, dass du in europa aufgewachsen bist und Rechte und Freiheiten besitzt, die es dir ueberhaupt erst ermoeglichen deine Meinung hier einfach ohne Zensur niederzuschreiben.
Dich trügt der Eindruck!
Die meisten Studenten sind sehr enttäutscht von dem was uns Bologna eingebrockt hat. Besonders Geisteswissenschaftler leiden unter dem verkürzten Turbo-Studium. Studiengebühren sorgen dafür, dass die vielen Abbrecher und jene die länger brauchen(wovon es sehr viele gibt, besonders eben in den Geisteswissenschaften) mit großen Schulden belastet sind. Bei uns an der Uni ist die zahl der Studenten die psychische Hilfe beim Studentenwerk beanspruchen stark gestiegen. im ersten Semester wird man darauf hingewisen, dass die Regelstudienzeit von 6 Semestern garnicht einzuhalten ist. Es wird einem klar gemacht, dass man einige Module nicht nehmen sollte, sondern sie ruhig nach hinen verschieben sollte. Die Unis wissen also dass das, was die Politik fodert unmöglich ist.
Am ende sieht das dann so aus, dass sich studieren fast nur noch für solche lohnt, die Rückendeckung durch reiche Eltern bekommen. Für die anderen ist es sehr risikoreich.
Ein solcher Protest ist also längst nötig. Das Problem ist nur, dass Studenten in den vergangenen Jahren, vermutlich aufgrund vieler Enttäuschungen, Demonstrationsfaul geworden sind. Viele Studenten befürworten den Streik aber nur wenige trauen sich mit zu streiken. Wenn man nämlich fehlt wegen des Streiks und man vorher schon zwei Stunden gefehlt hat, wird mn aus dem Modul geworfen. Streiken kann einen also das Studium kosten.
Ich würde mir wünschen, dass die Gesellschaft unseren Streik mehr unterstützt!
Welche Menschen sind den in Ihrem Raster per se "gegen Leistung"? Sozialarbeiter? Philosophen?
Gehts noch? Hast du eine Ahnung was die machen müssen? Ich bin selber Student der Sozialen Arbeit, momentan in Kopenhagen, allerdings ist dies nur ein Erasmus-Semester. Unser arbeitspensum in Deutschland ist alles andere alsdass man es als "Faul" bezeichnen kann. Letztes Semester hatte ich 6 Examen (je 90 Minuten), eine Präsentation (45 Minuten), eine Hausarbeit über 20 Seiten und eine - in Gruppenarbeit - Studie zu realisieren (das Design wurde allerdings gemeinsam entworfen). Dazu kommt Literatur die man lesen will (sollte man die Zeit finden)
Und hier kann ich sehen wie es laufen kann. Der Leistungsanspruch ist geringfügig niedriger, die Unterstützung sieht aber ganz anders aus. Studierende bekommen hier ein festes Gehalt vom Staat, zahlen keinerlei Gebühren, bekommen ein sehr ausführliches Kompendium am Anfang des Semesters, die Seminare sind meist in Größenordnungen von 10 - 15 Personen...
Aber Sozial- bzw. Geisteswissenschaften als faul zu beschimpfen nur weil es in jenen eben nicht um das logische Berechnen von Zahlen geht sondern um einen Diskurs, um das lesen und verstehen, um das vergleichen und schlüsse ziehen... Na ja, wenn du meinst...
An meiner Uni (TU Dresden) habe ich den gleichen Eindruck gewonnen wie Du. Die Streikenden machen außerdem den Fehler, daß sie (bei uns jedenfalls) politische Statements/Orientierung mit (auch berechtigten) Bildungsforderungen vermengen und eine 'Friß-es-oder-vergiß-es-Schiene' fahren. Ich habe allerdings nicht die Absicht, meine Überzeugungen an der Garderobe abzugeben um mitmachen zu dürfen.
Außerdem teile ich die Einschätzung, daß die Resonanz unter Naturwissenschaftlern deutlich geringer ausfällt, als unter Geisteswissenschaftlern.
Das ist mein ehrlicher Eindruck.
Hast du eigentlich jemals darueber nachgedacht, was es heisst eine Gesellschaftswissenschaft zu studieren? Es heisst, dass man sich kritisch mit Literatur und Themen auseinandersetzt und dies nicht nur, weil man Leistungsnachweise bringen und CP sammeln muss, sondern, weil man interessiert ist. Diese Faecher leben genauso von Diskussionen in der Kneipe wie von schriftliche Analysen. Warum man weniger Naturwissenchaftler bei den Demonstrationen sieht? Weil sie ganz anders lernen muessen! Vielen Studenten der Natur-/ Ingenieurwissenschaften hilft es, wenn sie staendig einen Leistungsnachweis bringen muessen, da viele von ihnen sonst mit dem Pensum fuer die Klausuren am Ende des Semesters ueberfordert waeren.
Darum sehe ich es genauso, dass die Bologna-Reform nicht grundweg schlecht ist, sie wurde nur nicht besonders gut auf die einzelnen Studiengaenge angewandt. Warum sonst straeub(t)en sich so viele der "vorzeige" Studiengaenge, wie z.b. Jura, Medizin und Psychologie, gegen die Reform?
Und dein Argument mit dem chinesischen Kommilitonen wuerde ich auch mit Vorsicht behandeln. Immerhin ist es allgemein bekannt, dass die Chinesen ein sehr fleissiges Volk sind, aber dies hat auch einen geschichtlichen Hintergrund. Sei du mal lieber froh, dass du in europa aufgewachsen bist und Rechte und Freiheiten besitzt, die es dir ueberhaupt erst ermoeglichen deine Meinung hier einfach ohne Zensur niederzuschreiben.
"Sie wehren sich gegen Leistungsdruck, Anwesenheitspflicht und eine verkürzte Regelstudienzeit. Heute protestieren bundesweit tausende Studenten."
Hier wird es interessant sein, vor allem die Propaganda-Experten der INSM und der Springer Medien in ihrem Umgang mit den Protesten genau zu beobachten, denn wenn die Wirtschaft eines nicht gebrauchen kann, dann sind das Bürger die gegen den Leistungsdruck und das Funktionieren müssen Aufbegehren.
Buchtipp: Ned Vizzini, „Eine echt verrückte Story“
.. schon, denn funktioniert ein Studienbeginn wie der Besuch der 14. Klasse, kann man von einem Studium nicht mehr reden. Das sollte man dann ehrlicher weise auch nicht mehr. Es handelt sich dann lediglich um eine schulische Fachausbldung. Ob einem Land, das von seiner Innovationskraft lebt, die nun mal ein gewisses Maß an Freiheit braucht, nützt, ist zweifelhaft.
Dich trügt der Eindruck!
Die meisten Studenten sind sehr enttäutscht von dem was uns Bologna eingebrockt hat. Besonders Geisteswissenschaftler leiden unter dem verkürzten Turbo-Studium. Studiengebühren sorgen dafür, dass die vielen Abbrecher und jene die länger brauchen(wovon es sehr viele gibt, besonders eben in den Geisteswissenschaften) mit großen Schulden belastet sind. Bei uns an der Uni ist die zahl der Studenten die psychische Hilfe beim Studentenwerk beanspruchen stark gestiegen. im ersten Semester wird man darauf hingewisen, dass die Regelstudienzeit von 6 Semestern garnicht einzuhalten ist. Es wird einem klar gemacht, dass man einige Module nicht nehmen sollte, sondern sie ruhig nach hinen verschieben sollte. Die Unis wissen also dass das, was die Politik fodert unmöglich ist.
Am ende sieht das dann so aus, dass sich studieren fast nur noch für solche lohnt, die Rückendeckung durch reiche Eltern bekommen. Für die anderen ist es sehr risikoreich.
Ein solcher Protest ist also längst nötig. Das Problem ist nur, dass Studenten in den vergangenen Jahren, vermutlich aufgrund vieler Enttäuschungen, Demonstrationsfaul geworden sind. Viele Studenten befürworten den Streik aber nur wenige trauen sich mit zu streiken. Wenn man nämlich fehlt wegen des Streiks und man vorher schon zwei Stunden gefehlt hat, wird mn aus dem Modul geworfen. Streiken kann einen also das Studium kosten.
Ich würde mir wünschen, dass die Gesellschaft unseren Streik mehr unterstützt!
Welche Menschen sind den in Ihrem Raster per se "gegen Leistung"? Sozialarbeiter? Philosophen?
Gehts noch? Hast du eine Ahnung was die machen müssen? Ich bin selber Student der Sozialen Arbeit, momentan in Kopenhagen, allerdings ist dies nur ein Erasmus-Semester. Unser arbeitspensum in Deutschland ist alles andere alsdass man es als "Faul" bezeichnen kann. Letztes Semester hatte ich 6 Examen (je 90 Minuten), eine Präsentation (45 Minuten), eine Hausarbeit über 20 Seiten und eine - in Gruppenarbeit - Studie zu realisieren (das Design wurde allerdings gemeinsam entworfen). Dazu kommt Literatur die man lesen will (sollte man die Zeit finden)
Und hier kann ich sehen wie es laufen kann. Der Leistungsanspruch ist geringfügig niedriger, die Unterstützung sieht aber ganz anders aus. Studierende bekommen hier ein festes Gehalt vom Staat, zahlen keinerlei Gebühren, bekommen ein sehr ausführliches Kompendium am Anfang des Semesters, die Seminare sind meist in Größenordnungen von 10 - 15 Personen...
Aber Sozial- bzw. Geisteswissenschaften als faul zu beschimpfen nur weil es in jenen eben nicht um das logische Berechnen von Zahlen geht sondern um einen Diskurs, um das lesen und verstehen, um das vergleichen und schlüsse ziehen... Na ja, wenn du meinst...
An meiner Uni (TU Dresden) habe ich den gleichen Eindruck gewonnen wie Du. Die Streikenden machen außerdem den Fehler, daß sie (bei uns jedenfalls) politische Statements/Orientierung mit (auch berechtigten) Bildungsforderungen vermengen und eine 'Friß-es-oder-vergiß-es-Schiene' fahren. Ich habe allerdings nicht die Absicht, meine Überzeugungen an der Garderobe abzugeben um mitmachen zu dürfen.
Außerdem teile ich die Einschätzung, daß die Resonanz unter Naturwissenschaftlern deutlich geringer ausfällt, als unter Geisteswissenschaftlern.
Das ist mein ehrlicher Eindruck.
Auch ich habe 10 Semester bis zum M.A. und dann Ph.D. studiert. Kiel, Lancaster, Uni of Toronto. Und zwar u.a. Sozialstatistik. Bin also gewissermaßen doppelt vom Fach.
Ich stellte damals und stelle heute fest : die Mehrheit der Studenten schaffen ihren Abschluß in der Regelstudienzeit /- 2 Semester. Die Regelstudienzeiten und Semesteraufgaben sind je nach Fach bisher angemessen. Es bleibt Zeit für einen Nebenjob und ein Sozialleben.
Es ist richtig, daß Bachelor und Co. Universtäten zu verschulen drohen, und damit wichtige akademische Aspekte verloren gingen. Es ist allerdings ebenso wahr, daß eine lautstarke Minderheit Leistungs- und Zeitdruckdruck ablehnen. Das ist gegen unser Gesellschaftsmodell, wenn dieselben sich diese Freiheiten von anderen bezahlen lassen wollen.
Was wir brauchen ist die goldene Mitte und keinen akademischen Extremismus. Weder von der Privatwirtschaft finanziertes Turbostudium noch die Grauen Panther ( 20 Semester) erzeugen reife, verantwortungsbewußte Leistungsträger.
Mehr Kreativität auf beiden Seiten muß her : Studenten müssen ihr Leben finanziell und sozial kongruent um das Studium herum gestalten und Universitäten müssen das Potential der Studenten nutzen, um sich teilweise selbst zu finanzieren.
Beispiel : Studenten semesterweise an Unternehmen gegen Bezahlung "ausleihen" hilft allen. Auch dem Geldbeutel, der Reife und dem CV für später.
Praxis ist nie schlecht, wenn sie vergütet wird. Nur - gegen was "ausleihen"? 1-Euro-Job oder Praktikum für 300 Euro? Das hilft dem Geldbeutel wenig und den CV wird es nicht wirklich aufwerten. Die Universitäten sollen dann eine Art Leiharbeitsunternehmen sein? Das kann doch jetzt nur Sarkasmus von Ihrer Seite aus sein.
Potenzial bildungswilliger Menschen im Studium nutzt man, indem man ein Umfeld schafft, in dem sich Begabung, Wille und Neugier entwickeln können - natürlich ergebnisorientiert. Bewegungsspielräume einräumen, um eigene Ideen entwickeln zu können, ist die Aufgabe. Eine in Semester gegliederte Fachausbildung, die sich letztlich darauf konzentriert, vorhandenes Wissen nachzuäffen, bringt niemanden weiter. Wir brauchen als Gesellschaft Innovatoren, keine Facharbeiter mit 10-Semester-Ausbildung inkl. bezahltem Betriebspraktikum. Dafür gibt es andere Bildungsebenen.
Wer in unserer Geschichte zurück blickt, weiß, dass es immer die waren, die sich Freiheit nahmen oder sie von Haus aus besaßen, die erfolgreiche Ideen entwickelten. Je mehr wir aber Menschen, von denen wir Innovation erwarten, einsperren, desto weniger verwertbare Ergebnisse wird das haben. Wer permanent unter Leistungsdruck steht - und das weiß ich selbst sehr gut - erfüllt irgendwann nur noch, er entwickelt nicht.
Praxis ist nie schlecht, wenn sie vergütet wird. Nur - gegen was "ausleihen"? 1-Euro-Job oder Praktikum für 300 Euro? Das hilft dem Geldbeutel wenig und den CV wird es nicht wirklich aufwerten. Die Universitäten sollen dann eine Art Leiharbeitsunternehmen sein? Das kann doch jetzt nur Sarkasmus von Ihrer Seite aus sein.
Potenzial bildungswilliger Menschen im Studium nutzt man, indem man ein Umfeld schafft, in dem sich Begabung, Wille und Neugier entwickeln können - natürlich ergebnisorientiert. Bewegungsspielräume einräumen, um eigene Ideen entwickeln zu können, ist die Aufgabe. Eine in Semester gegliederte Fachausbildung, die sich letztlich darauf konzentriert, vorhandenes Wissen nachzuäffen, bringt niemanden weiter. Wir brauchen als Gesellschaft Innovatoren, keine Facharbeiter mit 10-Semester-Ausbildung inkl. bezahltem Betriebspraktikum. Dafür gibt es andere Bildungsebenen.
Wer in unserer Geschichte zurück blickt, weiß, dass es immer die waren, die sich Freiheit nahmen oder sie von Haus aus besaßen, die erfolgreiche Ideen entwickelten. Je mehr wir aber Menschen, von denen wir Innovation erwarten, einsperren, desto weniger verwertbare Ergebnisse wird das haben. Wer permanent unter Leistungsdruck steht - und das weiß ich selbst sehr gut - erfüllt irgendwann nur noch, er entwickelt nicht.
Praxis ist nie schlecht, wenn sie vergütet wird. Nur - gegen was "ausleihen"? 1-Euro-Job oder Praktikum für 300 Euro? Das hilft dem Geldbeutel wenig und den CV wird es nicht wirklich aufwerten. Die Universitäten sollen dann eine Art Leiharbeitsunternehmen sein? Das kann doch jetzt nur Sarkasmus von Ihrer Seite aus sein.
Potenzial bildungswilliger Menschen im Studium nutzt man, indem man ein Umfeld schafft, in dem sich Begabung, Wille und Neugier entwickeln können - natürlich ergebnisorientiert. Bewegungsspielräume einräumen, um eigene Ideen entwickeln zu können, ist die Aufgabe. Eine in Semester gegliederte Fachausbildung, die sich letztlich darauf konzentriert, vorhandenes Wissen nachzuäffen, bringt niemanden weiter. Wir brauchen als Gesellschaft Innovatoren, keine Facharbeiter mit 10-Semester-Ausbildung inkl. bezahltem Betriebspraktikum. Dafür gibt es andere Bildungsebenen.
Wer in unserer Geschichte zurück blickt, weiß, dass es immer die waren, die sich Freiheit nahmen oder sie von Haus aus besaßen, die erfolgreiche Ideen entwickelten. Je mehr wir aber Menschen, von denen wir Innovation erwarten, einsperren, desto weniger verwertbare Ergebnisse wird das haben. Wer permanent unter Leistungsdruck steht - und das weiß ich selbst sehr gut - erfüllt irgendwann nur noch, er entwickelt nicht.
Die Universität hat als Institution ihre Autonomie und ihre Ideale abgegeben und an ihre Stelle die Maximen der Wirtschaft gesetzt. Das ist insofern nicht verwunderlich, als dass sich nahezu alle Lebensbereiche mittlerweile einer Kosten-Nutzen-Rechnung unterziehen müssen und viele Dinge aus Effizienzgründen heute anders gehandhabt werden als noch vor einigen Jahrzehnten. Es sollte aber erlaubt sein zu hinterfragen, wessen Interessen man dabei wirklich verfolgt und ob diese Interessen wirklich als allgemeingültig anerkannt werden können. Ökonomisches Denken, das sich an Profit, Konkurrenz und Durchsetzungsfähigkeit orientiert, erzeugt nicht nur wirtschaftliche Verlierer, sondern droht in diesem speziellen Fall auch wisenschaftliche Randgruppen ihrer Legitimation zu berauben, zum grossen Teil einfach deshalb, weil deren Nutzen nicht mit den gängigen Messverfahren zu erfassen sind.
Niemand wird bezweifeln, dass auch Universitäten in der Verantwortung stehen, die Gesellschaft nicht nur geistig voranzubringen, sondern auch die Gesamtproduktivität zu erhöhen, aber sobald der einzelne Student sein Studium so rechtfertigen muss, dass zum Schluss ein positiver Euro-Betrag entsteht, sterben absolut essenzielle Elemente aus. Es gehört zum Kulturgut einer Gesellschaft, Geisteswissenschaften zu betreiben, ganz abgesehen vom ideellen Nutzen, der daraus entsteht. Ein monetärer Massstab ist hier fehl am Platz.
Die Universität hat als Institution ihre Autonomie und ihre Ideale abgegeben und an ihre Stelle die Maximen der Wirtschaft gesetzt. Das ist insofern nicht verwunderlich, als dass sich nahezu alle Lebensbereiche mittlerweile einer Kosten-Nutzen-Rechnung unterziehen müssen und viele Dinge aus Effizienzgründen heute anders gehandhabt werden als noch vor einigen Jahrzehnten. Es sollte aber erlaubt sein zu hinterfragen, wessen Interessen man dabei wirklich verfolgt und ob diese Interessen wirklich als allgemeingültig anerkannt werden können. Ökonomisches Denken, das sich an Profit, Konkurrenz und Durchsetzungsfähigkeit orientiert, erzeugt nicht nur wirtschaftliche Verlierer, sondern droht in diesem speziellen Fall auch wisenschaftliche Randgruppen ihrer Legitimation zu berauben, zum grossen Teil einfach deshalb, weil deren Nutzen nicht mit den gängigen Messverfahren zu erfassen sind.
Niemand wird bezweifeln, dass auch Universitäten in der Verantwortung stehen, die Gesellschaft nicht nur geistig voranzubringen, sondern auch die Gesamtproduktivität zu erhöhen, aber sobald der einzelne Student sein Studium so rechtfertigen muss, dass zum Schluss ein positiver Euro-Betrag entsteht, sterben absolut essenzielle Elemente aus. Es gehört zum Kulturgut einer Gesellschaft, Geisteswissenschaften zu betreiben, ganz abgesehen vom ideellen Nutzen, der daraus entsteht. Ein monetärer Massstab ist hier fehl am Platz.
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