Encarnizado meint, es ganz genau zu wissen: "Bundesweit BIS JETZT ca 82.650 Menschen auf der Straße! Allein in Berlin 25.000.", sendet er via Twitter. Baschti030 will "rund 12.000 Demonstrierende vor dem Roten Rathaus in Berlin" gesehen haben. Die eher konservativ zählende Polizei ging hier von nur 6000 Protestierern aus, die Wahrheit liegt wohl irgendwo in der Mitte. In Wiesbaden ist von 8000 demonstrierenden Studenten die Rede, in München, Frankfurt und Düsseldorf von je 5000. Auch in Köln, Heidelberg und Freiburg gingen Studierende auf die Straße.

Im Kampf gegen Leistungsdruck, überfrachtete Studienpläne, Studiengebühren und vor allem die Neuordnung an den Unis durch die Bachelor- und Masters-Studiengänge sind die Zahlen im Moment das vermeintlich stärkste Argument der Studenten: Sind sie viele, wird ihr Protest eher ernst genommen. Durch ihren Bildungsstreik vom Sommer nahmen sie den Wissenschaftsministern zumindest das Versprechen ab, das Bachelor- und Masterstudium zu überarbeiten und vor allem die derzeitige Regelstudienzeit für den Bachelor von sechs Monaten zu verlängern. Selbst Bundesbildungsministerin Annette Schavan (CDU) räumte damals "handwerkliche Fehler" bei der Einführung der neuen Studiengänge ein – das fällt ihr leicht, denn die Hochschulen unterstehen den Bundesländern. "Geändert hat sich seitdem wenig", resümiert allerdings vor dem Berliner Roten Rathaus eine Sozialarbeitsstudentin der Freien Universität.

Deutschlands Studierende nehmen deshalb nun einen zweiten Anlauf, mit vielfältigen Protestaktionen Verbesserungen ihrer Lernbedingungen zu erreichen. In Berlin gingen sie vor allem mit Ironie zu Werke: "Fingerabdruck – für noch infantilere Anwesenheitskontrollen" fordern die einen auf einem Transparent, "Leere Köpfe nicken leichter" konstatieren sarkastisch andere. In einem vielfarbigen Zug drängen sich die Protestierer durch die Innenstadt Richtung Brandenburger Tor. Studierende Eltern haben ihre Kleinkinder dabei – auf dem Rücken oder im Fahrradanhänger.

"Bildung für alle, und zwar sofort" ist der Schlachtruf, den die etwa 1000 Demonstranten in Düsseldorf bei ihrem Marsch durch die Innenstadt skandieren. Sie recken Plakate "Wir sehen schwarz" oder "Wieso, weshalb, warum - wer nicht zahlt, bleibt dumm" in die Höhe. Auf dem Würzburger Marktplatz inszenieren Studenten eine Beerdigung: "Wir trauern um die freie Bildung", steht auf dem Sarg, den sie symbolisch durch die Stadt schleppen.

Auch in anderen europäischen Ländern gingen Studenten auf die Straßen. Tausende protestierten in Italien gegen eine umstrittene Reform, die 130.000 Stellen an Hochschulen kosten soll. Die Ausdrucksformen sind vielfältig, aber letztlich geht es den jungen Leuten um das Gleiche: ihre Zukunftschancen.

"Mein Studium gehört mir" steht auf der tiefblauen Stoffbahn, die Studierende der Berliner Alice-Salomon-Hochschule für Sozialarbeit vor sich hertragen. Sie demonstrieren für "Mitbestimmung statt Verschulung" des Studiums und gegen den Numerus clausus. Eine der angehenden Sozialarbeiterinnen überwand diese Hürde trotz guter Leistungen und Auslandsjahr in einem italienischen Behindertenheim nur, indem sie sich einklagte. "Ich will Sozialarbeit studieren. Doch meine Leistungen werden nach meiner Mathenote beurteilt", entrüstet sich die Erstsemestlerin. Als Fachabiturientin habe sie in ihrem Studienfach bundesweit kaum eine Chance gehabt. "Denn verlangt wird ein NC wie für ein Medizinstudium."

Seitdem die Studenten den zentralen Hörsaal ihrer Hochschule besetzt haben, hat die junge Frau fast jede Nacht im Audimax geschlafen und den Protest mitorganisiert. Offen ist jedoch, wie lange die Kraft auch über den heutigen Aktionstag hinaus reicht. Denn nur ein Bruchteil der Studierenden unterbricht den Unialltag für die Protestversammlungen, Plakate malen und Demonstrationen. "Viele sitzen nur zu Hause und solidarisieren sich nicht", klagt die 22-Jährige. "Politisches Engagement schreckt viele ab." Auch die Angst vor gewaltsamer Räumung macht sich breit oder vor Bußgeldern, wie sie die Polizei vor Monaten gegen Demonstranten in Düsseldorf verhängte. Kommilitone Roman Korrmann ist zuversichtlicher: "Nächste Woche geht es auf jeden Fall weiter", habe das tägliche Plenum der Fachhochschule beschlossen. Für die nächsten Tage plane man neue, kleinere Aktionen, um die "Themen in die Öffentlichkeit zu tragen", sagt der 28-Jährige. Gedacht sei an "aktive Seminare" wie etwa Vorlesungen in der S-Bahn.

Reaktionen blieben am Dienstag rar: Der Vorsitzende der Kultusministerkonferenz, der mecklenburg-vorpommersche Bildungsminister Henry Tesch (CDU), schob den Hochschulen die Verantwortung zu. Die müssten die bereits beschlossene Reform der Studienreform umsetzen. Doch am 10. Dezember sollen die Kultusminister "nachsitzen": Mehrere Studentengruppen wollen deren Tagung in Bonn so lange blockieren, bis sie die Hochschul-Leitungen von Änderungen in den Bachelor-Studiengängen überzeugt haben.