Studentenproteste Wissenschaftsrat räumt Fehler bei Bachelor-Reform ein
Zu wenig Geld, wenig Struktur oder und Freiheiten: Die andauernden Proteste finden Gehör in Wissenschaft und Politik. Selbst die Kanzlerin greift das Thema in ihrer Video-Botschaft auf
© Sean Gallup/Getty Images

Studentenproteste haben Tradition. Schon im Juni 2009 machten Studenten in Berlin ihren Frust Luft. Deutschlandweit wurde für bessere Studienbedingungen und für die Abschaffung der Studiengebühren gestreikt
Angesichts anhaltender Proteste an den Hochschulen hat der Vorsitzende des Wissenschaftsrats, Peter Strohschneider, "handwerkliche Fehler" bei der Einführung der Bachelor-Studiengänge eingeräumt. Man habe unterschiedliche Fächer über einen Kamm geschoren, sagte er dem Magazin Focus. "Während einige Geisteswissenschaften mehr Struktur vertragen können, bräuchten die Ingenieurfächer eher mehr Freiheiten."
Zudem kritisierte er die einseitige Ausrichtung der Bachelor-Reform auf die Verkürzung von Studienzeiten. Strohschneider verwies auch auf die schlechte finanzielle Ausstattung der Hochschulen. "Die strukturelle Unterfinanzierung ist noch einmal um 15 Prozent gestiegen."
Zuerst in Österreich dann in Deutschland. Seit Tagen demonstrieren Studenten gegen Missstände im Bildungssystem und für bessere Studienbedingungen. In Berlin hielten am Samstag mehrere hundert Studierende die Hörsäle der drei großen Universitäten besetzt. Auch in Hamburg, München, Osnabrück, Dresden und Koblenz hielten Studenten Lehrsääle besetzt.
Der Präsident der Humboldt-Universität, Christoph Markschies, schloss sich der Kritik an den Bachelor- und Master-Studienabschlüssen an: "Ich teile den Protest, sofern er sich gegen die verpatzte Bologna-Reform richtet", sagte er im RBB-Inforadio.
Auch der amtierende Chef der Kultusministerkonferenz (KMK), Henry Tesch (CDU), hat angesichts der Hochschulproteste Verständnis für die Forderungen der Studenten gezeigt. "Die konkreten
Forderungen der Studierenden, die vor allem darauf gerichtet sind, die Studienbedingungen zu verbessern, sind richtig", sagte der Bildungsminister Mecklenburg-Vorpommerns.
Die Unis seien in der Pflicht, auf die Forderungen einzugehen: Immerhin blieben die Studiengebühren zur Verbesserung der Lehre zu 100 Prozent bei den Unis. «Exzellenz-Initiativen und Forschungsförderung spülen Milliarden Euro in die Hochschulen, ohne dass die Länder ihre Bildungsbudgets kürzen.» Auch agierten Hochschulen «mit Mitteln der Steuerzahler wie selbstständige Unternehmen», sagte Tesch.
Die Studenten beklagen überlastete Studiengängen, soziale Ungleichheiten im Bildungssystem, die chronische Unterfinanzierung der Unis sowie Mängel bei der Umstellung auf Bachelor- und Master-Abschlüsse an. Sie fordern mehr Freiraum und die Abschaffung von Studiengebühren. Die Verkürzung der Studiendauer im Zuge der Einführung der Bachelorstudiengänge führte zu einer Verdichtung der Lehrpläne, die in der Regelstudienzeit kaum zu schaffen ist.
Kanzlerin Angela Merkel kündigte in ihrer am Samstag im Internet veröffentlichten Video-Botschaft an, dass die Bildungspolitik ein beherrschendes Thema der nächsten Wochen sein werde. Die Regierung werde im Dezember beraten, wie das vereinbarte Ausgaben-Ziel von sieben Prozent des Bruttoinlandsprodukts für Bildung bis zum Jahr 2015 umgesetzt werden könne, sagte Merkel.
Bundesbildungsministerin Annette Schavan (CDU) kündigte unterdessen im Focus an, bereits in den nächsten Tagen mit den Wissenschaftsministern der Länder sprechen zu wollen. "Die Studenten haben ein Anrecht zu erfahren, was wir unternehmen, um die Lehre zu verbessern", sagte sie.
- Datum 15.11.2009 - 12:35 Uhr
- Quelle ZEIT ONLINE, dpa
- Kommentare 25
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Nur durch reden und beschwichtigen allein, bekommen die Hochschulen nicht mehr Geld, man will es aussitzen.
...was die Studenten alles erreichen werden. Es muss sich definitiv einiges ändern. Meiner Meinung nach sind die Studenten an den deutschen Unis noch viel ärmer dran als die an den österreichischen, also hoffe ich, dass es hier noch mehr Proteste geben wird.
Ich habe nur noch nicht mitbekommen, dass Studenten für den Ausbau des Bafög protestieren. Ich hoffe, dass das auch noch kommt!!
"Kanzlerin Angela Merkel kündigte in ihrer am Samstag im Internet veröffentlichten Video-Botschaft an, dass die Bildungspolitik ein beherrschendes Thema der nächsten Wochen sein werde. Die Regierung werde im Dezember beraten, wie das vereinbarte Ausgaben-Ziel von sieben Prozent des Bruttoinlandsprodukts für Bildung bis zum Jahr 2015 umgesetzt werden könne, sagte Merkel."
Was für eine Kanzlerin: Zum einen hat sie als Kanzlerin praktisch ohnehin keinen Einfluss (mehr) auf die Bildungspolitik, da Ländersache (BaföG wird sie wohl kaum aufstocken), zum anderen ist das mit den sieben Prozent des BIP doch in der Wirtschaftskrise lächerlich. Gab's nicht kürzlich hier ein Artikel, dass das Ziel dank gesunkenem BIP schon erreicht sei?
Ich kann diese Frau nicht ernst nehmen, mit unseren Kanzlern geht's seit Kohl doch steil bergab.
ich bin sehr froh dass Kanzlerin Merkel auf meine kritische Bewertungen zum Hochschulreform positiv regiert hat:
http://community.zeit.de/...
http://community.zeit.de/...
Ob inzwischen die Aussage, die angeblich aus dem Kanzleramtkreis durchgesickert wird, dass Frau Merkel staendig in ZEIT die Kommentare von Runzheim mit grosser Vergnuegung liest, (Ihr lieblingsseit!),der Wahrheit entspricht, werde ich an dieser Stelle lieber bescheidend keine Stellung nehme.
Ich bin der meinung, das ist eher Aufgabe der Recherche von Journalisten.
Ein ist sicher, fuer Champange Laune habe ich zurzeit kaum Zeit, zumal ich eigentlich zurueckhlatender ruhiger Mensch bin.
Ich rechne jedoch den Erfog nicht nur mir selb zu. Die Redaktion von Zeit hat sicherlich gross dazu beigetragen. An dieser Stelle sage ich herzlich Danke.
Ob Frau Kanzlerin taeglich, oder wie oft Zeit liest, ist nicht wichtig, viel mehr bedeutender ist dass sie lesen kann, sie hat schliesslich pormoviert.
Wenn es sich wie jetzt daraus Frucht ergibt, ist doch auch schoen.
"Bundesbildungsministerin Annette Schavan (CDU) kündigte unterdessen im Focus an, bereits in den nächsten Tagen mit den Wissenschaftsministern der Länder sprechen zu wollen. "Die Studenten haben ein Anrecht zu erfahren, was wir unternehmen, um die Lehre zu verbessern", sagte sie."
Ach was... plötzlich sind die protestierenden Studenten nicht mehr "gestrig" wie Schavan sie beim Bildungsstreik noch abtat.
Spannend auch:
"Selbst die Kanzlerin greift das Thema in ihrer Video-Botschaft auf"
Es ist tragikomisch, dass es als überraschend betrachtet wird, dass die Kanzlerin sich zur Bildungskatastrophe an den deutschen Unis äussert. Aber vielleicht ist es auch einfach die Wahrheit. Studenten interessieren niemanden. Fehlende Absolventen hingegen dann schon.
Hmm...
Eingriffe ins Bildungssystem sind operationen am offenen Herzen der Menschen, die betroffen sind, und der Gesellschaft, die dann mit ihnen Leben muß.
Die Freiheiten, die ich in meinem Studium waren für den Studienerfolg und die Bildung entscheidend. Dazu gehört auch, daß ich mich auf Partys über Filme, Musik und Politik unterhalten habe.
So wie ich die Bachelor Studenten erlebe lernen sie vor allem eins: Durchhalten. Sicher, wichtig ist das schon aber benötigen wirdeshalb Akademiker? Damit es Leute gibt, die durchhalten können?
Wir brauchen Akademiker, weil wir Menschen benötigen, die kreative Ideen haben und Lösungen für Probleme hervorbringen, die teilweise aktut sind und die es teilweise noch gar nicht gibt. Sie sollen erschöpfend über ein Thema nachdenken können. Akademiker sollten womöglich auch von der Welt außerhalb ihres Faches Notitz nehmen und sich auch an Vorhaben versuchen, die noch kein andere versucht hat. Sie sollen Fachkenntnis besitzen und -ja- auch Durchhaltevermögen.
Das alte System mit Fachhochschule und Uni war gar nicht so schlecht darin, praxisnähere und theorienähere Akademiker auszubilden, die für die Gesellschaft eine Bereicherung sind und für die das Studium eine Bereicherung war. Zumindest letztes trifft bei mir zu.
Welche gesellschaftlichen Implikationen die Reform auf das Bachelor/Master System haben, kann ich nicht absehen. Persönliche Folgen für die Bachelor Absolventen sehe ich durchaus. Sie haben ihr Studium durchgehalten.
Wenn ich "Die Verkürzung der Studiendauer im Zuge der Einführung der Bachelorstudiengänge" lese, frage ich mich wer sich denn dieser Illusion hingibt. Der Bachelorabschluss ist quasi ein Vordiplom oder eine Magisterzwischenprüfung. Nicht mehr und nicht weniger!
Die Aussage: "Während einige Geisteswissenschaften mehr Struktur vertragen können, bräuchten die Ingenieurfächer eher mehr Freiheiten." halte ich zudem für sehr kurzsichtig. Der Mangel an Freiheit ist in einer Vielzahl an Fächern ein Problem. Man sollte jedoch nicht vergessen, dass vor der Reform das Grundstudium einen Überblick über die verschiedenen Teilsysteme einer Disziplin geliefert hat (oder dies zumindest sollte). Die Spezialisierung auf bestimmte Inhalte erfolgte innerhalb des Haupstudiums, dass dann wohl jetzt durch den Master representiert wird. Spätestens an dieser Stelle bedarf es in jedem Studienfach ein mehr an Freiheiten in der Lehre. Dies würde sicherlich auch vom Lehrpersonal begrüßt!
Darf ich fragen, woher Sie Ihr Wissen nehmen, dass der Bachelor nur einem Vordiplom oder einer Magisterzwischenprüfung entspreche?
Ich habe in beiden Systemen studiert und kann zumindest für meine Fächer (Geschichte & Latein) feststellen, dass im Grunde wenig fachliche Reduktion stattgefunden hat, d.h. im Wesentlichen ist das Magisterstudium von 10 auf 6 Semester verkürzt worden. Was diesem Studium jedoch leider abgeht, ist die Zeit, das Gelernte eingehend zu vertiefen. Summa summarum befinden sich meiner Erfahrung nach die wirklich guten Bachelorabsolventen fachlich auf einer ähnlichen Stufe wie die früheren Magister.
Darf ich fragen, woher Sie Ihr Wissen nehmen, dass der Bachelor nur einem Vordiplom oder einer Magisterzwischenprüfung entspreche?
Ich habe in beiden Systemen studiert und kann zumindest für meine Fächer (Geschichte & Latein) feststellen, dass im Grunde wenig fachliche Reduktion stattgefunden hat, d.h. im Wesentlichen ist das Magisterstudium von 10 auf 6 Semester verkürzt worden. Was diesem Studium jedoch leider abgeht, ist die Zeit, das Gelernte eingehend zu vertiefen. Summa summarum befinden sich meiner Erfahrung nach die wirklich guten Bachelorabsolventen fachlich auf einer ähnlichen Stufe wie die früheren Magister.
Bachelorstudiengänge sind ein Teil der Lügenmaschine um uns herum.
Die Befürworten wollen keinen mündigen und gebildeten Bürger. Die stehen dem Lügensystem am ehesten im Wege.
Menschen mit dem Geist eines Friedrich Schillers werden mit Bachelor nicht mehr auftreten. Das Lügensystem lebt durch Psychodruck,Selektion,Manipulation und Destabilisierung aller bewährten Strukturen.
Es lehrt nicht mehr das Denken, es lehrt allerhöchstens Gedachtes.
Wir sollten uns dieser staatlich subventionierten Volksverdummeung entziehen.
Der Einfluss der Bertelsmann-Stiftung auf die Hochschulreform war und ist groß. Der gehört zurück gedrängt.
Man möchte die Ökonomisierung aller Lebensbereiche durchsetzen - ob das Ergebnis sinnvoll ist, kratzt diese Vertreter nicht.
Der Einfluss der Bertelsmann-Stiftung auf die Hochschulreform war und ist groß. Der gehört zurück gedrängt.
Man möchte die Ökonomisierung aller Lebensbereiche durchsetzen - ob das Ergebnis sinnvoll ist, kratzt diese Vertreter nicht.
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