Studentenproteste

Ein Tänzchen auf dem Tisch

Studenten protestierten lautstark bei der Hochschulrektorenkonferenz. Doch das Verständnis für sie von allen Seiten droht ihren Zorn zu ersticken.

Dutzende Studierende haben die Berliner Dependance der Hochschulrektorenkonferenz (HRK) gekapert. Als HRK-Präsidentin Margret Wintermantel in einem Konferenzraum der Dachetage die Ergebnisse der jüngsten Mitgliederversammlung vorstellen will, kommt sie nicht weit. Nach wenigen Minuten ihres Referats über die neue Rekordzahl der Studienanfänger und die Bologna-Reform erklimmt ein Student in grobstolligen Schuhen und Ringelpulli den Konferenztisch. Zwischen HRK-Chefin und Fernsehkameras ereifert er sich im Brüllton über "diesen Mist" und die "haarsträubend blöden Zustände". Margret Wintermantel flieht aus dem Raum.

Anzeige

Einige der protestierenden Studenten zeigen sich nicht sehr begeistert von dem Alleingang: "Komm doch bitte runter", versucht eine Lehramtsstudentin die Situation zu retten. "So werden wir doch nicht ernst genommen!"

Bangt um die Qualität des Studiums: Student in Leipzig

Bangt um die Qualität des Studiums: Student in Leipzig

Das Aufeinandertreffen von HRK-Chefin und Studenten in dem Berliner Konferenzraum legt die Gräben zwischen Theorie und Praxis offen. Als sie zurück ist, spricht Wintermantel über "Studenten als Partner". An Evaluation und Weiterentwicklung der Studiengänge seien sie beteiligt. Die Protestler antworten mit Gelächter. "Mitbestimmung ist nicht der Fall", ruft ein Physikstudent. "Wir wollen in den Hochschulgremien etwas ändern." Ein Lehramtsstudent schildert, dass ihn Universitäten in München, Heidelberg und Hamburg für das Masterstudium abgelehnt haben, weil sie seinen Berliner Bachelor-Abschluss nicht anerkennen. "Ohne Master haben wir aber keine Chance", sagt eine seiner Studienfachkolleginnen.

Im Umgang mit aufgebrachten Studenten ist Wintermantel geübt. Sie kritisiert die "stark ideologisierte Debatte" und fordert Sachlichkeit ein. "Heul doch", blökt der Student, der den Tisch mittlerweile verlassen hat. Ein Stofftransparent wird herein getragen und entrollt.

Wenn wir weiter kritisches Denken und Eigenständigkeit fördern wollen, brauchen wir den Dialog zwischen Lehrenden und Lernenden

HRK-Präsidentin Wintermantel

Nach dem bundesweiten Protesttag der Studenten in der vergangenen Woche schien es für die Studenten zunächst schwierig zu sein, die Protestaktionen aufrecht zu erhalten. Vielerorts räumten sie die besetzten Hörsäle. Doch die Aussicht auf öffentlichkeitswirksamen Protest zur Mitgliederversammlung der Hochschulrektoren und zur Tagung der Kultusminister am 10. Dezember hält den Widerstandsgeist vorerst wach.

Im Geflecht der Schuldzuweisungen ist ein Gegner für die Studenten kaum auszumachen: Die Hochschulrektoren machten die Bundesländer dafür verantwortlich, dass die Lehre unterfinanziert und das Studium überreguliert sei. Der Präsident der Kultusministerkonferenz, Henry Tesch aus Mecklenburg-Vorpommern, erinnert die Hochschulen daran, dass sie die "Studierbarkeit der Bachelor- und Masterstudiengänge zu gewährleisten" hätten. Und Bundesbildungsministerin Annette Schavan (CDU) sieht für die Umsetzung der Reform die Länder am Zug.

Wohltätige Umarmungen drohen den Zorn der Studentenschaft zu ersticken: Schavan verkündete, das Bafög zu erhöhen und ein nationales Stipendiensystem einzuführen. Der Frankfurter Uni-Präsident Werner Müller-Esterl lädt Studierende zu "Roundtables". Sein Berliner Amtskollege von der Humboldt-Universität, Christoph Markschies, zeigt Verständnis für den Protest der Studenten. "Von 250 Studiengängen sind zehn Prozent wirklich schlecht", lautet seine Selbstanalyse.

Gegen Ende des Zusammentreffens in Berlin scheint der Graben zwischen Wintermantel und den Studenten weniger tief. "Wenn wir weiter kritisches Denken und Eigenständigkeit fördern wollen, brauchen wir den Dialog zwischen Lehrenden und Lernenden", sagt sie. Die Demonstranten applaudieren.

Anzeige
Leser-Kommentare

  1. .. das ich nicht lache! Elitenförderungen pur ist das! Die besten 10% eines Studienganges sollen diese Förderung erhalten, und das dürften schon jetzt diejenigen Studenten sein, die sowieso aus gut betuchten Akademikerelternhäusern stammen.
    Ich will hier keine Spaltung innerhalb der Studierenden provozieren, aber diese Reförmchen sind doch wirklich lachhaft und bedienen doch wieder nur das gewünschte Zielklientel.

    Liebe Studenten, bleibt standhaft in euren Protesten.. auch nach der weihnachtlichen Heimkehr in eure Familien.

    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    Ich sehe leider Ihr Problem nicht.
    Die besten 10% eines Studienjahrganges kommen zum einen nicht aus "gute betuchtem Hause" wie Sie zu glauben scheinen, denn für diese sehe ich einfach keinen Vorteil. Wer anfängt zu studieren, ist nach 4 Wochen auf gleichem Niveau, vorausgesetzt er leistet dafür viel. Aus finanziell schwächerem Hause muss man selbst zu Studienbeginn wegen z.B. BaFöG nicht arbeiten (zumindest im 1.-2. Semester) und hat somit genau die gleiche Chance wie andere Studenten.
    Zum anderen ist es doch jetzt schon so, dass die besten Studenten Stipendien erhalten, nur wären mit einem nationalen Stipendium die Auswahlprozesse nicht mehr so komplex und mehr Studenten könnten davon profitieren.
    Außerdem gibt es so eher eine Gleichberechtigung als mit den vielen Studienstiftungen, die (in meinen Augen) unfairerweise z.B. Frauen in techn. Studiengängen oder ausländische Studenten bevorteilen bei der Auswahl oder sogar nur für diese ausgeschrieben sind.

      Deftone

    @RobJir: Man muss schon sehr blind sein, man muss schon viele Studien ignorieren, man muss schon mit geschlossenen Augen durch die Welt gehen um zu glauben, dass unsere Elite tatsächlich unter Chancengleichheit zur Elite wurde und die obersten 10% nicht vorwiegend dort sind, weil sie aus einem entsprechenden Hause kommen.

    Freie Bildung bedeutet nicht eine Minderheit zu bevorzugen die von Haus aus gute Bedingungen hat sich durch Leistung zu profilieren. Freie Bedingung bedeutet, dass jeder die gleiche Chance haben muss, ein Studium zu absolvieren, welches den Intellekt und den Charakter fördert, um anschließend qualifizierter Teil einer modernen gesellscahft zu sein. Dazu muss man keine Einsernoten haben, dazu muss man keine Elite sein. Dazu muss man Mensch sein.

  2. 2. ...

    Die Wut des "Tänzers auf dem Tische" kann ich absolut nachvollziehen - gegenüber dem offensichtlichen Verkennen der Anliegen der Studenten kann einem nur schlecht werden.

    Aber in solch einem Gremium, wie der HRK Konferenz, ein derart albernes Tänzchen aufzuführen, finde sehr unangebracht.

    Wir müssen uns GEGENSEITIG ernst nehmen und vor allem den Hochschulpolitikern auf gleicher Ebene begegnen, wenn die Studenten als Dialogpartner fungieren wollen und etwas an den Strukturen geändert werden soll!

    • 25.11.2009 um 20:44 Uhr
    • RobJir

    Ich sehe leider Ihr Problem nicht.
    Die besten 10% eines Studienjahrganges kommen zum einen nicht aus "gute betuchtem Hause" wie Sie zu glauben scheinen, denn für diese sehe ich einfach keinen Vorteil. Wer anfängt zu studieren, ist nach 4 Wochen auf gleichem Niveau, vorausgesetzt er leistet dafür viel. Aus finanziell schwächerem Hause muss man selbst zu Studienbeginn wegen z.B. BaFöG nicht arbeiten (zumindest im 1.-2. Semester) und hat somit genau die gleiche Chance wie andere Studenten.
    Zum anderen ist es doch jetzt schon so, dass die besten Studenten Stipendien erhalten, nur wären mit einem nationalen Stipendium die Auswahlprozesse nicht mehr so komplex und mehr Studenten könnten davon profitieren.
    Außerdem gibt es so eher eine Gleichberechtigung als mit den vielen Studienstiftungen, die (in meinen Augen) unfairerweise z.B. Frauen in techn. Studiengängen oder ausländische Studenten bevorteilen bei der Auswahl oder sogar nur für diese ausgeschrieben sind.

    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    ... nämlich um den Symbolcharakter solcher Politik. Warum werden nicht Studenten gefördert die sich sozial engagieren? Abgesehen davon, haben Sie mal BaFög beantragt? Ich mache ja den Damen (es sind nur Damen die da im Studentenwerk sitzen) keinen Vorwurf, denn sie tragen lediglich ein System, dass auf den Mist anderer gewachsen ist, aber dennoch: Es kann doch nicht sein, dass man sich erstens völlig gläsern machen muss für das Amt (fehlt nur noch das sie nach der unterhosengröße fragen) und zweitens, so die Familiensituation etwas schwieriger ist (was ja in deutschland kein einzelfall mehr sein soll, falls sie mir das unterstellen wollen) dieses Bürokratiemonster auch noch mit den persönlichen Leidensgeschichten gefüttert werden muss, damit es einigermaßen schnell (3 Monate sollte man sich aber schon mindestens Zeit nehmen um aus Geld zu warten) anfängt zu arbeiten.
    Zu meiner These zurück: Ich denke schon, dass Studenten aus einem gut situierten akademischen Elternhaus bessere Chancen haben, als andere, denen dieses Glück vergönnt ist. Wie war das gleich, was diese ominöse OECD-Studie da letztens formulierte? "In keinem anderen Land, entscheidet die soziale Herkunft so sehr über die Bildungserfolge der Kinder wie in Deutschland"... das müssen die sich aus den Fingern gesogen haben.

  3. Es geht doch in erster Linie nicht darum das Studium durch Bafög und Co. finanzierbarer zu machen. Das Bachelor/Master Studium krankt an der Undurchführbarkeit seiner Anforderungen und der Unvereinbarkeit von Studium und erweiterung des Horizontes. Das Bachelor/Master System ist eine Zuschneidung der Studierenden auf Wirtschaftszweige und Unternehmen. Natürlich will man nach dem Studium mit seinem Wissen auch Geld verdienen. Doch im Idealfalls soll, nein muss das Studium eine Gelegenheit sein seinen Horizont zu bilden, seinen Geist zu erweitern und auch den Charakter zu stärken. Am Ende eines solchen Studiums steht nicht die perfekte Aufmachung für den Beruf X sondern die Fähigkeit die Welt vllt ein bißchen zu verändern und vllt. sogar besser zu machen.
    Das Studium sollte BWLer hervorbringen, die China nicht nur als Markt oder Wirtschaftsraft begreifen, sondern als Land, mit Geschichte, Kultur und mit Individuen und ihren persönlichen Bestrebungen.
    Ein Geisteswissenschaftler sollte nicht nur wissen wann Melville gelebt hat und wieviele seiner Bücher Weltliteratur sind, um diese dann in einem Magazin die neueste Weihnachtsedition kommentieren zu können, sondern erkennen inwiefern Literatur den Menschen verändert hat, verändern kann und etwas darstellt.
    Die Problem des Studienaufbaus ist meiner Meinung nach nur ein Symptom eines gesamtgesellschaftlichen Problems. Wir leben in einer Wirtschafts/Wachstumsorientierten Gesellschaft, es geht nur um Wachstum, nicht um Erkenntnis.

    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen
      Deftone

    Ihren Worten muss ich uneingeschränkt zustimmen. Besonders dieser krankhafte Wachstumsgedanke, den uns unsere Chrsitdemokraten und Pseudo-Liberale aufdrücken wollen, führt zu einer Geistigen Verarmung zu gunsten von Arbeit, Arbeit, Arbeit.

  4. ... nämlich um den Symbolcharakter solcher Politik. Warum werden nicht Studenten gefördert die sich sozial engagieren? Abgesehen davon, haben Sie mal BaFög beantragt? Ich mache ja den Damen (es sind nur Damen die da im Studentenwerk sitzen) keinen Vorwurf, denn sie tragen lediglich ein System, dass auf den Mist anderer gewachsen ist, aber dennoch: Es kann doch nicht sein, dass man sich erstens völlig gläsern machen muss für das Amt (fehlt nur noch das sie nach der unterhosengröße fragen) und zweitens, so die Familiensituation etwas schwieriger ist (was ja in deutschland kein einzelfall mehr sein soll, falls sie mir das unterstellen wollen) dieses Bürokratiemonster auch noch mit den persönlichen Leidensgeschichten gefüttert werden muss, damit es einigermaßen schnell (3 Monate sollte man sich aber schon mindestens Zeit nehmen um aus Geld zu warten) anfängt zu arbeiten.
    Zu meiner These zurück: Ich denke schon, dass Studenten aus einem gut situierten akademischen Elternhaus bessere Chancen haben, als andere, denen dieses Glück vergönnt ist. Wie war das gleich, was diese ominöse OECD-Studie da letztens formulierte? "In keinem anderen Land, entscheidet die soziale Herkunft so sehr über die Bildungserfolge der Kinder wie in Deutschland"... das müssen die sich aus den Fingern gesogen haben.

  5. ..noch was: Wer glauben sie steht als Absolvent später besser da auf dem Arbeitsmarkt? Derjenige mit einem Schuldenberg (denn das BaFög muss ja zumindest zur Hälfte wieder zurückgezahlt werden, von Studienkrediten mit horrenden Zinsen brauchen wir gar nicht erst anfangen) oder derjenige, der Dank reicher Eltern frisch und munter aus dem Studium in eine Arbeitswelt trifft, in der Papa schon die passenden Connections warmgehalten hat?

    Ja ich vereinfache, dass ist mir durchaus bewusst. Es ändert aber nichts an der Falschheit des Systems und der Richtigkeit der Forderungen nach freier und chancengleicher Bildung.

    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen
      Deftone

    10.000€ Schulden hat jemand, der sowohl den Höchstsatz Bafög erhalten hat als auch einen Studienkredit aufnehmen musste.
    Jetzt kann man Argumentieren: Die bekommen das doch später wieder, mit ihrem qualifizierten Beruf. Aber dem ist nicht so. Besonders im Geisteswissenschaftlichen bereich verdienen viele nicht mehr als ein busfahrer. Und das wissen ide, die wollen nicht das große Geld wie die meisten BWL Studenten, die wollen in der sozialen Arbeit hilfreich sein, in der Philosophie den Kern der Welt erörtern usw. Auch Ärzte haben später nicht unbedingt das beste Gehaltl. Denken sie nur an Ärzte ohne Grenzen. Ein Studium ist kein Garant für ein hohes Gehalt, das soll es auch nicht sein. Aber es sollte endlich die Annahme fallen, dass das bisschen Schulden den Studenten schon nichts macht. Es macht sehr viel!

  6. ... wenn wir Studienfinanzierung für alle ermöglichen würden. Dann müsste sich niemand mehr vor dem BAFöG Amt ausziehen oder doch noch nebenher arbeiten, weil das bewilligte Teil-BAFöG nicht aureicht.
    Ein größeres Problem ist, dass Studienfinanzierung nur diejenigen aus nicht wohlhabenden Familien betrifft, die es durch ein höchst ungerechtes Schulsystem bis zur Hochschulreife geschafft haben. In diesem Bereich muss Deutschland sich endlich verbessern!!!
    Ich hoffe auf weitere kreative und vorallem erfolgreiche Proteste!

  7. Endlich tut sich was in Deutschlands Studentenschaft. Der Widerstand sollte sich nicht auf das vermeintliche oder tatsächliche Scheitern von Bologna beschränken, sondern wirklich grundsätzlich die Verkürzung des Studiums auf den Ausbildungsaspekt kritisieren.

    Eine Gesellschaft, die an Demokratieverdruss, sinkenden Wahlbeteiligungen, Integrations- und Innovationsproblemen krankt, kann es sich nicht leisten, stiefmütterlich mit ihrem intelligenten Nachwuchs umzugehen. Die Zucht zur ökonomistischen Zweckrationalität - in ZEIT Campus regelmäßig als "Pragmatismus" gelobt - ist eine Notgeburt, die die freiheitlich demokratische Grundordnung, auf die alle so stolz sind, nicht tragen.

    Es sind die materiellen Verhältnisse, die zusätzlich drücken. Wenn die Mehrzahl der Studierenden mehr Zeit im Nebenjob verbringen als in der Bibliothek, dann werden die Bedingungen nicht besser oder gerechter. Langsam scheinen das auch die Betroffenen einzusehen.

Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren

Service