Stress an der Uni

"Vielen Studenten ist das Tempo zu schnell"

Michael Egeri arbeitet seit 30 Jahren als psychologischer Studienberater an der Ruhr-Uni Bochum. Mit welchen Problemen Studenten zu ihm kommen, erklärt er im Interview.

Viele Studenten sind einfach nur aus der Spur geraten, andere brauchen professionelle Hilfe

Viele Studenten sind einfach nur aus der Spur geraten, andere brauchen professionelle Hilfe

ZEIT ONLINE: Herr Egeri, das Deutsche Studentenwerk hat gerade Zahlen genannt, nach denen die psychologischen Beratungsstellen an den Unis 20 Prozent mehr Studierende zu betreuen haben als noch 2007. Haben Sie das auch festgestellt?

Michael Egeri: Ich denke, der Anstieg bei uns in der psychologischen Beratung der Uni Bochum liegt zwischen 10 und 20 Prozent.

ZEIT ONLINE: Haben sich die Gründe verändert, aus denen die Studierenden Hilfe suchen?

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Egeri: Ja. Es fällt auf, dass ganz viele kommen, die es nicht schaffen, diesen schnellen Takt zu halten. Früher hatten wir eher Studierende, die wussten, dass sie geschlampt haben oder dass ihnen die Motivation fehlt. Nun kommen viele völlig verzweifelt an und sagen: "Wir kommen einfach nicht mehr hinterher." Aber die alten Gründe bestehen weiterhin.

ZEIT ONLINE: Welche sind das?

Egeri: Die häufigsten Gründe sind Angststörungen in allen Formen und leichte bis mittelschwere Depressionen. Hinzu kommen Zukunftsängste und Erschütterungen, ausgelöst etwa durch nicht bestandene Prüfungen. Das sind klassische Probleme, die für die Adoleszenz-Phase typisch und auch wichtig sind: Wer bin ich? Was soll aus mir werden? Das sind die Fragen, die sich junge Menschen stellen. Problematisch ist, dass sich die Studierenden durch die schnelle Taktung des Bachelor-Systems keine Versagenszeiten im Semester mehr erlauben dürfen.

ZEIT ONLINE: Das war früher anders?

Egeri: Früher konnte man auch mal nicht in die Vorlesung gehen und etwas zu Hause nachlesen. Das ist nicht mehr möglich, es gilt Anwesenheitspflicht. Wer einmal im Semester aus dem Tritt gekommen ist, der hat es jetzt viel schwerer wieder aufzuholen. Viele suchen die Schuld bei sich selbst, sie sehen ja, dass andere es schaffen. Sie denken: "Ich bin wohl nicht gut genug, da muss ich noch härter arbeiten!" Es kommen junge Menschen zu uns mit einem klassischen Burn-out-Syndrom.

ZEIT ONLINE: Nehmen Studierende heutzutage ihr Studium zu ernst?

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Leser-Kommentare

  1. denn studieren (laut wikipedia "nach etwas" streben) ist ja nicht gleich zu setzen mit "möglichst schnell möglichst viele Module bestehen". Letzteres verleitet zum "Auswendiglernen" und Prüfungsvorbereitung im Sinne von "Möglichst viele alte Prüfungen durchackern und genau auf den Fragetyp vorbereitet sein".

    Wir werden dies brutal merken in ein paar Jahren. Ich merke es jetzt schon, wenn Praktikanten jegliches tiefere, interdisziplinäre und aber auch Umgebungswissen (ums Fachgebiet) fehlt. Man kann ihnen das nicht vorwerfen, wenn man ihre Studieninhalte und das Pensum kennt. Mit studieren im Sinne von nach der Erleuchtung im Fachgebiet streben hat das nichts mehr zu tun.
    Die Zunahme an psychischen Leiden ist daher nicht überraschend.

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    "Letzteres verleitet zum "Auswendiglernen" und Prüfungsvorbereitung im Sinne von "Möglichst viele alte Prüfungen durchackern und genau auf den Fragetyp vorbereitet sein"."
    naja neu ist das auch nicht, wir haben uns auch nur von schein zu schein geangelt ;-)
    der druck ist mancherorts durch die studiengebühren erhöht worden, was bedeutet, daß man nicht mehr einfach unbegrenzt aufs nächste semester verschieben kann, wenns dieses semester nicht gelangt hat.

  2. An welchen Uni/FH- Standorten gibt es denn in größerem Maße Anwesenheitspflicht? Ist übrigens eine ernstgenmeinte Frage, da ich das so als BA- Student nicht kenne.

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    Die Anwesenheitspflicht hängt vor allem vom Fach ab. Bekannte, die Wirtschaftsingenieurwesen studieren, haben fast keine Anwesenheitspflicht, da sie fast nur Vorlesungen haben die bei z.T. bis zu 1000 Hörern nicht kontrolliert werden (können).

    In Fächern mit vielen Seminaren besteht die Anwesenheitspflicht jedoch auf jeden Fall, maximal zwei- oder dreimal fehlen pro Semester pro Kurs sind wohl die Norm.

    Und noch ein weiterer Kommentar: Ich freu mich immer über Situationen wie folgende: Dozent stellt ein kontroverses Thema in den Raum, und die erste Nachfrage ist nicht "ist das wirklich so?/kann man das nicht anders sehen?" sondern "wie kann ich das denn lernen?".

    Ist nicht immer so, und auch erfahrungsgemäß von Fach zu Fach verschieden (in manchen sammeln sich nun mal die Schafe), aber doch eine Tendenz die mir aufgefallen ist.

    Ich kann nur für Unis sprechen: Grundsätzlich überall, wo Bachelor- und Mastermodule angeboten werden, da Anwesenheit integrierter Bestandteil der Prüfungsleistungen ist. Hier und da sperren sich einige Fakultäten, aber um so mal eine Prozentzahl anzupeilen würde ich real 80-90% schätzen.

    Anwesenheitspflicht   Takeshi Vokuhila

    Ich muss nur auf den Seminaren anwesend sein. Allerdings ist meine Uni nicht in der BRD. Eine Anwesenheitspflicht fände ich strunzdumm - viele meiner Kommillitonen müssen für ihre(n) Nebenjob(s) flexibel sein und hätten keine Chance, gleichzeitig immer anwesend und liquide zu sein.

    Um deiner Frage jetzt mal eine konkrete Antwort zu geben.

    An der Ruhr-Uni Bochum - woher ja auch der Herr Egeri kommt - ist es wirklich extrem mit der Anwesenheitspflicht und es gibt kaum Module ohne Anwesenheitspflicht und das Fachbereichsübergreifend.

    Ich studiere an der nicht weit entfernten FH und bei uns gibt es nirgends Anwesenheitspflichten in Vorlesungen.

    Ich kenne daher auch viele Studenten, aus verschiedenen Fachbereichen, von der Ruhr-Uni die sich immer darüber beklagen.

  3. "Letzteres verleitet zum "Auswendiglernen" und Prüfungsvorbereitung im Sinne von "Möglichst viele alte Prüfungen durchackern und genau auf den Fragetyp vorbereitet sein"."
    naja neu ist das auch nicht, wir haben uns auch nur von schein zu schein geangelt ;-)
    der druck ist mancherorts durch die studiengebühren erhöht worden, was bedeutet, daß man nicht mehr einfach unbegrenzt aufs nächste semester verschieben kann, wenns dieses semester nicht gelangt hat.

    • 10.11.2009 um 18:10 Uhr
    • Leusis

    Die Anwesenheitspflicht hängt vor allem vom Fach ab. Bekannte, die Wirtschaftsingenieurwesen studieren, haben fast keine Anwesenheitspflicht, da sie fast nur Vorlesungen haben die bei z.T. bis zu 1000 Hörern nicht kontrolliert werden (können).

    In Fächern mit vielen Seminaren besteht die Anwesenheitspflicht jedoch auf jeden Fall, maximal zwei- oder dreimal fehlen pro Semester pro Kurs sind wohl die Norm.

    Und noch ein weiterer Kommentar: Ich freu mich immer über Situationen wie folgende: Dozent stellt ein kontroverses Thema in den Raum, und die erste Nachfrage ist nicht "ist das wirklich so?/kann man das nicht anders sehen?" sondern "wie kann ich das denn lernen?".

    Ist nicht immer so, und auch erfahrungsgemäß von Fach zu Fach verschieden (in manchen sammeln sich nun mal die Schafe), aber doch eine Tendenz die mir aufgefallen ist.

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      BadSchandex

    Dozent stellt ein kontroverses Thema in den Raum, und die erste Nachfrage ist nicht "ist das wirklich so?/kann man das nicht anders sehen?" sondern "wie kann ich das denn lernen?"

    Haben Sie es gut. Meine Studenten haben immer als ersten gefragt: "Kommt das im Examen dran?" ;-)

    • 10.11.2009 um 18:16 Uhr
    • Komabe

    Ich kann nur für Unis sprechen: Grundsätzlich überall, wo Bachelor- und Mastermodule angeboten werden, da Anwesenheit integrierter Bestandteil der Prüfungsleistungen ist. Hier und da sperren sich einige Fakultäten, aber um so mal eine Prozentzahl anzupeilen würde ich real 80-90% schätzen.

  4. Also ich studiere WIng an einer FH und habe in keinem Fach Anwesenheitspflicht, obwohl es bei max 120 Studenten durchaus kontrollierbar wäre. Daher bin ich ein wenig überrascht.

  5. Studiere z.Z. in einem Masterstudiengang. Habe 5 Seminare (Vorlesungen gibt es bei uns in diesem Studiengang so gut wie gar keine). Haben alle besagte Anwesenheitspflicht, bei der man maximal 2x fehlen darf. Neben der sehr umfangreichen Vor- und Nachbereitung muss ich nicht nur den Haushalt alleine meistern, sondern sollte auch zusätzlich gewisse Lücken meinen Bildungsstand betreffend selbstständig schließen. Teilweise ist es schon sehr sehr hart und ich kann es ohne Weitres nachvollziehen, dass bei den Bedingungen, wie ich sie auch hier an der Uni erlebe, viele einfach nicht mehr mitkommen (mich eingeschlossen).
    Zeit, mich mit Inhalten intensiv zu befassen, die mich ernsthaft interessieren würden, habe ich eigentlich keine mehr (leider).

    • 10.11.2009 um 18:47 Uhr
    • zagy

    Ich hätte mit Anwsenheitspflicht garnicht studieren können. V.a. ist es doch
    wirklich dämlich sich Vorlesungen antun zu müssen deren Stoff man eh kennt oder die so schlecht/langweilig sind, dass Nachlesen zu besseren Ergebnissen führt.

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    Nun, zumindest an der Göttinger Uni (an der ich gerade im MA studiere) wurde mit dem BA/MA 2005 auch eine Anwesenheitspflicht in Vorlesungen eingeführt. Allerdings seit einigen Semestern auch wieder kassiert, was auch nicht unsinnig ist.
    Eine Anwesenheitspflicht in Seminaren, die es ja auch früher gab, besteht jedoch weiterhin. Wie man ein sinnvolles Studium durchziehen können soll (zumindest in den Kulturwissenschaften), ohne in den Seminaren, die immerhin den Kern des Studiums ausmachen, kontinuierlich anwesend zu sein, ist mir nicht klar.

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