Bologna-Reform Bologna hat mit dem amerikanischen Bachelor nichts zu tun

Julian Nida-Rümelin wolle eine Rückkehr zum Alten, kritisierte Sebastian Litta. Hier die Replik: US-Eliteunis sind kein Vorbild für die Humboldtsche Reformuniversität.

Diese Gegenkritik wirkt auf mich wie eine große Nebelkerze. Ich werde versuchen, einige der aufgekommenen Nebelschwaden wieder wegzublasen.

Können wir uns darauf einigen, dass fast alle der Bologna-Ziele nicht erreicht worden sind? Mehr Mobilität: Fehlanzeige! Verbesserung der internationalen, insbesondere transatlantische Konkurrenzfähigkeit: Fehlanzeige! Niedrigere Abbrecher-Quote? Fehlanzeige.

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Ist dieses hohe Maß an Verschulung, wie es nun auch die Geistes- und Sozialwissenschaftlichen Studiengänge prägt, sinnvoll? Ich glaube nicht. Ist es sinnvoll, dass nun mündliche Vorträge als Leistung nicht mehr bewertet werden können? Ich glaube nicht. Ist es sinnvoll, dass in der Regel keine schriftlichen Hausarbeiten mehr während der vorlesungsfreien Zeit geschrieben werden können? Ich glaube nicht.

Mir muss niemand erklären, dass viele Aspekte der Humboldtschen Universitätsidee fragwürdig oder historisch überholt sind - ich habe mich dazu oft genug mündlich wie schriftlich geäußert (vgl. mein Buch Humanismus als Leitkultur – C H Beck 2006.) Aber der Grundgedanke, dass die Universität kein Schulbetrieb mit kanonischem Lehrstoff sein sollte, und dass die universitäre Lehre von denjenigen angeboten werden sollte, die sich auch in der Forschung bewähren, bleibt richtig. Auch die Idee, dass forschungsorientiertes Lernen an den Universitäten Fähigkeiten und Charaktermerkmale bildet, die auch außerhalb der Akademia im Beruf wertvoll sind, ist nach wie vor richtig.

Wir sollten endlich aufhören das Märchen zu erzählen, dass die US-amerikanischen Spitzenuniversitäten ein Alternativmodell zur Humboldtschen Reformuniversität seien. Das Gegenteil ist richtig. Gerade die US-amerikanischen Spitzenuniversitäten orientieren sich bis heute an den Leitideen der Humboldtschen Reformuniversität – anlässlich der 200-Jahr-Feier der Humboldt-Universität in Berlin hat das der langjährige Präsident der Standford-Universität erneut und völlig unmissverständlich klar gemacht.

Es wäre auch erfreulich, wenn nicht weiter die Legende verbreitet würde, dass das, was hier mit dem Bologna-Prozess umgesetzt wird, den US-amerikanischen BA-Studiengängen entspräche. Diese sind vergleichsweise wenig verschult, sie haben weite Bereiche der Wahlfreiheit und vermitteln eher Bildungswissen als employability.

Besonders abwegig ist der Verweis auf die Leuphana-Universität als Alternativmodell. Dieses hat sich von Anbeginn gerade an den Humboldtschen Grundideen orientiert, ihr Präsident Sascha Spoun hat noch vor seinem Wechsel an die Universität Lüneburg mit mir ein langes und sehr konstruktives Gespräch zu den Zielen der Reform gehabt. Ich habe es damals sehr bedauert, dass ich aus Zeitgründen nicht in den Hochschulrat der Universität gehen konnte.

Die Proteste der Studierenden zeigen, dass wir das brauchen, für das ich seit zwei Jahren werbe, nämlich eine rasche Reform der Reform. Den Bologna-Apologeten empfehle ich die Kompromiss-Angebote anzunehmen,– die Alternative wäre den Bologna-Prozess als Ganzen zu beerdigen. Die europaweite Dynamik der Studierenden-Proteste lässt dies nicht mehr völlig undenkbar erscheinen.

In einem Punkt kann ich die Kritik aufnehmen: Nach einem längeren bildungs- und hochschulpolitischen Gespräch mit Herrn Kilius von McKinsey, habe ich den Eindruck gewonnen, dass bei McKinsey die Antennen für Kritik auch für den Respekt vor der Humboldtschen Tradition ausgefahren sind. In der Hoffnung, dass dieser Eindruck nicht trügt, werde ich „McKinsey“ und „Humboldt“ nicht mehr als diametrale Symbole in Anspruch nehmen.

Der Autor ist Philosophieprofessor in München und war von 2001 bis 2002 Kulturstaatsminister. Hier hatte er drei Vorschläge für eine Reform der Bologna-Reform gemacht.

 
Leser-Kommentare
    • T Wolf
    • 21.12.2009 um 21:46 Uhr

    Leuphana ist vor allem aber deshalb auf Abwege geraten, weil die angeblich "humanistische" Ausrichtung nichts als eine geschickte PR-Parole ist, im inneren hat die Leuphana seit dem Antritt Sascha Spouns einen totalen Demokratieverlust erlebt, sie erinnert mehr an Scientology als an eine demokratisch verfasste Hochschule. Sie ist nichts anderes als eine radikal auf Kosten von Lehre und Forschung durchgezogene unternehmerische Hochschule - ganz im Sinne der schwarzgelben Landesregierung in Niedersachsen. Der Leuphana-Bachelor ist kein Alternativmodell, sondern ein Modell zur Studienzeitvernichtung.

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