Bildungsstreik "Wir waren noch nicht laut genug"
Anja Gadow vom Studierenden-Dachverband fzs sagt, die Studierenden suchen den Dialog. Die Hochschulleitungen hingegen riskierten Gewalt, wenn sie Gebäude räumen ließen.
Frage: Frau Gadow, im Juni haben bundesweit Hunderttausende Schüler und Studierende am Bildungsstreik teilgenommen. Politiker und Unis stellten Reformen in Aussicht. Warum setzen Sie die Aktionen jetzt fort?
Anja Gadow: Es ist bei Ankündigungen geblieben. Statt mehr Bafög gibt es sozial selektive Stipendien. Der ursprüngliche Fehler von Bund und Ländern, die Einführung von Bachelor und Master finanziell und organisatorisch deutlich zu unterstützen, ist nicht korrigiert worden. Auch hat die Kultusministerkonferenz ihre detaillierten Vorgaben nicht aufgehoben. Es bleibt bei einer Begrenzung von Bachelor und Master auf insgesamt zehn Semester, der Bachelor soll weiter der Regelabschluss sein. In den Ländern gibt es die unterschiedlichsten Regelungen, was die Mobilität erschwert. Vieles ist ungeklärt. Was geschieht zum Beispiel, wenn ich nach einem sechssemestrigen Bachelor in einen nur dreisemestrigen Master wechsele und so nur 270 statt der eigentlich insgesamt geforderten 300 Leistungspunkte erwerbe?
Frage: Nicht alle Fehler der Reform sind von der Politik verursacht.
Gadow: Das stimmt. Leider wurde an den Hochschulen bei der Studienreform oft alter Wein in neue Schläuche gefüllt. Viele Professoren berufen sich auf ihre Freiheit in Forschung und Lehre, um ja nichts ändern zu müssen. Was bringt es dann Studierenden, wenn sie zwar die Lehre evaluieren dürfen, aber den Beamten doch keine Konsequenzen drohen?
Frage: Sind die neuen Aktionen auch eine Reaktion auf die Bildungspolitik der neuen Bundesregierung?
Gadow: Nein. Wir haben Annette Schavan ja schon vier Jahre lang ertragen müssen. Auch ohne den Regierungswechsel hätte es genug Gründe gegeben, die Aktionen fortzusetzen.
Frage: Auch liberale und konservative Studierendenverbände kritisieren die Unterfinanzierung und verschulte Studiengänge. Die Forderungen des Streikbündnisses reichen darüber aber weit hinaus. Könnte das den Rückhalt der Proteste in der Studierendenschaft nicht schwächen?
Gadow: Natürlich greift der RCDS als Studentenverband der Regierung die Regierung nicht gerne an. Im Grunde gehen unsere Forderungen aber gar nicht so viel weiter. Allerdings kritisieren wir, dass an den Hochschulen inzwischen alles nur noch auf Elite ausgerichtet ist und Drittmittel die Grundfinanzierung ersetzen müssen. Das beschädigt dann die Geisteswissenschaften, die nicht unmittelbar wirtschaftlich verwertbar sind. Die Universitäten meinen plötzlich, auf ein Fach wie Philosophie verzichten zu können. Und das im Land der Dichter und Denker.
Frage: Seit Jahrzehnten gibt es immer wieder Studierendenproteste. Was unterscheidet den jetzigen Streik von den vorigen?
Gadow: Die Räume, in denen die Kommilitonen vor 20 Jahren saßen, sind inzwischen noch gammliger. Es gibt Schimmel und man friert. Außerdem gibt es inzwischen Studiengebühren. Und wir haben mehr Druck, weil jetzt jede Leistung vom ersten Semester an zählt. Im Grunde geht es aber um die gleichen Sachen.
Frage: Sozialforscher sagen, Schüler und Studierende würden auch aus Angst um ihre Zukunftschancen auf die Straße getrieben. Teilen Sie diese Analyse?
Gadow: Ja. Die Professoren erklären einem: „Mit dem Bachelor seid ihr nichts wert!“ Dann hat man Angst, dass man schnell rausgeprüft wird, damit die Uni leerer wird. Man muss mitten in der Finanzkrise auf den Arbeitsmarkt, dabei hat man sich wegen der Studiengebühren sogar verschuldet.
Frage: Für die Studienreform Verantwortliche an Berliner Universitäten erklären, die Studierenden würden sich kaum an der Verbesserung ihrer Studiengänge beteiligen. Was verhindert studentisches Engagement?
Gadow: Wie viele Studierende sich engagieren, ist von Institut zu Institut völlig unterschiedlich. Natürlich ist es schwer, sich zu engagieren, wenn die Stundenpläne so voll gestopft sind. Und wie will man an einer Gremiensitzung teilnehmen, wenn zur gleichen Zeit Anwesenheitspflicht in einer Lehrveranstaltung herrscht. Wichtig ist jedenfalls, dass die Dozenten die Studierenden nicht als kleine Kinder, sondern als Erwachsene wahrnehmen, mit denen sie auf Augenhöhe sprechen können.
Frage: Sie selbst haben sich im Akkreditierungswesen engagiert. Was sind Ihre Erfahrungen?
Gadow: Die Qualitätssicherung funktioniert schon deshalb nicht, weil eine offene Aussprache über Stärken und Schwächen eines Curriculums nicht möglich ist. Die Wissenschaftspolitiker und Unipräsidenten bestrafen aufgedeckte Mängel mit Abzügen bei der leistungsbezogenen Mittelvergabe. Darum geht es den antragstellenden Hochschulen nicht um eine ehrliche Debatte, sondern um die Show.
Frage: Was muss passieren, damit die jetzigen Proteste mehr Erfolg haben als die vom Sommer?
Gadow: Möglicherweise waren wir noch nicht laut genug. Kann sein, dass die uneinsichtigen Politiker immer noch mehr Streiks brauchen. Aber immerhin hat sich der DGB hinter uns gestellt. Das macht Mut.
Frage: Ist es denkbar, dass frustrierte Studierende auch gewaltbereiter werden?
Gadow: Die Studierenden werden auch in Zukunft den Dialog suchen. Leider kann man das von vielen Unileitungen nicht sagen. Sie reagieren sofort mit Gewalt, indem sie räumen lassen.
Die Fragen stellte Anja Kühne.
Anja Gadow (29) hat an der Beuth-Hochschule für Technik Berlin ihr Diplom in Ingenieurwissenschaft abgelegt und ist auf der Suche nach einem passenden Masterstudiengang.
Erschienen im Tagesspiegel vom 16.11.2009
- Datum 16.11.2009 - 16:12 Uhr
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Danke für das lesenswerte Interview. Ich würde jedoch darum bitten den Untertitel zu korrigieren:
"Anja Gadow vom Studierenden-Dachverband fzs sagt, die Studierenden suchen den Dialog. Die Hochschulleitungen hingegen riskierten Gewalt, wenn sie Gebäude räumen ließen."
Das würde bedeuten, dass die Studenten gewaltbereit werden, wenn Räumungen drohen. Das hat Frau Gadow jedoch nicht gesagt. Sie sagte vielmahr:
"Die Studierenden werden auch in Zukunft den Dialog suchen. Leider kann man das von vielen Unileitungen nicht sagen. Sie reagieren sofort mit Gewalt, indem sie räumen lassen."
"Sie" bezieht sich hier auf die Unileitungen. Frau Gadow meint also, dass Räumungen Gewaltakte gegen die Studenten sind. Über die Gewaltbereitschaft der Studierenden trifft sie somit gar keine Aussage.
Der Fehler ist natürlich verständlich, aber nicht unbedeutend, wenn einge nur die Überschrift und Unterüberschrift lesen und nicht den Artikel bis zum Schluss.
essen Studenten immer altes Brot? Weil der Bäcker 19.00 Uhr zu macht.
Die meisten Studierten verdienen als Studierte später mehr Geld als Putzfrauen. Wachmänner, Krankenschwestern Ist ok, aber warum sollten diese deren Studium mit ihren Steuergeldern finanzieren? No Risk no Money
Und wer soll dann die ganzen Putzfrauen später einstellen? Unsere Jugend wird es nicht sein, die wird nämlich aus lauter Frust in andere Länder wie Holland verschwinden und dort studieren. Wir zerstören uns gerade unsere Zukunft in diesem Land. Leider scheint das irgendwie Keinen zu stören.
"Die meisten Studierten verdienen als Studierte später mehr Geld als Putzfrauen. Wachmänner, Krankenschwestern Ist ok, aber warum sollten diese deren Studium mit ihren Steuergeldern finanzieren? No Risk no Money"
Eine leider weit verbreitete Sicht, die jedoch viele wichtige Aspekte übersieht.
Zum einen sind Akademiker wichtig für die Gesellschaft als Ganzes. Jeder Akademiker erschafft zusätzliche Arbietsplätze, macht Deutschland konkurrenzfähiger und bringt diese Gesellschaft kulturell, technologisch und intellektuell voran.
Zeitgleich begehen Akademiker weitaus weniger Straftaten (weniger Polizei- und Gerichtskosten), sind gesünder (weniger Kosten im Gesundheitswesen), viel seltener Arbeitslos (weniger Sozialkosten) und unterstützen zugleich die Bildungsambitionen ihrer Familienmitglieder und ihres Umfeldes. Kurzum: Akademiker tragen extrem überproportional zur Gesellschaft bei und zehren zeitgleich unterproportional an den Ressourcen dieser Gesellschaft.
Allein das verringerte Arbeitslosigkeitsrisiko spart dem Staat mehr Geld als die Studiengebühren. Jeder, der also nicht studiert wegen der gebühren ist folglich ein Nettoverlust für alle Deutschen, also auch für die Putzfrauen.
Und wer soll dann die ganzen Putzfrauen später einstellen? Unsere Jugend wird es nicht sein, die wird nämlich aus lauter Frust in andere Länder wie Holland verschwinden und dort studieren. Wir zerstören uns gerade unsere Zukunft in diesem Land. Leider scheint das irgendwie Keinen zu stören.
"Die meisten Studierten verdienen als Studierte später mehr Geld als Putzfrauen. Wachmänner, Krankenschwestern Ist ok, aber warum sollten diese deren Studium mit ihren Steuergeldern finanzieren? No Risk no Money"
Eine leider weit verbreitete Sicht, die jedoch viele wichtige Aspekte übersieht.
Zum einen sind Akademiker wichtig für die Gesellschaft als Ganzes. Jeder Akademiker erschafft zusätzliche Arbietsplätze, macht Deutschland konkurrenzfähiger und bringt diese Gesellschaft kulturell, technologisch und intellektuell voran.
Zeitgleich begehen Akademiker weitaus weniger Straftaten (weniger Polizei- und Gerichtskosten), sind gesünder (weniger Kosten im Gesundheitswesen), viel seltener Arbeitslos (weniger Sozialkosten) und unterstützen zugleich die Bildungsambitionen ihrer Familienmitglieder und ihres Umfeldes. Kurzum: Akademiker tragen extrem überproportional zur Gesellschaft bei und zehren zeitgleich unterproportional an den Ressourcen dieser Gesellschaft.
Allein das verringerte Arbeitslosigkeitsrisiko spart dem Staat mehr Geld als die Studiengebühren. Jeder, der also nicht studiert wegen der gebühren ist folglich ein Nettoverlust für alle Deutschen, also auch für die Putzfrauen.
Die Unileitungen, die Räumungen veranlassen, machen vor allem von ihrem Hausrecht gebrauch. Der Gewalttäter ist derjenige, der die Rechte anderer mißachtet. In diesem Fall sind es "streikende" Studenten, die mit ihrer Besetzung von Lehrräumen das Recht auf Bildung ihrer Mitstudenten mißachten.
Es ist bedauerlich, dass ein Großteil meiner protestierenden Mitstudenten gern Rechte für sich fordert, aber die Rechte anderer und vor allem die eigenen Pflichten grob mißachtet. Das schadet dann auch berechtigten Forderungen und berechtigter Kritik am Hochschulwesen. Von "konstruktiver Mitarbeiter" kann da keine Rede sein.
Es ist richtig, dass in der Hochschullandschaft auch auf die wirtschaftliche Verwertbarkeit von Bildung geachtet wird. Schließlich will der Steuerzahler für seine Bildungsfinanzierung auch eine Gegenleistung haben. Und es ist richtig, dass Studenten über Studiengebühren zu den Kosten des Hochschulwesens beitragen. Das ist eine frage der Solidarität und der sozialen Gerechtigkeit. Schließlich ist es unsolidarisch, wenn man selbst keinen Beitrag leisten will und immer nur von anderen fordert. Und es ist sozial ungerecht, dass die Bildungsprofiteure keinen direkten Beitrag für die Bildungskosten leisten.
Sozial ungerecht waere es nur, wenn die "Bildungsprofiteure" spaeter keine hoeheren Steuern zahlen wuerden, oder durch ihrer Ideen und Entwicklungen der Gesellschaft keinen Nutzen bringen wuerden.
Das tun sie aber nun mal. Und ausserdem ist man kein "Profiteur", solange man keine Profite einfaehrt. Das passiert bei Studenten erst Jahre nach dem Studium.
Provokant gesagt, sind die wahren Bildungsprofiteure doch eher die Leute, die nicht studieren, gleich nach der Schule ein echtes Einkommen haben, also weniger Anstrengung (denn das ist ein Studium - welche Putzfrau hat regelmaessig 60-Stunden-Wochen?) und Risiken auf sich nehmen, und hinterher die Effekte der Bildung anderer absahnen (Arbeitsplaetze durch neue Produkte, medizinische Versorgung durch Forschung...)
Sozial ungerecht waere es nur, wenn die "Bildungsprofiteure" spaeter keine hoeheren Steuern zahlen wuerden, oder durch ihrer Ideen und Entwicklungen der Gesellschaft keinen Nutzen bringen wuerden.
Das tun sie aber nun mal. Und ausserdem ist man kein "Profiteur", solange man keine Profite einfaehrt. Das passiert bei Studenten erst Jahre nach dem Studium.
Provokant gesagt, sind die wahren Bildungsprofiteure doch eher die Leute, die nicht studieren, gleich nach der Schule ein echtes Einkommen haben, also weniger Anstrengung (denn das ist ein Studium - welche Putzfrau hat regelmaessig 60-Stunden-Wochen?) und Risiken auf sich nehmen, und hinterher die Effekte der Bildung anderer absahnen (Arbeitsplaetze durch neue Produkte, medizinische Versorgung durch Forschung...)
29 Jahre und schon "Bachelor", ist die Studentin im 24. Semester-oder?
"Anja Gadow (29) hat an der Beuth-Hochschule für Technik Berlin ihr Diplom in Ingenieurwissenschaft abgelegt und ist auf der Suche nach einem passenden Masterstudiengang."
-wer lesen kann ist klar im Vorteil
"Anja Gadow (29) hat an der Beuth-Hochschule für Technik Berlin ihr Diplom in Ingenieurwissenschaft abgelegt und ist auf der Suche nach einem passenden Masterstudiengang."
-wer lesen kann ist klar im Vorteil
wie immer noch wirksam: Teile und herrsche.
Kinderlose gegen Eltern, Putzfrauen gegen Studenten, Einheimische gegen Einwanderer, jung gegen alt, Akademiker gegen 'Bildungsferne', und was die Palette noch so zu bieten hat.
Ein solidarisches Volk wäre ja auch ein Alptraum für die HerrenDamen.
Und wer soll dann die ganzen Putzfrauen später einstellen? Unsere Jugend wird es nicht sein, die wird nämlich aus lauter Frust in andere Länder wie Holland verschwinden und dort studieren. Wir zerstören uns gerade unsere Zukunft in diesem Land. Leider scheint das irgendwie Keinen zu stören.
Sozial ungerecht waere es nur, wenn die "Bildungsprofiteure" spaeter keine hoeheren Steuern zahlen wuerden, oder durch ihrer Ideen und Entwicklungen der Gesellschaft keinen Nutzen bringen wuerden.
Das tun sie aber nun mal. Und ausserdem ist man kein "Profiteur", solange man keine Profite einfaehrt. Das passiert bei Studenten erst Jahre nach dem Studium.
Provokant gesagt, sind die wahren Bildungsprofiteure doch eher die Leute, die nicht studieren, gleich nach der Schule ein echtes Einkommen haben, also weniger Anstrengung (denn das ist ein Studium - welche Putzfrau hat regelmaessig 60-Stunden-Wochen?) und Risiken auf sich nehmen, und hinterher die Effekte der Bildung anderer absahnen (Arbeitsplaetze durch neue Produkte, medizinische Versorgung durch Forschung...)
"Anja Gadow (29) hat an der Beuth-Hochschule für Technik Berlin ihr Diplom in Ingenieurwissenschaft abgelegt und ist auf der Suche nach einem passenden Masterstudiengang."
-wer lesen kann ist klar im Vorteil
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