Weihnachten im besetzten Hörsaal Bescherung auf Isomatten
Der Bildungsstreik geht weiter: Während die meisten Studenten nach Hause fahren, verlegen einige das Weihnachtsfest in den besetzten Hörsaal - mitsamt ihrer Familie.
"Wenn an Heiligabend die Polizei kommt, dann können die mich an Händen und Füßen aus dem Audimax tragen", sagt Waldemar Blank, "das Wichtigste ist gewaltfreier Protest. Aber man kann nicht nur streiken, wenn es gerade bequem ist." Der 52-Jährige ist der Vater von Ina Blank und hat nie studiert. Mit den Protesten seiner Tochter, die an der Humboldt-Universität (HU) in Berlin Ethnologie studiert und seit Wochen unter den Uni-Besetzern ist, möchte er sich trotzdem solidarisieren.
Die dreiköpfige Familie der 28-jährigen hat ihr Weihnachtsfest ins besetzte Audimax verlegt, auf Vorschlag der Mutter. Die Eltern möchten ihre Tochter beim Protest unterstützen, haben sogar noch eigene Freunde eingeladen. Weihnachten mal anders – notfalls, bis die Polizei kommt.
Die Weihnachtsfeiertage waren bisher das Schlafmittel jedes Studentenprotestes. Bei den letzten großen Streiks 1997 und 2003 besänftigten gefüllte Gänse und familiäre Bescherungen daheim jedes rebellierende Gemüt. Im neuen Jahr kehrten die Studenten wieder in den gewohnten Trott zurück, die Proteste waren vorbei.
In diesem Jahr jedoch gehen die Besetzungen weiter. Neben Ina Blank verlegen auch in anderen Städten Studenten das Familienfest in die Uni, um den Streik am Leben zu halten.
Dass die zahlreichen Uni-Besetzungen schon mehr als die vorherigen Proteste erreicht haben, steht für die meisten fest. Neben kleinen konkreten Erfolgen wie der vorläufigen Abschaffung von Anwesenheitslisten hätten die Besetzungen vor allem eine "gesellschaftliche Debatte" ausgelöst, sagt Felix Milles vom selbst ernannten Besetzerteam der HU. Gerade deswegen dürfe man jetzt nicht locker lassen. "Wir brauchen noch klarere Ergebnisse."
An der Freien Uni in Berlin bleiben etwa 15 Studenten über Weihnachten, vielen ist der Streik wichtiger als die Geborgenheit zu Hause. "Klar, normalerweise fahre ich an den Feiertagen immer nach Hause", sagt Milka von der Freien Universität Berlin, "aber in diesem Jahr ist mir die Besetzung einfach wichtiger." Die 22-Jähirge studiert Ägyptologie und gehört seit Wochen zu den Besetzern.
Als ihre Oma aus dem Erzgebirge hörte, dass die Enkelin an Heiligabend lieber im Hörsaal bleiben würde, stand für sie der Entschluss fest: "Wenn du nicht zu uns kommst, dann kommen wir eben zu dir!" Deshalb sitzen Milka, ihre Oma und ihr Onkel bei der Bescherung auf Isomatten im Hörsaal 1a, unter einem Tannenbaum, an dem selbst gebastelte Engel aus Tampons neben Flyern von Marx und Engels hängen. An Heiligabend kochen sie für alle sizilianische Pasta auf Campingkochern – der Bildungsstreik vereint an Weihnachten die Generationen.
Während in Berlin die Weihnachtsvorbereitungen in den Hörsälen auf Hochtouren laufen, überraschte die schlafenden Studenten im Hamburger Audimax am Mittwochmorgen die Polizei. Die etwa 30 Besetzer wurden gegen 6.30 Uhr von der Polizei geweckt und verließen friedlich das Gelände. Die geplante Weihnachtsfeier muss ausfallen, das kommissarische Präsidium erteilte allen Studenten einen Platzverweis. "Noch am Dienstag hatten wir mit der Leitung gesprochen, alles schien friedlich und normal, über eine Räumung fiel kein Wort", sagt eine Besetzerin, "dass wir dann so plötzlich geräumt werden und sogar Kommilitonen in U-Haft genommen werden, wundert mich schon."
An der Ludwig-Maximilians-Universität in München organisiert die eigens gegründete AG Weihnachten alles, was mit Geschenken und dem Christkind zu tun hat. Für die Feiertage ist ein Theaterworkshops und Lesekreise mit Weihnachtsgeschichten geplant, ansonsten wollen die Studenten die freie Zeit nutzen, um Kraft zu schöpfen.
"Nach den anstrengenden Streik-Wochen tut uns die besinnliche Stimmung jetzt richtig gut", sagt Rebecca von der Presseabteilung, "endlich können wir uns etwas erholen." Die noch etwa 30 Besetzer wollen ganz klassisch Heiligabend feiern. "Echt schön, dass es überall plötzlich so gut nach Plätzchen duftet", schwärmt Rebecca und freut sich aufs Fest. Vor einer Räumung haben die Münchner keine Angst.
An der Berliner Humboldt-Uni macht sich auch Inas Mutter Lena Blank Gedanken über die kulinarische Gestaltung des studentischen Weihnachtsfestes. "Weil so viele Studenten Veganer sind, koche ich auch vegan", sagt die 49-Jährige, "das ist eigentlich das Schwierigste." Für Heiligabend hat sie Kürbissuppe, ein Salatbuffet und Antipasti nach russischer Art mit Mischpilzen geplant.
Wenn man durch das Audimax der Humboldt-Uni geht, hat man das Gefühl, der Streik der Studenten würde kurz Luft holen, um nach den Weihnachtsferien wieder frische Kraft zu haben.Immerhin hat der Bildungsstreik bei einigen die Generationen zusammengebracht. "Bleibt nur zu hoffen, dass wir keine böse Überraschung erleben und an Heiligabend Besuch von der Polizei bekommen", sagt Lena Blank. Doch jetzt muss sie sich erst einmal um das Weihnachtsessen kümmern.
- Datum 23.12.2009 - 22:53 Uhr
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- Quelle ZEIT ONLINE
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Das ist wohl leider nur bei den Besetzern so.
habe ich beim lesen der ersten Zeilen geahnt, dass irgendwann die Ernährung problematisiert wird?
...vor so viel Durchhaltevermögen. Frohe Weihnachten an all die Engagierten!!!
Bei 15 Studenten der gesamten Freien Uni Berlin, die das Weihnachtsfest in den Hörsaal verlegen, halte ich diese These doch für fragwürdig...
... was soll das erste geben, wenn das Studium wieder los geht?
Welche Freiheitsrechte - Meinungsfreiheit, Versammlungs- und Demonstrationsfreiheit - haben in Deutschland (noch) Geltung ? Darf eine friedliche Aktion der Studenten nicht stattfinden, ohne gleich nach Repressalien - wie etwa "Aushungern" - zu rufen ? Frau Schavan versteht doch die Studierenden gut und kritisiert die Zuständen an deutschen Hochschulen auch, oder ? Aber statt "Bildung, Bildung, Bildung" bauen wir lieber Autobahnen, Schienen und das - ach, so schlechte - Verkehrswegenetz aus.
Hut ab nicht nur vor den Studenten, sondern auch vor ihren engagierten Familien! Und vor den beiden Journalisten! Vergessen wir nicht, dass es hier - auch wenn es vielleicht nach einem Abenteuer aussieht - um eine große und sehr wichtige Sache geht.
Bleibt dabei, meine Lieben Studenten!
Ich fordere die Verantwortlichen, die Heizung in Audimax wieder anzuschallten!!!
an der Uni Hamburg:
Laut Polizei seien nur drei eingeschriebene Studenten unter den 21 aus dem Audimax gedrängten Personen gewesen. "Der Rest waren Punks und Obdachlose", sagte eine Sprecherin. Laut Uni-Sprecherin sei das Audimax zudem vermüllt und beschädigt worden. So seien Parolen an die Wand gesprayt worden. Auch seien die sanitären Anlagen beschädigt worden.
Aber in Berlin ist das bestimmt gaaanz anders...! *höhö*
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