Karriere in der WissenschaftAusnahmefall Frau

Längst studieren so viele Frauen wie Männer an den Hochschulen in Deutschland. Doch weibliche Professoren sind immer noch eine Randerscheinung. von Simone Nebelsieck

IT-Ingenieure des Hasso-Plattner-Instituts. Im Studium ist das Verhältnis der Geschlechter insgesamt noch ausgewogen, ab der Promotion sind die Männer deutlich in der Überzahl

IT-Ingenieure des Hasso-Plattner-Instituts. Im Studium ist das Verhältnis der Geschlechter insgesamt noch ausgewogen, ab der Promotion sind die Männer deutlich in der Überzahl  |  © dpa/Nestor Bachmann

Hochschulen und Forschungseinrichtungen haben sich in den vergangenen Jahren um mehr Frauenfreundlichkeit bemüht. Mit einigen Erfolgen: Es gibt heute so viele Wissenschaftlerinnen wie nie: 6.700 sind es laut Statistischem Bundesamt . Doch ihnen stehen 38.600 Professoren gegenüber. Der Frauenanteil in der Professorenschaft insgesamt beträgt nur 17 Prozent (Quelle aller Zahlen: Statistisches Bundesamt).

Während des Studiums ist das Verhältnis der Geschlechter noch ausgeglichen. Unter den Absolventen sind sogar etwas mehr Frauen als Männer, weil Frauen ihr Studium seltener abbrechen. Doch je weiter es auf der Karriereleiter nach oben geht, desto geringer ist der Frauenanteil. Promovierende Wissenschaftlerinnen sind bereits deutlich in der Unterzahl: Nur vier von zehn Doktortiteln werden an Frauen vergeben.

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Der niedrige Frauenanteil ist bei einem Blick auf die Fächer jedoch nicht verwunderlich: Knapp 40 Prozent aller Doktortitel werden in Deutschland an naturwissenschaftlich-technischen Forschungszweigen verliehen. Das sind genau die Fächer, die nach wie vor von Männern dominiert sind. Der Frauenanteil unter den Professoren in den Ingenieurwissenschaften beträgt nur acht Prozent, in Mathematik und Naturwissenschaften zwölf. Wissenschaftlerinnen sind dagegen stärker in den Geisteswissenschaften vertreten. In sprach- und kulturwissenschaftlichen Fächern sind zurzeit etwa 30 Prozent der Professoren weiblich.

Doch nicht nur die Statistik macht das Ungleichgewicht deutlich. "Wer an berühmte Forscher denkt, dem fallen zuerst Albert Einstein oder andere männliche Kollegen ein", sagt Ingrid Grummt, Professorin am Deutschen Krebsforschungsinstitut in Heidelberg. "Dabei gibt es in der Wissenschaft verdammt gute Frauen." Die Biologin wurde kürzlich von der Europäischen Organisation für Molekularbiologie und der Vere in igung der Europäischen Biochemischen Gesellschaften zur Frau der Wissenschaft 2010 ernannt. Der Women in Science Award soll eine neue Generation Frauen fördern und zeigen, dass Erfolg in der Forschung längst keine Männersache mehr ist. Eine Auszeichnung, über die sich Ingrid Grummt freut, die aber auch zeigt, dass Professorinnen noch nicht selbstverständlich sind.

Dabei hat sich die Chancengleichheit deutlich verbessert. "Früher mussten Frauen fünf Mal so gut sein wie Männer", sagt die 66-Jährige. Zu Beginn ihrer wissenschaftlichen Karriere war es für die Biologin schwer, sich zu behaupten. Wenn sie sich für eine Stelle bewarb, wurde sie meist nicht einmal eingeladen – die Jobs bekamen andere, männliche Kollegen. Und das, obwohl Ingrid Grummt gleiche oder sogar bessere Qualifikationen vorweisen konnte.

Einen eigenen Beitrag leistet die Forscherin, indem sie Frauen vermehrt in ihre Arbeitsgruppe holt. "Das ist wie bei der Kindererziehung", sagt sie. "Man muss vorleben, wie es geht." Weil sie selbst immer kämpfen musste, liegt es Ingrid Grummt besonders am Herzen, den weiblichen Nachwuchs zu ermutigen. Denn ihrer Meinung nach trauen sich viele Frauen eine Karriere in der Wissenschaft einfach noch nicht zu.

Hinzu kommt die Doppelbelastung zwischen Wissenschaft und Familie. "Gute Partnerin, Mutter, Lehrerin und Forscherin zu sein – das ist ein Spagat, den viele nicht schaffen. Da ist die noch männerdominierte Welt gnadenlos", sagt Sanda Grätz , Gleichstellungsbeauftragte an der Heinrich-Heine-Universität in Düsseldorf. Durch ihre tägliche Arbeit weiß sie, dass der Wunsch nach Familie und sozialen Bindungen immer stärker wird. Die Wissenschaftskarriere steht zwangsläufig hinten an.

Leserkommentare
  1. Ist es nciht ein bisschen peinlich, von einer 'deutlichen Unterzahl' zu sprechen, wennn 4 von 10 Doktortiteln an Frauen vergeben werden? Desweiteren wird übersehen, dass in den Sprach- und Geisteswissenschaften durchaus ein ausgewogeneres Verhältnis zwischen Männern und Frauen herrscht - aber nein, es interessiert ja immer am meisten, was in den Naturwissenschaften vor sich geht und oh Schreck, womöglich sind Frauen einfach interessierter an zwischenmenschlichen Beziehungen, Gesellschaft und Literatur.
    Niemand verwehrt uns schließlich den Zugang in die Bereiche von IT, Physik usw., wir entscheiden uns freiwillig dagegen.

    Lieben Gruß von einer angehenden Doktorandin, die (unfreiwillig) ausschließlich von Frauen geprüft und betreut wird.

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    Mehr muss man zu diesem Unsinn, der sich "Zeit-Artikel" nennt nicht sagen...

    4 von 10 ist eine deutliches Untergewicht.

    Und auch in den Geisteswissenschaften, also "Frauenfächern" sind Frauen unterrepräsentiert- was schon erschreckend ist, wenn man bedenkt, wie viele dies studieren und studierten...

    Frauen müsste man dann nicht mehr extra fördern, wenn die Zahlen wenigstens einigernmaßen ausgeglichen sind- was noch nicht der Fall ist.

    Einige der anderen Kommentare hier zeigen auch, dass viele Männer glauben, ihnen würde was weggenommen oder vorenthalten. Das erinnert mich an die Debatten zur Zulassung der Frauen zumm Stduium vor 100 Jahren, worüber ich gerade eine Magisterarbeit schreibe. Da wurden aus ähnlichen Gründen Frauen als nicht fähig zum Studium erachtet mit Argumenten wie "kleineres Gehirn, mangelnde Fähigkeit zur Rationalität" etc., letztlich lagen die Gründe in der Angst der Männer vor Konkurrenz.

    • Komabe
    • 01. März 2010 20:22 Uhr

    Dieses ganze Gerede von "Es gibt zu wenig Frauen in der Wissenschaft" ist in meinen Augen Humbug. Gut, ich studiere ein geisteswissenschaftliches Fach, wo der Anteil der Frauen im Vergleich zu Naturwissenschaften deutlich höher ist. Aber Leute: Mittlerweile studieren deutlich mehr Frauen als Männer in diesem Bereich und werden zumindest in meiner kleinen Umgebung deutlich besser gefördert.
    Ich empfehle dem Autor, eine wahlweise Internetseite einer wahlweisen Professorin zu begutachten und einfach mal stumpf zu gucken, wieviele weibliche und wieviele männliche Doktoranden betreut werden. Bei den Männern ist es roundabout 50/50, bei den Frauen weit über 80%. Ich frage mich, wie in geisteswissenschaftlichen Fächern überhaupt eine Qualifikationsgleichheit ausgewiesen kann, aber entweder sind Frauen grundsätzlich schlauer und werden übervorteilt. Tut mir leid, ein ganz klassisch konservativer Beitrag, aber ich habe wirklich den Eindruck, dass männliche Wissenschaftler nicht mehr gleichgestellt mit weiblichen sind und trotz allem nach immer mehr frauenfördernden Initiativen gerufen wird. Geschlecht sollte niemals eine Rolle spielen in der Wissenschaft, sondern ausschließlich Qualität. Aber wenn das so weiter geht, gibt es in 20 Jahren Männer-Förderprogramme. Einfach mal einen Blick auf die Abiturientenzahlen werfen. Meine Generation ist gleicherechtigt aufgewachsen, den Feministen-Dolch sollten wir mittlerweile eigentlich im Schrank lassen, so wichtig er auch früher für uns war.

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    • Komabe
    • 01. März 2010 20:26 Uhr

    Verzeihung, ich meine "oder" und nicht "und werden übervorteilt".

  2. 3. Danke,

    Mehr muss man zu diesem Unsinn, der sich "Zeit-Artikel" nennt nicht sagen...

    Antwort auf "Zahleninterpretation"
  3. Das Argument von Vereinbarkeit von Karriere und Kindererziehung relativiert sich schnell, wenn die Aufgabe der Kindererziehung als Glück definiert wird. So wäre zu argumentieren, dass in einer Beziehung eine Person das Glück der Karriere und eine Person das Glück der gemeinsamen Zeit mit den Kindern erleben darf - was per se nicht ungerecht erscheint. Wer Kinder als Belastung definiert und Erwerbstätigkeit als Glück, der mag hier im der Tat eine Ungerechtigkeit finden.
    Ich bin mir sicher, dass Ihre statistischen Auffälligkeiten noch deutlich signifikanter ausfallen werden, wenn Sie sozusagen hauptverantwortliche Erziehungsberechtigte (oft Mütter) mit einer Gruppe vergleichen, die Kinderlose und den jeweilig nicht hauptverantwortlichen Elternteil (sehr, sehr häufig Männer) zusammenfasst. Warum wäre das zu kritisieren? Wer sich signifikant mit anderen Dingen als Karriere beschäftigt, weil sie als wichtiger empfunden werden, macht halt weniger Karriere - wo ist das Problem?
    Wenn es wirklich um die Diskriminierung von Frauen ginge, wäre ich mit dabei, aber ich glaube es geht lediglich darum, das Menschen, die sich für anderes entscheiden eben nicht alles gleichzeitig haben können. Ich glaube, dass Frauen, die bereit sind auf Kinder zu verzichten, gleiche Chancen haben. Und Männer, die nicht darauf verzichten, sich Kindern in gleicher Weise zu widmen, werden die gleichen Karriereprobleme haben. Ich hätte auch gern beides, geht aber nicht, und das ist nicht gut.

    • Komabe
    • 01. März 2010 20:26 Uhr

    Verzeihung, ich meine "oder" und nicht "und werden übervorteilt".

    Antwort auf "Nicht einverstanden"
    • Pyr
    • 01. März 2010 20:26 Uhr

    An der RWTH Aachen werden Professorinnen zu Gleichstellungsbeauftragten ernannt - und können sich dadurch viel weniger um ihre Forschung kümmern. In meinen Augen sollte man entweder neue Leute dafür einstellen oder einfach männliche Kollegen dazu benutzen - das bringt dann auch was.

    Ich kann sowieso nicht verstehen, weswegen sich von der "Frauenbeauftragten" zur "Gleichstellugnsbeauftragten" nur der Name verändert hat, der Job aber immer noch zu 95% von Frauen gemacht wird. Traut man den Männern etwa nicht zu, diesen Job gewissenhaft zu machen? Oder was soll das?

  4. Auch ich denke, dass es zu kurz gegriffen ist, wenn man allein aus prozentualen Anteilen auf eine fehlende Gleichstellung zu schliessen. Eine Universitaetslaufbahn erfordert heutzutage einen ueberdurchschnittlichen Zeit-Einsatz bei gleichzeitiger Ungewissheit ueber die Zukunft bis weit in die Vierziger hinein. Das ist nicht jedermanns oder jederfraus Sache. Da bei Frauen die biologische Uhr bekanntermassen etwas schneller tickt als bei Maennern, ist es klar, dass oft diese in den Vordergrund gestellt werden.

    Wie geht man nun mit dieser Tatsache um? Ich zweifle stark an der Wirkung von Frauenquoten, denn die Frauen, die dadurch in der Wissenschaft gehalten werden, sind ohnehin nach meiner Erfahrung i.d.R. die, die ihre Familienplanung hintenangestellt haben. Denn auch mit dieser Quote bleibt immer noch eine langfristige Zukunftsungewissheit fuer deutsche Forscher sowie ebenso weiterhin 60 Stunden-Wochen.
    Besser waere werdenden Wissenschaftlerinnen meiner Ansicht nach durch universitaere Angebote wie Ganztags-Kindergaerten etc. geholfen. Das funktioniert in anderen Laendern bereits recht gut, nur in Deutschland nicht.

    Was nicht heissen soll, dass Familienleben und Wissenschaft unvereinbar sind - es geht, aber es ist schwieriger als in anderen Berufszweigen. Nicht umsonst werden weiterhin viele Frauen Staatsbeamte, Grundschullehrerinnen, Kindergaertnerinnen. Da spricht uebrigens niemand von einem Handlungsbedarf und einer zu errichtenden Maennerquote.

  5. Im uebrigen wirken Quoten bisweilen auch gegen die Frauen, denen sie eigentlich nutzen sollten. So mussten in meinem ehemaligen Fachbereich die beiden einzigen Professorinnen staendig als Quotenfrauen in allen Fachbereichs-Gremien herhalten, hatten also mehr zusaetzliche Arbeit als ihre maennlichen Kollegen.

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  • Quelle ZEIT ONLINE
  • Schlagworte Wissenschaft | Karriere | Albert Einstein | Geisteswissenschaft | Hochschule | Award
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