Hochschulpolitik Zehn Jahre Bologna – Politik gelobt Besserung
Die Einführung von Bachelor- und Masterstudiengängen erhielt viel Kritik. Nun wollen die Politiker das System korrigieren und den Studierenden mehr Gehör verschaffen.
© Carsten Koall/Getty Images

Studenten in der Humboldt Universität Berlin: Viele Studierende sind mit dem Bachelor- und Mastersystem unzufrieden
Die Bologna-Reform mit der Einführung der Bachelor- und Masterstudiengänge trieb im vergangenen Jahr die Studenten in vielen Ländern Europas auf die Straße. Besonders heftig waren die Proteste in Deutschland und Österreich. Auf zwei Konferenzen in Wien und Budapest wollen die Wissenschaftsminister von 46 Staaten an diesem Donnerstag und Freitag Besserung geloben. Die "kritischen Stimmen" von Studierenden und Lehrpersonal sollen künftig stärker Gehör finden, wenn es darum geht, den europäischen Hochschulraum weiterzuentwickeln.
"Der Bologna-Prozess missinterpretiert und von den Regierungen als Sparmodell missbraucht" – lautet heute vielfach das Fazit der Studentenproteste. Doch vor zehn Jahren, als sich die EU-Wissenschaftsminister in der italienischen Hochschulstadt Bologna über die Schaffung eines einheitlichen europäischen Hochschulraumes verständigten, stand ein Traum am Anfang. Es war die Vision von einem Studium ohne Grenzen für weit mehr als 15 Millionen Studenten an über 5000 Hochschulen Europas und angrenzender Staaten – ohne lästigen Anerkennungsstreit von Leistungsnachweisen und ohne Visa-Probleme.
Die Vision ist noch vorhanden
An den Zielen von einst wollen weder Studenten und Professoren noch die Politiker rütteln. Doch offen räumen die Minister im Entwurf ihrer Wiener Jubiläumserklärung Nachbesserungsbedarf ein: Lernende wie Lehrende sollen künftig an der Reform stärker beteiligt werden. Die Lehre müsse besser werden, die Betreuung intensiviert und bei einem Hochschulwechsel ins Ausland sollen Studienleistungen leichter anerkannt werden. Die deutschen Kultusminister haben dazu bereits ihre Hausaufgaben gemacht und eine große Liste mit Kurskorrekturen vorgelegt – die jetzt auf Umsetzung warten.
Auch die Hochschulrektoren räumen ein, dass in Sachen Leistungsanerkennung der in Bologna und in Lissabon von der Politik beschworene Geist der Internationalität "noch nicht wirklich mit
Leben erfüllt" ist. Aber auch innerhalb Deutschlands ist durch die Ausdifferenzierung des Bachelor-Studienangebotes ein Hochschulwechsel häufig nicht leichter, sondern eher schwerer geworden.
Dabei hat sich auch so mancher deutscher Sonderweg bei der Einführung der aufeinander aufbauenden Bachelor- und Masterstudiengänge als Irrweg und Problemfall erwiesen. Da ist zum Beispiel der Umstand, dass der überwiegende Teil der Bachelor-Studiengänge bis zu einem ersten berufsqualifizierenden Abschluss an deutschen Universitäten nur auf sechs Semester ausgelegt ist – anders als etwa in Großbritannien. Das führt hierzulande vielfach zu der beklagten Stofffülle, Prüfungsdichte und Verschulung.
"Wie ein Hamster im Laufrad" – so beschrieb der Bachelor-Kritiker und Hochschulverbands-Präsident Bernhard Kempen die Studien- und Lebenssituation der Studenten heute. Die Soziologin Jutta Allmendiger fürchtet gar angesichts von achtjährigem Turbo-Gymnasium und verschultem Bachelor-Studium "einen Verlust an Kreativität" bei den jungen Menschen.
Und nach dem Bachelor?
Besonders umstritten ist der Wunsch der deutschen Universitäten, nach dem Bachelor die Studenten für den wissenschaftlich weiterführenden Master nach eigenen Kriterien aussuchen zu können. Ein Rechtsanspruch auf die Master-Zulassung soll es anders als beim Bachelor nicht geben, gleich wie gut die Noten sind.
Der Bachelor für die Masse – der Master nur noch für eine ausgewählte Klasse? Der "Erfinder" dieser Konstruktion, der frühere Vorsitzende des Wissenschaftsrates, Winfried Schulze, muss sich deswegen vielfältiger Kritik erwehren, vor allem von Kollegen. Sie werfen ihm die Preisgabe des klassischen deutschen Universitätsideals vor, weil durch die Zweiteilung des Studiums die Studenten nicht mehr von Anfang an durch Teilhabe an Forschung herangebildet werden. Schulze kontert und wirft seinen Kritikern ein "Humboldt-Syndrom" vor. Spätestens seit Entstehung der Massenuniversität Ende der sechziger Jahre sei dieses Ideal ohnehin obsolet geworden.
Doch vor allem in den Studiengängen, wo es noch keine klaren Aussagen über die berufliche Verwertbarkeit des Bachelors gibt, grassiert häufig vom ersten Semester an die Angst, später nicht zum Master zugelassenen zu werden. "Das führt zu einem unproduktiven Leistungsdruck", konstatiert der Hochschulforscher Tino Bargel. Die neun Technischen Universitäten in Deutschland pochen darauf, dass für ihre Studiengänge im Ingenieurwesen und in Naturwissenschaften der Master der "Regelabschluss" bleibt.
Nur Juristen und Mediziner haben sich bisher des Bachelors-Stresses erwehren können und pochen weiter auf das bisherige Staatsexamen. Massiv unterstützt werden sie dabei von der mächtigen Lobby ihrer Berufsverbände. Und auch die Justizministerkonferenz will von einer Änderung der juristischen Ausbildung vorerst nichts wissen.
- Datum 10.03.2010 - 17:57 Uhr
- Quelle ZEIT ONLINE, dpa
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Woher nimmt der Verfasser denn den Gedanken, zwischen dem sechs-semestrigen BA an deutschen, und den entsprechenden Regelungen an britischen Unis bestuenden irgendwelche nennenswerten Unterschiede? Ich war zwischen 1993 und 2005 im britischen Hochschulbereich, zunaechst im Austausch, dann als Doktorand, und ab 2001 als 'Lecturer' zu Gange. Das Bologna-Model, abgesehen von den (recht schlecht durchdachten) Bemuehungen um die europaweite Harmonisierung und Modularisierung der fachspezifischen Bildungsangebote, ist durch und durch das britische Model (Schottland mal ausgeklammert). Der Bachelor (BSc, BA...) dauerte schon 1992 nur drei Jahre. Die einzige Differenz war die schon damals nur noch teilweise praesente Trimester-Einteilung, die mittlerweile nur noch von wenigen Unis aufrechterhalten wird. Die Pruefungsdichte war ebenso schon in den 90ern recht hoch (kaum von der gegenwaertigen zu unterscheiden), das Studium verglichen mit dem in Deutschland stark verschult.
Was mir wirklich schleierhaft ist, ist mit welcher Blauaeugigkeit unter dem, was in der Bundesrepublik gegenwaertig unter dem Euphemismus 'Hochschulpolitik' verhandelt wird, Reformwege im Zeichen der Europaeisierung eigeschlagen wurden, die in vielen praktischen Implikationen bereits als irrefuehrend haetten diskutiert werden koennen.
Europa hat die Hochschulbildung zentralistisch umstrukturiert, in rein informellen Foren, und ohne nennenswerte Debatte, oeffentlichen Meinungsbildungsprozess, oder echte Analyse....
... hatte eben seine Hausaufgaben auch nicht gemacht. So war zum Beispiel der 'Zweischritt' mit BA und Masters in GB schon laengst eher Teil einer Finanzierungsstrategie in der knapp gehaltenen Universitaeten, die sich auf dem internationalen Markt mit (hohe Summen) zahlenden 'Kunden' in 'taught Masters' Programmen dringend noetige Mittel erwirtschaften konnten. Das ist mit einer Selektion nach akademischer Tauglichkeit, womoeglich mit elitaerer Ausleselogik, praktisch gar nicht in Einklang zu bringen, und zwar nicht einmal innerhalb der in GB fuehrenden Russell Group. Selbst in diesen 'elitaeren' Universitaeten haben Studierende im letzten Studienjahr gegenueber den Masters-Komilitonen oft einen erheblichen Bildungsvorsprung. Das Masters Studium ist intellektuell in solchen Zusammenhaengen eigentlich dann nur noch durch den erleichterten Fachwechsel, den Uebertritt in angrenzende, oder sogar entlegenere Fachbereiche rechtfertigbar. Das hat Herr Schulze halt nicht ueberblickt. Das heisst aber halt auch, dass ihm niemand, der auch nur einen kursorischen Einblick in die europaeische Hochschullandschaft hatte, als kritisch-konstruktiver Stichwortgeber oder Widerpart entgegenstand.
"Die Politik", die "Besserung" gelobt, ist schon laengst selbst so kritikunfaehig, wie sie sich die Hochschulen z.Z. einzurichten versucht. Auch Experten werden nach einer solchen Logik selektiert. 10 Jahre Unfug belegen doch sehr schoen, dass da nur in Silos gedacht wird...
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