Die meisten Unis sind weltanschaulich neutral
Für Studierende wie Dziri und Al-Homsy ist Religion Privatsache, wie für Katholiken und Protestanten hierzulande auch. Dabei fügt der junge Muslim hinzu: "Das Jenseits ist die Kraft des Diesseits", wohlgemerkt ein Zitat des evangelischen Theologen Ernst Troeltsch. Tatsächlich sind die "Religiösen" – ob bekennende Christen, Muslime oder andere – überall eng verbandelt. Hier und da stellen kirchliche Studentengemeinden den Muslimen zum Beispiel einen Gruppenraum für die täglichen Pflichtgebete zur Verfügung. Lukas Roelli vom katholischen Forum Hochschule & Kirche sieht gemeinsame Interessen. "Hochschule ist kein religionsloser Raum" – schon weil moderne Wissenschaft auf direkter Auseinandersetzung mit religiöser Tradition beruhe.
Demgegenüber beharren die meisten staatlichen Hochschulen auf ihrer weltanschaulichen Neutralität. So stellt etwa die Technische Universität Hamburg-Harburg, weltweit bekannt wegen der 9/11-Attentäter aus ihrem Umkreis, bis heute niemandem einen Raum zur Religionsausübung zur Verfügung, auch nicht den Muslimen. Die Präsidentin der Hochschulrektorenkonferenz, Margret Wintermantel, sagt: "Jede Hochschule sollte das so regeln, wie sie es für angemessen hält." Anja Gadow erklärt für den bundesweiten Freien Zusammenschluss von StudentInnenschaften: "Zur Religion positionieren wir uns nicht." Der Sozialforscher Ulrich Heublein vom Hochschulinformations-System HIS sagt: "In den Untersuchungen über die Lage der Studenten tritt die Frage ihrer Wertorientierung tatsächlich zurück." Das hänge mit der primären Berufsorientierung des Studiums zusammen. "Weil es auf dem Campus weniger um Persönlichkeitsentwicklung geht", räumt Heublein ein, "ist auch ihre Erforschung leider ein blinder Fleck auf unserem Radar".
Das Jenseits war auf dem Campus schon mal sichtbarer. Zum Beispiel, als die Technische Hochschule Aachen vor einem halben Jahrhundert auf ihrem Gelände die Bilal-Moschee für muslimische Ingenieurstudenten baute, als Wahrzeichen der Internationalisierung. Dagegen wirkt der vor knapp einem Jahr vollendete "Raum der Stille" im Westend der Uni Frankfurt eher bescheiden, was auch daran liegen mag, dass man hier eben allen Konfessionen gerecht werden möchte. Religion ist offenbar an vielen deutschen Universitäten noch ein schweres Fremdwort, der Islam seit 9/11 zumal. "Trotzdem", sagt die Bonner Muslima Al-Homsy, "vor uns muss niemand Angst haben. Überzeugen Sie sich selbst!"
- Datum 22.03.2010 - 18:13 Uhr
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- Quelle ZEIT ONLINE
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Danke für diese andere Perspektive auf muslimische Lebenswirklichkeit in der BRD und auf die real existierende Kommunikation zwischen Angehörigen verschiedener Glaubensrichtungen...
"Aktive und Ehemalige zählen zusammen ein paar Tausend"...Muslime, die wahrscheinlich ein Leben führen, das mit den medial dominierenden negativen Klischees wenig zu tun hat.
Möglicherweise, vielleicht sogar wahrscheinlich, ist dieses positive Bild überzeichnet.(Diskussionen mit Salafiten,Zitate christlicher Theologen). Dennoch ist es ein wohltuende Abwechslung zu den negativen Übertreibungen und Verallgemeinerungen.
Wahrscheinlich ist es utopisch, ausbalancierte Artikel und Berichte zu erwarten. Aber vielleicht kann man vom Leser erwarten, dass er versucht über das geschriebene Wort hinaus zu blicken, auch wenn ihr/ihm der Inhalt sehr gut gefällt.
Das richtete sich vor allem an diejenigen, die in den negativen Berichterstattungen über Muslime und Islam, ihre Anschauungen über den nahenden Untergang des Abendlandes bestätigt sehen...
Es freut mich zu Zeiten von Intoleranz und Argwohn, nüchterne Betrachtungsweisen zu lesen...
Hm, an den Universitäten sollte man weiter dranbleiben. Das Thema ist sehr interessant. Wie schätzen die christlichen Hochschulgruppen die muslimischen Gesprächspartner eigentlich ein? Was sind die Gesprächsthemen?
Es geht meist unter, dass in Dtl. gerade wie aus dem Artikel zu lesen, eine für unser Land etwas beitragen wollende, sich selbst hier zugehörig definierende, muslimische Elite heranwächst. Deren Potential zu nutzen und nicht wegzuscheuchen, daran ist uns allen gelegen.
Ich könnte mir z.B. durchaus vorstellen, dass solche islamischen Hochschulvereinigungen weitere Bündnisse mit anderen Hochschulgruppen oder sogar städtischen Organisationen eingehen und somit auch der Umgang mit ihnen "normalisiert" wird. Bei dem verzerrten Islambild mit dem wir es ja hierzulande zur Zeit zu tun haben, kann ich mir vorstellen, dass der Alltag nicht so einfach ist!
Wenn ich an muslimische Studierende denke, kommen mir eher andere, ziemlich negative Bilder in den Kopf. Das ist mir sogar peinlich,-irgendwie scheint da was falsch gelaufen zu sein in der Berichterstattung. Ich begrüße sehr weitere ausgewogene Meldungen!
Was machen denn diese Hochschulvereinigungen konkret? Was ist deren Beitrag für die Wissenschaft? Sie sind an den Universitäten angesiedelt, da müsste man doch davon ausgehen, dass diese Themen sie interessieren. Haben die irgendwelche übergreifenden Programme, Kulturwochen oder sowas? Na ja,. Fragen über Fragen.
Danke für den Artikel! Bitte mehr davon!
... als Vorbild einer früh eingerichteten Begegnungsstätte auf dem Gelände der RWTH Aachen. Meines Wissens wird die Bilal-Moschee immer mal wieder vom Verfassungsschutz beobachtet wg. islamistischen Gläubigen, die sich dort unter die "gemäßigten" Gläubigen mischen. Wenn das als Vorbild dienen soll, finde ich das denkwürdig - wobei ich sehr dafür bin, die "Gemäßigten" auch an Hochschulen zu unterstützen. Aber ich finde, sie könnten sich noch wesentlich mehr von den Extremisten/Islamisten abgrenzen, gerade in Aachen.
Ich selbst habe leider einige islamistisch denkende Studenten der Ingenieurswissenschaften in Aachen und Umgebung kennenlernen müssen, was meiner Toleranz ziemlich Einhalt geboten hat - heute bin ich sehr skeptisch und verlange von allen Gläubigen (egal welchen Glaubens) gemäßigte Einstellungen, lasse mich auch nicht mehr so sehr von den Supertoleranten unter uns täuschen, die oft selbst gar keine Erfahrung mit Hardlinern haben und daher nicht wissen, wovon sie reden.
Nicht die jeweiligen Glaubensgemeinschaften sollten zusammenhalten, sondern alle Vernünftigen (egal welchen Glaubens, auch die ohne welchen) gegen alle Hardliner. Das sehen aber selbst manche Gemäßigten anders, nach dem Motto "Blut ist dicker als Wasser".
Wenn die Religionsgemeinschaften an den Hochschulen sich dahingehend stärker positionieren würden, würde ich die Ermöglichung ihrer Glaubensausübung unterstüzen. Aber nur dann.
Hochschule sollte m. E. ein neutraler Raum sein, an dem sowohl religiös orientierte StudentInnen aller Richtungen sowie nicht religiöse sich mit wissenschaftlichen Studien beschäftigen. Wenn Religion Privatsache ist - m. E. ist sie das - dann braucht man an den Hochschulen keine Verbände religiöser Art. Sofern Studiengänge -- z.B.an der Philosophischen Fakultät - auch religiöse Themen berühren, können diese "interreligiös" gefasst sein, was bei entsprechender Toleranz in religiösen Fragen doch leicht möglich ist.
islamischen Hochschulvereinigungen an sekularen nordamerikanischen Unis zu informieren. Dann weiß man wohin die Reise geht. Aber nichts geht über die Selbsterfahrung. Aber vielleicht kommt es ja in D-land anders, glaube es jedoch nicht.
Hier mal ein Beispiel
http://media.www.mcgilltr...
scheint ja ähnlich in HH zu sein.
Es gibt mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit keinen Gott, Trolle, Allah, Feen, Manitou, Einhörner und selbst Mordor gibt es nur im Herrn der Ringe. Trotzdem haben die Religioten aller Seiten überhaupt keine Hemmungen, unsere Welt in einen Kulturkampf zu stürzen. Mir macht so viel mangelnde Aufklärung echt Angst!
Zum Kommentar 4: Die Moschee für Studenten ging erst 1979 mit einer räumlichen (und personellen) Erweiterung in die Trägerschaft des Islamische Zentrum Aachen e.V. über.Seither ist es eine Moschee für alle Gläubigen, ob Mitglieder der Technischen Hochschule oder nicht. Die vom Kommentator angesprochenen Probleme hängen mit der gezielten Wendung der Moscheegemeinde an alle Muslime zusammen.
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