Einen größeren weißen Fleck auf der Bildungslandkarte der Erde gibt es nicht. 85 Prozent der Südsudanesen sind Analphabeten, und die höchste Bildungseinrichtung des Landes sieht so aus: ein paar Dutzend Flachbauten mit staubigen Seminarräumen, ein einstöckiges Verwaltungsgebäude, ein zweistöckiges Wohnheim. Eine unscheinbare Bibliothek mit einem Dach aus Wellblech. Studenten sitzen im Schatten eines Mangobaums. Auf rot-braunen Sandwegen laufen meckernd Ziegen herum. Das Ganze ist eingerahmt von einer anderthalb Meter hohen, braunen Bruchsteinmauer und trägt den Namen University of Juba. Die älteste Uni des Südsudan ist gerade einmal 33 Jahre und hat doch schon eine bewegte Geschichte hinter sich.

Am Spätnachmittag sinken die Temperaturen in diesen Februartagen auf 35 Grad. Wohl dem, der in den klimatisierten Büros der Universitätsverwaltung Zuflucht findet. Dort trudelt auch über dem Schreibtisch von Doktor James Odra ein mächtiger Ventilator. "Wir waren Anfang der 1980er Jahre auf einem guten Weg. Viele unserer Dozenten hatten Ihre akademischen Titel im Ausland erworben. Wir lehrten auf hohem Niveau." In der Stimme des akademischen Leiters schwingt Wehmut. Seine Uni hat ganz offensichtlich schon bessere Tage gesehen.

Nicht nur zwei Jahrzehnte Krieg hinterließen Spuren. Hinzu kam eine äußerst fragwürdige Politik der Zentralregierung in Khartum. In den späten 1980er Jahren hatte die eine Revolution der höheren Bildung ausgerufen. Eines der Dogmen: Die Eliten Sudans sollten vorrangig im eigenen Land ausgebildet werden. "So etwas ist im akademischen Bereich unmöglich. Auf einer Insel kann Wissenschaft nicht gedeihen." Der daraus resultierende Mangel an kompetenten Dozenten sei bis heute spürbar, sagt Odra, der seinen Doktortitel in Newcastle erwarb.

Nirgendwo offenbart sich die Situation der Universität Juba so deutlich wie in der kleinen, stickigen Uni-Bibliothek. Von ihren 30.000 Büchern wurden die allermeisten in den sechziger, siebziger und achtziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts gedruckt. Eine 1972er Ausgabe des Tierlexikons von Herrn Grzimek ist hier ebenso noch immer Standard wie die gebundenen Ausgaben des Medizinjournals The Lancet des Jahrgangs 1983. Für neuere Literatur gibt es fast kein Geld. Ab und an werde unter den Studenten gesammelt, um ein paar aktuelle Bücher zu kaufen, erklärt der Bibliothekar. Weil es preiswerter nicht gehe, seien die Zukäufe fast komplett "Printed in India".
An Internetzugang für alle Studenten ist in Juba nicht zu denken. Für 4000 Studenten steht in der Bibliothek ein knappes Dutzend PCs bereit. Auf dem Fußboden im Computerraum liegt ein Haufen Schutt und Dreck. Darüber, in der Bibliotheksdecke, klafft ein großes Loch. Durch diesen Dacheinstieg verschwanden in der letzten Nacht zwei Computer. Geklaut.

Warum unter den etwa zehn Millionen Südsudanesen kaum jemand lesen und schreiben kann? Warum so wenige akademische Abschlüsse haben? Während der Kolonialzeit investierte das britische Empire nicht sonderlich viel in seine südsudanesischen Untertanen. Und auch nachdem die Briten auf der Juba-Konferenz 1947 den Süden mit dem muslimischen Nordsudan administrativ vereinten – freilich ohne die Südsudanesen darüber zu befragen – änderte sich nicht viel. 1955 brach der erste Krieg zwischen dem muslimisch-arabischen Nord- und dem schwarzafrikanischen Südsudan aus. 1977, in der kurzen Friedensperiode von 1972 bis 1983, eröffnete der damalige sudanesische Präsident Nimeiry die Universität Juba. Die erste Uni im Südsudan überhaupt. Die Einführung der Scharia und von Arabisch als Unterrichtssprache führte im Südsudan zu heftigsten Protesten. Der Krieg zwischen Nord- und Südsudan eskalierte erneut.