In der Welt der Wissenschaften ist das etwas Neues: Das Opfer eines mutmaßlichen geistigen Diebstahls, der Marburger Mathematiker Hans-Peter Gumm, braucht keinen staatlichen Richter und auch keinen Streitschlichter vom hochschuleigenen "Wächterrat" über schlechte wissenschaftliche Praxis, um seinen Ruf zu verteidigen. Ihm reicht dafür die offizielle Webseite seiner Universität , die in der Verantwortung der Uni-Präsidentin liegt. "Dort finden Sie alles, was ich meinem Potsdamer Kollegen Klaus Denecke vorwerfe", sagt Gumm. "Diesen Link schicke ich den wichtigen Fachgenossen, damit sie sich von Original und Kopie überzeugen können." Damit sieht Gumm seine wissenschaftliche Ehre gewahrt, ohne die Investition von viel Zeit, Nerven und womöglich auch noch Geld im Klageverfahren auf dem Amtsweg.

Es geht um eine englischsprachige Einführung von Denecke und einer Mitautorin in moderne mathematische Verknüpfungen und Strukturen (Algebra). Sie ist im vorigen Jahr in einem großen Verlag in Singapur erschienen. Laut Denecke, Lehrstuhlinhaber für Mathematik an der Uni Potsdam, beruht das Buch auf seinen Vorlesungen und Seminaren. Er räumt ein, dabei eine grundlegende Abhandlung Gumms von 2003 über Coalgebra verwendet zu haben. Das ist eine junge, gerade 15 Jahre alte Teildisziplin von Mathematik und Informatik, die neue Zugänge zu Rechnermodellen sucht. Auf der Uni-Webseite weist Gumm nun zahlreiche wörtliche Übereinstimmungen zwischen seiner und Deneckes später erschienenen Einführung nach. Zudem verweist er auf ganz beliebige Rechenbeispiele, die der Potsdamer Kollege anscheinend einfach übernommen hat. Den besten Beweis für geistigen Diebstahl sieht Gumm in einem verflixten Detail: Bei seiner eigenen Darstellung war ihm ein elementarer Flüchtigkeitsfehler in der Programmiersprache Java unterlaufen, der sich prompt so auch in der Potsdamer Version wiederfindet.

Denecke bittet den Kollegen Gumm in einer privaten Mail um Nachsicht ohne öffentliches Aufsehen: "Falls an der einen oder anderen Stelle doch ein Zitat mehr erforderlich gewesen sein sollte, bitte ich das zu entschuldigen und nicht als böse Absicht zu interpretieren." In der Sache beharrt Denecke allerdings darauf, "elementare Grundlagen in möglichst einfacher und einheitlicher Weise für Studierende" aufgeschrieben zu haben. Dabei sei die Darstellungsweise "naturgemäß vorgegeben", also ohne jede Originalität. Mithin beruft er sich, juristisch gesprochen, auf gemeinfreies Allerweltswissen. Das ist urheberrechtlich nicht geschützt. Doch reicht das traditionelle Urheberrecht nicht aus, um die erforderlichen Herkunftsnachweise in wissenschaftlichen Beiträgen zu sichern, moniert der Bonner Juraprofessor Wolfgang Löwer. Sein Münchener Kollege Volker Rieble habe mit seinem neuen Buch über Das Wissenschaftsplagiat , den Finger in die Wunde gelegt.