War da was am 9. Juni? Es sollte der große Tag der Neuauflage sein, der erste Höhepunkt im Bildungsstreik 2010 nach dem mittlerweile fast schon legendärem Bildungsstreik 2009 . Die Bilanz: Je nach Schätzungen gut gerechnet bis zu 70.000 Demonstranten, die in mehreren Dutzend Städten auf die Straße gingen. Was umgerechnet heißt: Vielerorts gingen bestenfalls einige hundert Schüler und Studenten auf die Straße.

Die Ironie ist nicht von der Hand zu weisen: Im Juni vergangenen Jahres war von Bildungskürzungen und Unischließungen noch keine Rede, dennoch fiel die Zahl der Streikenden mit mindestens einer guten Viertelmillion viermal so groß aus wie heute. Von den Dutzenden, oft wochenlangen Hörsaalbesetzungen im Herbst und Winter ganz zu schweigen. Damals entzündete sich der Protest der Studenten vor allem an den vermeintlichen Zumutungen der Bolognareform – in einer Heftigkeit, die manchen Bildungsexperten und Politiker überraschte angesichts von neuen Studiengängen, die – genauer betrachtet – vielerorts gar nicht so schlecht und bevormundend gemacht waren, wie plötzlich beklagt wurde. Immerhin hat die Heftigkeit dazu geführt, dass viele unnötige Detailregelungen in den Prüfungsordnungen abgeschafft und die
Kinderkrankheiten der neuen Abschlüsse Bachelor und Master schneller abgestellt wurden, als es vermutlich ohne den Bildungsstreik der Fall gewesen wäre.

Ein wenig von der damaligen Heftigkeit, so würde man sich wünschen, hätten sich die Protestler freilich für dieses Jahr aufheben sollen. Zu Recht sagen die Organisatoren des Bildungsstreiks heute, eine Protestbewegung lasse sich nicht beliebig in die Länge ziehen, eine auf kurzfristige Events und Engagements ausgerichtete junge Generation will sich nun einmal nicht dauerhaft für die immer gleichen Aktionen einspannen lassen. So aber scheint es, als habe der Bildungsstreik sein Pulver zu früh verschossen – im Kampf gegen Missstände, die im Rückblick harmlos erscheinen gegenüber dem, was den Schulen und Hochschulen in den kommenden Monaten und Jahren an Kaputtsparen drohen könnte.

Hätte die miese Dramaturgie der Proteste vermieden werden können? Wohl kaum, dazu waren die Aktionen im vergangenen Jahr, vor allem die Hörsaalbesetzungen, zu spontan und im Zusammenspiel mit der überraschend starken Medienberichterstattung zu dynamisch, um von den bewusst dezentral agierenden Organisatoren gesteuert zu werden. Allein: Es bleibt die Tatsache, dass die Leitfiguren des Bildungsstreiks es versäumt haben, den Aktionen eine starke programmatische Grundlage zu geben. Es ist ihnen nie gelungen, dem kritisierten Modell von Autonomisierung und Liberalisierung des Bildungssystems eine tragfähige Alternative entgegenzustellen, die den Anforderungen an ein modernes, auch effizientes Bildungssystem im 21. Jahrhundert gerecht würde. Das kritisieren mittlerweile auch viele aktuelle und ehemalige Studentenvertreter.