Fachhochschule KielProjektarbeit auf Europäisch

Wenn Spanier, Türken und Deutsche zusammen arbeiten, kann es schon mal krachen. An der FH Kiel werden Studenten auf solche Kultur-Clashs vorbereitet. Von Marike Frick von Marike Frick

Studenten FH Kiel European Project Semester

Studenten des Projekt-Semesters 2010 mit Renate Hahn vom International Office (vorne rechts), Sönke Schmidt vom Fachbereich Maschinenwesen (links hinten) und Stephen Walsh vom Zentrum für Sprachen interkulturelle Kompetenz  |  © FH Kiel

Rainer Geisler liebt den größtmöglichen Unterschied. "Stellen Sie sich vor, eine dänische Marketing-Expertin trifft auf den türkischen Maschinenbauer." Geisler strahlt. "Wow, das kracht." Geisler stammt aus Franken, er wirkt fast ein wenig zu begeisterungsfähig hier oben im kühlen Norden. Doch wenn es um sein Lieblingsthema geht, kann sich der Wissenschaftler kaum zurückhalten. "Bei uns erleben die Studenten einen doppelten Kultur-Clash. Hier müssen nicht nur Dänen mit Türken klarkommen, sondern auch Betriebswirte mit Ingenieuren. Da prallen Welten aufeinander."

Geisler betreut im Bereich Maschinenwesen an der Fachhochschule Kiel ein ganz besonderes Programm: Das European Project Semester , kurz EPS. Aus sechs verschiedenen Ländern kommen dafür angehende Ingenieure, Betriebswirte und Juristen für ein Semester an seine Fakultät. Sie besuchen gemeinsam mit einer Handvoll deutscher Studenten Seminare und müssen dann in einem echten Projekt zusammen arbeiten, mit dem eine echte Firma sie beauftragt hat. Am Ende schreibt jeder einen großen Abschlussbericht, der als Bachelor-Thesis anerkannt wird. Was vor 16 Jahren als Initiative einer dänischen Hochschule begann, findet mittlerweile sogar an Hochschulen in der Türkei und den USA statt.

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Auch Kieler Studenten nehmen an dem Programm teil und verbringen ihr sechstes Semester an einer der Partner-Hochschulen, etwa in Frankreich oder Polen. Ganz im Geiste der Bologna-Reform entsteht so ein Austausch von Studenten und Ideen. Ohne Zeitverlust, ohne Probleme beim Anerkennen von Credits. "Die Studenten schlagen drei Fliegen mit einer Klappe", sagt Geisler. "Sie haken Ausland, Praxiserfahrung und Thesis in einem ab".

Ein paar Türen weiter ist die Freude sichtlich gezähmter. Hier sitzen 19 Studenten zusammen, die Luft ist stickig, manche kritzeln auf ihrem Block herum oder flüstern, es herrscht Klassenzimmeratmosphäre. Auf dem Stundenplan steht "Interkulturelles Management". Vorn wandert der Dozent Stefan Eghbalian auf und ab und redet von Kaffeepulver, das man in Afrika nicht einfach genauso einführen könne wie in den USA. "Mit Starbucks ist es das gleiche", meldet sich ein türkischer Student zu Wort. "In den USA lieben die Leute Coffee to go. In der Türkei würden höchstens fünf Prozent einen Kaffee im Gehen trinken. Die allermeisten setzen sich hin und wollen sich beim Kaffeetrinken mit jemandem unterhalten." Eghbalian nickt. "Starbucks muss sich also in der Türkei anders positionieren als in den USA. So ein Produkt wird in jedem Land unterschiedlich wahrgenommen."

Das Ziel der Stunde ist klar: Bewusstsein entwickeln für kulturelle Besonderheiten. Die spielen aber nicht nur in der Theorie eine Rolle – in den Kleingruppen lernen die Studenten die kulturelle Andersartigkeit auch gleich praktisch kennen. Geisler hat die Gruppen ganz nach seinem Geschmack nach "maximaler Diversivität" zusammengesetzt. Als die Studenten jetzt in ihren Teams eine Aufgabe diskutieren sollen, wird schnell klar, was das bedeutet: Da redet der Türke wild gestikulierend von grundsätzlichen Fragen, ohne zum Punkt zu kommen, die Polin macht fleißig Notizen, der Franzose wird von der Spanierin übertönt. Wie im echten Leben eben. "Wir bereiten die Leute darauf vor, was sie später im Arbeitsleben erwarten könnte", sagt Geisler. "Sie müssen dort nicht nur mit anderen Berufsgruppen zusammen arbeiten, sondern auch mit anderen Kulturen klarkommen."

Jedem Team wurde für das gesamte Semester ein reelles Produkt einer reellen Firma zugeteilt. Die einen sollen sich mit einem besonderen Feuerwehrschlauch beschäftigen, die anderen spezielle Aufkleber für Autos entwickeln. Manche Firmen wollen expandieren und wollen wissen, in welches Land sie als erstes gehen sollen. Andere wünschen sich internationale Marktforschung. Am Ende des Semesters werden die Studenten Lösungen entwickelt haben.

Heute jedoch geht es erst einmal um eine theoretische Übung: Wie das jeweilige Produkt in einem kulturell fremden Land wie der Türkei oder Lettland eingeführt werden könnte, ist die Frage. Wie müsste man die Marketingstrategie anpassen? Die Studenten diskutieren, gestikulieren, suchen nach den passenden Worten. "Anfangs war es schwer, das Englisch der anderen zu verstehen", sagt eine Deutsche. Und ein Spanier meint: "In der ersten Woche habe ich kein Wort verstanden. Mein Englisch ist nicht so gut." Auch das sind wohl reelle Bedingungen.

Leserkommentare
    • Varech
    • 25. Juni 2010 21:20 Uhr

    ... dass praktisch jeder Fremdsprache redet, wirkt natürlich egodämpfend.
    Ich bin ziemlich sicher, dass die Geschichte vom Turmbau zu Babel ganz Falsch überliefert ist. Es wird gerade umgekehrt gewesen sein. Solange noch jeder in seiner Sprache dachte und alle in einer gemeinsamen Spreche radebrechen mussten, liess sich noch arbeiten. Der Laden flog dann auf, als durch wirkliche Sprachkenntnisse durchsickerte, was die Leute voneinander dachten...

  1. Seit wann gehört die Türkei zu Europa?

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    • Varech
    • 26. Juni 2010 19:19 Uhr

    Sicher, Heiner, kommen sehr viele Türken aus Europa, geographisch. EUisch gesehen sind das alles Ausländer, falls nicht Deutsche. Nicht gleich sich aufregen; wenn unser Nachwuchs in Amerika studiert, ist das doch auch OK.

    Ärgerlich finde in der Tat auch ich den idyllischen, fast dümmlichen Ton des Artikels. Von wenig Sachkenntnissen getrübt eben: Türkei und Lettland sind dem Autor gleichermassen fremd! Geschichte, gar Kulturgeschichte könnte da helfen.

    • Varech
    • 26. Juni 2010 19:19 Uhr

    Sicher, Heiner, kommen sehr viele Türken aus Europa, geographisch. EUisch gesehen sind das alles Ausländer, falls nicht Deutsche. Nicht gleich sich aufregen; wenn unser Nachwuchs in Amerika studiert, ist das doch auch OK.

    Ärgerlich finde in der Tat auch ich den idyllischen, fast dümmlichen Ton des Artikels. Von wenig Sachkenntnissen getrübt eben: Türkei und Lettland sind dem Autor gleichermassen fremd! Geschichte, gar Kulturgeschichte könnte da helfen.

    Antwort auf "Versteh ich nicht"

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  • Quelle ZEIT ONLINE
  • Schlagworte Starbucks | Bologna-Reform | Marktforschung | Mensa | Student | Türkei
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