Lernen für den guten Abschluss: BWL-Studenten der Universität Köln haben ihr Bachelor-Zeugnis in der Tasche und bekommen dennoch keinen Masterplatz © Oliver Berg/dpa

Der Mann ist nicht zu beneiden. Eineinhalb Stunden steht Werner Mellis, Studiendekan der Wirtschafts- und Sozialwissenschaftlichen Fakultät der Universität Köln, in Hörsaal I der Hochschule – und muss sich nur eines anhören: Kritik. An die 100 Studenten sind gekommen, die meisten haben ihren Bachelor-Abschluss frisch in der Tasche. Doch von Examensfeier-Stimmung keine Spur. Die Studenten sind sauer, weil die Uni ihre Bewerbung um einen Platz im Master-Programm abgelehnt hat. Und das oft trotz sehr guter Noten.

Thilo Heyer ist so ein Beispiel. Seinen Bachelor hat der 22-Jährige mit der Note 2,0 bestanden – eine weit überdurchschnittliche Leistung an der anspruchsvollen Fakultät. Heyer gehört zu den besten 16 Prozent seines Jahrgangs.

Für einen Platz im Masterprogramm mit dem Schwerpunkt "Corporate Development" reicht es trotzdem nicht. Dafür hätte Heyer eine 1,8 gebraucht. Ein Ergebnis, das viele Absolventen weniger renommierter und anspruchsvoller Hochschulen vorweisen können. Bewerber von Fachhochschulen und Berufsakademien ziehen an Kölner Spitzenstudenten vorbei.

An anderen Top-Fakultäten für BWL und VWL ist die Läge ähnlich: Einerseits umwerben die Unis Studenten mit dem Versprechen einer überdurchschnittlich guten Bachelor-Ausbildung. Andererseits vergeben sie viele Masterplätze an Bewerber von zweit- und drittklassigen Hochschulen, die auf dem Papier bessere Noten mitbringen. An der Frankfurter Goethe-Universität hat fast jeder dritte Master-Student in Wirtschaftswissenschaften seinen Bachelor an einer Fachhochschule oder Berufsakademie erworben.

Schwächen im System

All das ist eine Konsequenz des Totalumbaus der Hochschullandschaft, der ab 1999 nach einem Beschluss der europäischen Bildungsminister in der norditalienischen Universitätsstadt Bologna begann. Formal sind die Reformen abgeschlossen: Bachelor- und Masterstudiengänge haben die Diplom-, Magister- und Ingenieur-Abschlüsse abgelöst – nach einem quälenden Umbauprozess, in dem Unis jahrelang mit sich selbst beschäftigt waren und ihre Studiengänge komplett umgekrempelt haben. Doch jetzt hat die erste Generation von Bachelor-Studenten ihr Studium erfolgreich abgeschlossen – und es offenbaren sich gewaltige Schwächen im System.

Eigentlich sollte der auf sechs Semester ausgelegte Bachelor zum Regelabschluss werden, damit der Großteil des akademischen Nachwuchses früher ins Berufsleben startet. Der auf den Bachelor folgende Master-Abschluss war nur für eine kleine Elite von Top-Studenten gedacht.

Beispiel München: Rund 600 Studenten sind an der Ludwig-Maximilians-Universität (LMU) für einen Bachelor in Wirtschaftswissenschaften eingeschrieben. Für den darauf aufbauenden Master of Science in Betriebswirtschaftslehre hat die LMU nur 91 Kandidaten zugelassen. Tatsächlich aber ist die Nachfrage nach Master-Plätzen viel größer als die Kapazitäten. Die Frankfurter Goethe-Uni hat für die 413 Plätze in Wirtschaftswissenschaften fürs nächste Semester 1 600 Bewerbungen erhalten. Bei den Hamburger Wirtschaftswissenschaftlern gingen für 170 Master-Plätze 1 140 Bewerbungen ein. Seit einer guten Woche hagelt es auch im Norden Absagen.

Mehrere Faktoren sind für den Run auf den Master verantwortlich. Nicht wenige Arbeitgeber beäugen die neuen Kurz-Studiengänge noch skeptisch; und die Wirtschaftskrise macht Berufseinsteigern das Leben zusätzlich schwer. Zudem sehen sich viele Studenten nach drei Jahren an der Uni schlicht noch nicht am Ende ihrer akademischen Karriere. 89 Prozent der Bachelor-Studenten denken über ein weiterführendes Studium nach, und 45 Prozent haben sich fest für eine Weiterqualifikation entschieden, zeigte jüngst eine Umfrage des "Zeit"-Verlags unter 4 000 Studenten.