Michael Stawicki, Präsident der Hamburger Hochschule für Angewandte Wissenschaften (HAW), hat kürzlich noch einmal gesagt, dass Studenten beim Abfassen einer Arbeit  "hohen Anforderungen an wissenschaftliche Ehrlichkeit" verpflichtet sind. Und er stellte auch gleich eine eigentlich rhetorische Frage: "Um wie viel mehr müssen wir von Professoren ein einwandfreies Verhalten erwarten?"

Gegebener Anlass waren schlechte Nachrichten über einen Kollegen . Der Dozent soll rund ein Dutzend Aufsätze eines Ghostwriters, zum Teil Plagiate, unter seinem eigenen Namen veröffentlicht haben. Unrühmliche Krönung der Dreistigkeit war offenbar ein Antrag auf die Hochschullehrerprüfung für die Unilaufbahn (Habilitation) mit einem Buch, das seitenlang von seinem Ghostwriter und dessen Textklau bei anderen zu stammen scheint. Ans Licht kam das in einem anderen Gerichtsverfahren, in dem der Professor als Zeuge geladen war. Der will aber krankheitsbedingt zu ZEIT ONLINE nichts dazu sagen.

Weil aber Professoren für Studenten eine durch das Beamtenrecht vorgeschriebene Vorbildfunktion haben, hatte der Präsident sofort ein Disziplinarverfahren gegen den Beamten eingeleitet. Nach ersten Erkenntnissen stellte die HAW bereits vor Monaten gegen den Hochschullehrer Strafanzeige wegen Betrugs, wie Verwaltungsleiter Bernd Klöver sagt. Die Staatsanwaltschaft legte ein Aktenzeichen 5511 AR 19/10 an. "Damit ist unser Disziplinarverfahren erst einmal unterbrochen", so Klöver dieser Tage. "Mal sehen, was die Staatsanwälte ermitteln." Das klingt nach rückhaltloser Aufklärung, die in vergleichbaren Fällen aus der letzten Zeit, etwa in Berlin , Darmstadt oder Potsdam, nicht selbstverständlich schien.

Anscheinend hat die Hochschulleitung aber ein Detail übersehen: Das Kürzel AR steht für "Allgemeine Rechtssachen" mit mangelndem Tatverdacht – oder "Sonstiges" im üblichen Sprachgebrauch. "Im konkreten Fall sind wir noch nicht im Ermittlungsverfahren, ob die Betrugsanzeige rechtlich und tatsächlich auf eine Straftat hindeutet", erläutert Staatsanwalt Bernd Mauruschat. Bei seiner Behörde laufen im Jahr 300.000 Strafanzeigen ein, viele sind viel triftiger als Plagiieren.

Der Betrugsvorwurf steht und fällt mit dem Nachweis, dass der Textdieb einem anderen Autor einen finanziellen Schaden zugefügt hat. Der lässt sich bei wissenschaftlichen Veröffentlichungen aber nur schwerlich beziffern und somit strafrechtlich kaum bewerten. Offenbar hat deshalb auch kein direkt Betroffener in Hamburg Anzeige erstattet. Mit Gefängnis kann allerdings bestraft werden, wer einen unlauter erworbenen Titel führt . Der Hamburger Professor hatte sein fragwürdiges Habilitationsgesuch an der Uni Erlangen-Nürnberg aber schnell wieder zurückgezogen. Ein Bonner Gericht hatte die Uni gewarnt. Die Hochschule ließ die Sache auf sich beruhen und verzichtete auf eine Meldung an die Dienststelle des Bewerbers.